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Abenteuer/Kampagne Spielbericht (Advanced) Dungeons & Dragons Von Feuer und Düsternis – Erzählungen aus Euborea

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Sitzung 37 - Der Kampf um die Adlerburg II - Teil II

Es war das erste Jahr nach meiner Flucht aus Nebelheim, als ich durch die seltsamen Lande der Oberwelt ritt. Die einst schwache Seele ward wiedergeboren. Er war mir wie ein Bruder geworden. Stark im Glanz Jiarliraes, glorreich im Ruhm seiner Taten. Doch er blickte zurück in die Schatten seiner Vergangenheit, die bis jetzt ein für ihn undurchdringbares Geheimnis bedeuteten. In ihm loderte ein Feuer, das er als Fackel des Hasses vor sich hertrug. Ich lauschte den Worten, die sie sprachen, als er den verlorenen Ritter traf:

Bargh: „Akran, wacht auf. Was zum Teufel hat euch in diese Lage gebracht?“
Akran: „Ahhhh… mein einstiger Schüler, kann es sein? Oder ist das eine weitere Illusion von euch Bastarden?“
Bargh: „Wagt es nicht meinen alten Namen zu sprechen. Ihr habt euren Pfad gewählt und er führt euch in Leid und Verderben. Ich bin jetzt Bargh, der Drachentöter und ich diene der größten unter allen Göttern. Jiarlirae ist mehr als Feuer und Schatten, mehr als die Summe aller Teile!“
Akran: „Haha, der kleine Säufer mit dem schwachen Geist. Ich wusste, dass ihr euch abwenden werdet. Dass ihr dem wahren Torm nicht würdig seid, war abzusehen. Ich hätte euch weiter züchtigen sollen.“
Bargh: „Einen Teufel hättet ihr sollen. Ich bin in die Hölle hinabgestiegen und ich bin wiedergeboren worden. Ich habe die wahre Macht gesehen, für die ich bestimmt bin, zu dienen… Doch eine Gelegenheit will ich euch geben Akran. Wendet euch ihr zu, Jiarlirae. Wendet euch ihr zu und erkennet ihre wahre Macht. Verpfändet eure Seele an Feuer und Schatten.“
Akran (lacht… versucht dann zu spucken): „Ein kleiner feiger Säufer wart ihr und der werdet ihr auch bleiben.“
Bargh (dreht Gesicht von Akran mit Panzerhandschuh zur Seite): „Dann sollt ihr ihn nicht mehr erleben, unseren glorreichen Ritt. Wir werden reiten und der Krieg wird toben – wir werden reiten und du wirst sterben. Wir werden reiten durch die verglimmende Asche dieser Welt.“ (Bargh stößt die Klinge unter dem Rippenbogen Richtung Herz. Ein Aufseufzen ist von Akran zu hören).


Wulfgar zitterte am ganzen Körper als er nach vorne stürmte. Seine tiefe Wunde an der Seite drohte wieder aufzubrechen. Sie hatten mehrere Tage in einem verlassenen Wachturm der Burg verbracht. Eine Zeit in der sie sich von den Vorräten ernährt hatten, die sie hier gefunden hatten. Bargh und Neire hatten sich immer wieder um seine Wunden gekümmert, hatten seine Verbände erneuert. An die ersten zwei Tage konnte sich Wulfgar kaum erinnern. Am ersten Tag hatte er wohl in einem Koma gelegen. Am zweiten Tag hatte er hauptsächlich geschlafen. Doch die Wunden hatten sich nicht entzündet und so waren sie wieder aufgebrochen, die oberen Gemächer der Burg zu erforschen. Zuerst schienen die Gemächer wie verlassen gewesen zu sein. Doch dann waren sie auf den Saal des einstigen Anführers der Burg gestoßen. Dort hatten sie eine menschengroße Gestalt an einem Schreibtisch gesehen, die schwärzliche Augen, Reißzähne und einen wulstigen Schädel hatte. Dunkles schütteres Haar fiel ihr bis über die Schultern. Die muskulöse Kreatur hatte einen Handschuh an einer ihrer Hände getragen, der von Metallplatten besetzt war. Doch anstatt sich dem Kampf zu stellen hatte die Kreatur einen schwarzen Edelstein zertrümmert und „Fahre zur Eins!“ gemurmelt. Dann hatte sie sich mit dem Juwelenstaub in Nichts aufgelöst. In diesem Moment hatten sie das gutturale Schreien und mächtige Schritte aus dem Raum gehört. Eine fast drei Schritt große Kreatur kam ihnen entgegen. Fettleibig und muskelbepackt. Unter einem übergeworfenen gelblichen Fell war dunkle Körperbehaarung zu sehen. Aus einem runden Schädel funkelten zwei schwarze Augen voller Hass – aus dem Hauer-besetzten Maul geiferte die Kreatur lange Fäden von Sabber. Als der Kampfschrei des Drachentöters den Raum durchdrang reagierte er mechanisch. Doch Bargh stürmte bereits auf die Gestalt zu, bevor er reagieren konnte. In diesem Moment sah er einen Degen von hinten durch den Wanst des Monsters dringen. Blut sprudelte auf. Fast im gleichen Moment trafen zwei Hiebe von Bargh die Kreatur. Der erste durchschnitt die Haut der Seite, doch der zweite traf eine Halsschlagader. Unter einem Aufsprudeln von Blut brach das, was Wulfgar aus alten Legenden als Oger kannte, zuckend zusammen.​
 

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Sitzung 38 - Der Kampf um die Adlerburg III

Es war Ruhe eingekehrt in den oberen Gemächern der Burg. Neire, dem das Blut noch immer in den Ohren pulsierte, hielt zitternd seinen rot verschmierten Degen und blickte sich um. So gut es ging lauschte er nach weiteren Zeichen von Angreifern. Doch aus dem nobel eingerichteten Saal des einstigen Obersten der Adlerburg hörte er nur das Rauschen des stärker gewordenen Windes, der sich an den Schießscharten brach. Er stieg hinweg über den riesenhaften Leichnam des Unholdes und begann das Gemach zu betrachten. Wunderschöne gestickte Wandteppiche, die stilisierte Jagdszenen darstellten, bedeckten die Wände. Im schwachen Licht war ein verzierter Schreibtisch zu sehen, der sich in einer Ecke des Raumes befand. Neire bewegte sich auf das edle Möbelstück zu und begann dieses zu untersuchen. Als er keine Fallen finden konnte, öffnete er die unverschlossenen Schubladen. Neben einigen Schätzen fand er zwei leichte Schreibfedern und ein altes Buch, dem er augenblicklich seine Aufmerksamkeit widmete. Wie aus der Ferne vernahm er jetzt die Stimmen von Bargh, Wulfgar und Rognar, die sich über die Rüstungen berieten, die sie hier entdeckt hatten. Er vertiefte sich in das Pergament. So konnte er schon bald feststellen, dass es sich um eine Anleitung für ein magisches Gefängnissystem der Burg handelte. Die Zellen waren in imaginären Orten untergebracht, die wohl weder von dieser Welt waren, noch eine stetige Abbildung von Raum und Zeit besaßen. Eine lebende Seele konnte mithilfe eines speziellen schwarzen Kristalls in eine Zelle gebannt werden, indem zum Beispiel die Worte fahre zu Eins gerufen wurden. Neire wurde sofort klar, dass sich die Kreatur anscheinend in eine dieser Zellen gebannt hatte, um ihnen zu entgehen. Doch auch die Hervorrufung von einst gefangen gesetzten Seelen war vorgesehen. So sollte es weiße Kristalle geben, die in der Mitte einer doppelten Spirale platziert, einen Gefangenen befreien konnten. Diese Spirale sollte sich in einem bemalten Raum befinden. Zur Befreiung musste zum Beispiel komme hervor aus der Eins gerufen werden, um den Mechanismus in Gang zu setzen. Neire stöberte im Buch und las noch einige weitere Seiten, die lange Listen von Inhaftierten und Freigelassenen beinhalteten. Dann entschied er sich dazu seine Kameraden von dem Fund zu unterrichten und auf die Suche nach dem bemalten Raum zu gehen.

Fackellicht durchdrang den achteckigen Raum. Der Geruch von brennendem Teer hatte sich bereits ausgebreitet. Neire näherte sich vorsichtig der Säule, auf die sein Kamerad gezeigt hatte. Bargh hatte diese mit seinem schweren Panzerhandschuh abgeklopft und dabei war der alte Putz nach innen weggebrochen. Dann hatte er Neire den Vortritt gelassen. Eine vorsichtige Suche nach Fallen offenbarte keine Gefahr. Er begann das bröckelige Gestein weiter zu entfernen. Dahinter war ein kleiner Hohlraum zu sehen, in dem eine von goldenen Verzierungen bedeckte Holzschatulle ruhte. Vorsichtig griff Neire hinein und zog das seltsam leichte Objekt hervor. Er öffnete das Kästchen, doch er sah keinen Boden. Es war, als ob das Licht der Fackel dort verschluckt werden würde. Langsam griff er durch die Öffnung hindurch und tatsächlich verschwand sein Arm fast bis zur Schulter im Inneren. Er hatte von solchen Zaubern schon einmal gehört. Dimensionsmagie, die den Ort verzerrte – kleine Türen ins Jenseits an Gegenstände band. Tief im Inneren des Objektes ertastete er einen kleinen Beutel, dessen genauere Untersuchung vier milchig schimmernde Kristalle hervorbrachte. Das musste also der Ort mit dem geheimen Vorrat der Wiederhervorrufungssteine sein. Also könnte auch vielleicht der Raum mit der Spirale nicht weit sein. Er betrachte die Wände, die mit einer Art Rundumblick des Herrenhauses der Familie Arthog bedeckt waren. Sie zeigten den Familiensitz der einstigen Herrscher von Berghof in der Vergangenheit. Der Zahn der Zeit hatte noch nicht an den Gemäuern genagt. „Ich habe die Kristalle. Es muss hier irgendwo sein. Lasst uns weitersuchen.“ Sprach Neire und deutete auf die Wände des Raumes. Jetzt bewegten sie sich alle an die verbliebenen Bilder und begannen sie abzutasten. Es herrschte eine bedrückende Stille. Diesmal war es Neire, der fündig wurde. Einer der Rahmen ließ sich bewegen, als würde er von Scharnieren gehalten. Vorsichtig zog Neire das geheime Portal auf. Dort hinter konnte er einen kreisrunden Raum erspähen. Im Fackellicht glitzert ein Muster auf dem Boden. Zwei in sich verschachtelte Spiralen mit jeweils vier Armen sowie schwarzer und weißer Färbung. In der Mitte war eine kleine Mulde zu sehen. Er betrat mit Bargh den Raum und blickte sich nach Rognar und Wulfgar um. „Wir werden diese Kreatur aus der Zelle befreien. Bewacht ihr den Eingang. Keiner soll entkommen.“ Er sah, wie die beiden ihre Schwerter zogen. Auch Bargh machte sich angriffsbereit. Neire zog zitternd vor Aufregung einen der weißlichen Kristalle hervor und legte ihn in die Mitte. Dann begann er zischelnd die Worte zu murmeln: „Komme hervor aus der Eins.“ Nachdem er das letzte Wort gemurmelt hatte, ließ er sich unter seinem Tarnmantel in die Schatten sinken. Zuerst passierte nichts, doch dann begann der Stein zu schmelzen wie ein Stück Butter in einer Pfanne. Weißer Nebel stieg auf. Dann wurden Konturen sichtbar. Vor ihnen erschien, ohne Zweifel, die Gestalt aus dem Gemach des Obersten der Burg. Sie hatte beide Hände zu Fäusten geballt. Vom schwarzen Handschuh fehlte jede Spur. Ihre schwärzlichen Augen waren zusammengekniffen und glänzten, wie von einer Tollwut erfasst, hasserfüllt. Ihr grobschlächtiges Gesicht schaute sich ruckartig um. Bargh reagierte und stach mit seinem Schwert zu. Blut strömte auf und die Gestalt begann zu schreien. Dann rammte ihr Neire den Degen von hinten in den Rücken. Er hatte Glück und durchbohrte das Herz des Wesens. Blutspuckend brach der einstige Handschuhträger vor ihnen zusammen. Nach einer kurzen Beratung entschieden sie sich weitere Kreaturen aus den Zellen hervorzurufen. Neire legte einen der verbliebenen Kristalle in die Mulde und begann erneut zu murmeln: „Komme hervor aus der Vier.“ Wieder begann der Edelstein zu schmelzen. Aus dem Nebel stieg jedoch diesmal eine größere Kreatur hervor. Sie besaß zwei Köpfe, Krallen und eine bräunliche Hautfarbe. Das Monster war in einen Pelz gekleidet, den es wie eine Schürze trug. Tatsächlich konnte Neire sehen, dass sich die Gestalt den Handschuh übergestreift hatte. Das Wesen fing an zu brüllen als Bargh sein Schwert nach vorne schnellen ließ. Zwei mächtige, doch gezielte Hiebe schnitten tiefe Wunden; brachten dunkles Blut hervor. Dann stach Neire in den Rücken des Wesens. Auch diesmal hatte er Glück und sein Degen drang tief hinein. Unter einem weiteren Stich ging die Kreatur zu Boden, doch sie konnten sehen, dass das Monster noch atmete. Neire beugte sich hinab und durchbohrte abermals den Brustkorb mit einem Stich. Erst jetzt sah er, dass sich einige Wunden bereits wie von Geisterhand geschlossen hatten. „Rognar, reicht mir die Fackel zischelte er.“ Nur langsam und von Furcht fast gänzlich übermannt, näherte sich der ältere Söldner. Neire nahm die Fackel und begann den Pelz des Wesens zu entzünden. Es setzte ein Zucken ein, als die Flammen die Haut berührten. Bereits geschlossene Wunden brachen wieder auf und weiteres Blut strömte hinaus. Der geheime unterirdische Raum wurde von einem penetranten Gestank von verbranntem Fleisch erfüllt. Jetzt hörte Neire plötzlich eine Stimme in seinem Kopf, wie ein wehleidiges Klagen. Doch er konnte kein Geschlecht, kein Alter ausmachen. Hört mich an. Helft mir und nehmt mich auf. Ihr könnt mein Träger sein und ich kann euch Macht geben, große Macht. Alles wonach euch gelüstet kann euer sein. Neire blickte sich überrascht um, doch die Stimme schien aus Richtung des schwarzen Handschuhs zu kommen. Er brauchte einige Zeit um sich an die alten Geschichten und Legenden zu erinnern. Der schwarze Handschuh war ursprünglich als Waffe in den Küstenlanden erschaffen worden – erschaffen, um die Adlerburg zu vernichten. Doch für diese Aufgabe benötigte er einen mächtigen Träger. Auch würde er versuchen seinen Träger zu einer willenlosen Marionette zu machen. Diese Marionette sollte den Erschaffern des Handschuhs dann dienen. Neire dachte einen weiteren Moment nach, dann fing er an zu sprechen. „Wem dient ihr, Stimme? Wer ist euer Herr?“ Ich diene meinem Träger und nur meinem Träger. Meine Erschaffer, die mächtigen Magier der Küstenlande, sind längst tot. Neire war nicht zufrieden mit dieser Antwort. Für einen kurzen Moment hatte er darüber nachgedacht den Handschuh aufzunehmen. Doch jetzt waren seine Gedanken bei seiner Göttin und seinem alten, geliebten Nebelheim. „Ich diene meiner Göttin, der Schwertherrscherin. Sie gibt mir die Macht, die ich brauche. Sie hält die Schlüssel zum Jenseits.“ Neire ging zu Bargh und flüsterte ihm zu, ihm den weißen Handschuh aus dem Rucksack zu geben. Als Bargh diesen hervorholte, kam Neire Fäulnisgeruch entgegen. Noch immer steckte der abgehackte Arm des Skulks im weißen unbefleckten Leder. Auch von diesem Handschuh spürte Neire Regungen ausgehen. Doch es waren keine Worte die er vernahm. Vielmehr das Gefühl von Eile, vergleichbar mit einer Art Atemnot. Als ob eine große Katastrophe lauerte und weiteres Warten in den Zustand der Lähmung und damit in den sicheren Tod führen würde. So nahm er den weißen Handschuh am verfaulten Arm und schritt auf die noch schwelende Kreatur zu. „Ihr dient nicht Ihr. Ihr werdet Ihr nicht dienen. Jiarlirae ist Feuer und Schatten und sie ist mehr als das.“ Neire hörte jetzt eine flehende Stimme vom schwarzen Handschuh ausgehen. Doch… ich kann. Ich kann ihr dienen. Jiarlirae. Ich kann ihr dienen. Doch die Worte kamen zu spät. Neire hatte bereits den weißen Handschuh in den schwarzen geführt. Als ob sich beide die Hände gäben. Augenblicklich fuhr ein Lichtblitz durch den Raum. Die Zeit schien stillzustehen. Der Raum wurde in Nebel gehüllt. Und dann war da die Adlerburg, wie aus der Ferne betrachtet – ein Trugbild, eine Illusion? Zwei riesenhafte Nebelgestalten entwuchsen den milchigen Schwaden um die Burg. Eine weiß, die andere schwarz. Sie hoben ihre Fäuste und begannen zu kämpfen. Doch es konnte keinen Sieger geben und beide gingen in einem gleißenden Licht auf. Als Neire wieder die Augen öffnete, sah er, dass beide Handschuhe langsam zu Asche zerfielen. Nur die vier Juwelen aus dem Handballen des schwarzen Handschuhs blieben übrig. Er drehte schweigend zu Bargh um, der die Illusion anscheinend nicht gesehen hatte und nickte ihm zu. War das Geheimnis um die magischen Erschaffer aus den Küstenlanden gelüftet?

Es war etwas wärmer geworden und die Sonne brach hier und dort durch die Wolken. Bargh war mit Neire in Richtung der Küstenlande geritten. Sie hatten Rognar und Wulfgar in der Burg verabschiedet und er hatte sie aus seinem Kommando entlassen. Beide wollten in das Herzogtum Berghof zurückkehren. Sie würden dort wohl als große Helden gefeiert werden und die Legende von Bargh, dem Drachentöter verbreiten. Er hatte sich im Spiralraum über die Großzügigkeit von Neire gewundert, hatte doch sein junger Begleiter den beiden Söldnern einen der verbliebenen Edelsteine überlassen. Erst nachher hatte Neire ihm die Wahrheit erzählt. Er hatte bei diesem Edelstein einen unsichtbaren Fluch entdeckt. Sein Träger sollte den Stein nicht mehr loswerden können und im Kampf würden sich alle Gegner dem Träger zuwenden. Neire hatte Rognar und Wulfgar die Wahl gelassen und Rognar hatte gierig zugegriffen. Abschließend hatte der Söldner von dem Wert gesprochen und was er sich davon alles kaufen würde. Jetzt musste auch Bargh über diese Wendung lachen. Sie hatten sich danach mit weiterer Verpflegung der Burg ausgerüstet und waren dem Adlerweg in für sie unerforschte Gebiete gefolgt. Neire waren auf dem Weg weitere Details über den Tempel der Ehre eingefallen. Der Tempel solle sich nicht auf dem Festland, sondern auf einer Insel im Meer befinden. Zudem waren die im Tempel ausgebildeten Priester und Soldaten wohl eine Ordnungsmacht, die in den Küstenlanden ihre Verbreitung gefunden hatte. Bargh hatte darüber eine Zeit gegrübelt. Allerdings hatte es Jiarlirae gut gemeint mit ihm. Nach ihrem Sieg auf der Adlerburg hatte ihm Neire einen der grünlichen Juwelen gegeben, den er jetzt bei sich trug. Schon nach kurzer Weil hatten sich seine Wunden geschlossen und er fühlte sich stärker als je zuvor. Nach einer weiteren Nacht am Fluss hatten sie das Gebirge langsam verlassen. Irgendwann hatten sie in der Ferne ein Dorf gesehen, dem sie sich jetzt näherten. Ein rudimentärer Erdwall und eine Palisadenmauer aus angespitzten Holzstämmen stellten die Wehranlage des Dorfes dar. Vor dem geschlossenen Eingangstor waren drei Krieger zu sehen, die eine starre Haltung angenommen hatten. Alle drei trugen einen leuchtend gelben Waffenschurz. Als sie sich bis auf etwa zwanzig Schritte genähert hatten, hob der mittlere Mann seine Hand. „Halt im Namen des Magistraten von Dreistadt, halt! Es gibt keinen Zutritt zu diesem Dorf, keinen Zutritt nach Mühlbach!“ Einen kurzen Moment frage sich Bargh, was hier wohl passiert war, dann bemerkte er den feinen dunklen Rauch, der hinter dem Wall aufstieg. Sie beteuerten, kein Interesse am Zutritt zu haben und weiterreisen zu wollen. Damit senkte sich die Anspannung der Soldaten deutlich. Bargh und Neire konnten in Erfahrung bringen, dass die Männer Diener des Tempels der Ehre waren – Diener des Gottes Torm. In dem Dorf hatte die Pest gewütet und alle verbliebenen Bürger dahingerafft. Aus diesem Grund war jeder lebenden Seele der Zutritt zum Dorf verwehrt. Bargh hob zum Abschied die Hand, doch innerlich dachte er an seinen alten schwachen Lehrmeister, an den Tod von Akran. Er malte sich aus, wie diese Männer durch seine Hand sterben würden.​
 

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Sitzung 39 - Auf zu neuen Ufern

Neire und Bargh hatten ihre Pferde um den Palisadenwall gelenkt, um das Dorf Mühlbach zu umgehen. Die Wachen hatten ihnen noch einen Moment nachgeblickt, sich aber dann wieder ihrer Aufgabe gewidmet. Noch immer war der leichte Verwesungsgeruch zu vernehmen, der zusammen mit dem dünnen Rauch von dem Dorf ausging Die Sonne stand schon hoch und es musste später Vormittag sein. Die Strahlen hatten jedoch langsam an Kraft verloren, als ob sich der Herbst langsam anbahnen würde. Umgeben war Mühlbach von einer kargen Landschaft, die zu einem Teil aus kleinen verkrüppelten Kiefern und zum anderen Teil aus kargem Sand sowie einem Bruchland bestand. Mittlerweile waren im Palisadenwall einige handgroße Spalte zu sehen, die einen Blick in das Innere von Mühlbach erlaubten. Als sie die Wachen aus den Augen verloren hatten, drehte sich Neire zu Bargh um. „Wartet einen Moment, Bargh. Ich werde einen Blick durch die Stämme wagen.“ Sprach Neire und sattelte elegant von seinem Pferd ab. Er sah seinen Begleiter wortlos nicken und näherte sich dem Wall. Sein Blick offenbarte ihm ein kleines Dorf, das aus schilfbedeckten Holzhütten bestand. Nur ein prominentes Gebäude stand in der Nähe des Flusses und war als Mühle mit einem Anbau zu erkennen. Neire konnte auch feststellen woher der Verwesungsgeruch kam. Hier und dort sah er Leichen zwischen den Häusern liegen. Die Leiber hatten aufgedunsene Oberkörper und waren teils grausam von Beulen und Eiter gezeichnet. Zwischen den Häusern konnte er zudem leichten Rauch von niedergebrannten Feuern aufsteigen sehen. Sonst bemerkte er keine Bewegung. Augenblicklich fing sein Herz an zu pochen als sich in seinem Kopf der Gedanke formte. Was sollte er sich auch diesen oberweltlichen Regeln unterwerfen... „Bargh, ich werde mich einmal umschauen. Falls ich nach einer kleinen Weile nicht zurück bin, lasst die Pferde zurück und folgt mir“, raunte er jetzt in den leichten Wind und zog sich den Tarnmantel über. Geschickt kletterte Neire über den Zaun und ließ sich auf der anderen Seite hinabsinken. Er versuchte sich, soweit es ging, in den Schatten der Gebäude zu bewegen. Schon bald kam er an dem ersten Leichnam an, konnte jedoch neben den Zeichen der Krankheit keine Besonderheiten feststellen. Vielmehr betrachtete er immer wieder die Einfachheit der Hütten und fragte sich, ob alle Orte der Oberwelt in dieser primitiven Weise errichtet worden waren. Als Neire so für einen Moment verweilte, hörte er ein Geräusch in dem Rauschen des Baches, das sehr leise, aber markant war. Wie ein Reißen von Fleisch und ein schmatzendes Schlingen. Er entschied sich diesem weiter nachzugehen und schlich auf die Mühle zu, von wo er glaubte das Geräusch zu hören. Am Anbau angekommen, bemerkte er eine geschlossene Türe, aber geöffnete Fenster. Das Schmatzen war jetzt deutlich aus dem Inneren zu hören und der Gestank von Verwesung war hier penetranter. Neire zog sich lautlos durch das Fenster in den verlassenen Wohnraum. Er hörte das Geräusch von einer Treppe, die in den Keller hinabführte. Vorwärts schlich er und je weiter er vorankam, desto penetranter wurde der Leichengestank. Die Kellertreppe, die dort hinabführte, war aus einfachem Lehm. Das Schmatzen kam von unten. Er tastete sich vorsichtig voran und versuchte den Würgereiz zu unterdrücken. Schließlich konnte er die Dunkelheit durchblicken. Als er um den Treppenabsatz herumschaute, sah er einen einfachen, in den Lehm geschlagenen, Kellerraum. Das Kopfende des Raumes war mit einem Berg von Leichen bedeckt. Eiter und Wundsekret rann von den menschlichen Körpern hinab und hatte bereits eine kleine Pfütze gebildet. Der Gestank war nicht zu ertragen. Doch in dem Raum sah er Bewegungen. Drei entstellte Leichname krochen auf dem Haufen herum und schlugen lange Hauer in das tote Fleisch. Die Kreaturen erinnerten nur noch im Entferntesten an Menschen. Sie trugen Reste von Kleidung, waren von Beulen und aufgedunsenen Körpern gezeichnet und hier und dort kam der blanke Knochen hervor. Es schien sich um eine Familie des Grauens zu handeln. Neben einem Mann, waren eine wohl noch schwangere Frau und ein Säugling zu sehen, wobei letzterer noch seine Nabelschnur hinter sich herzog. Die Untoten glitten hinweg über die Toten in einer vergänglichen Anmut, während sie das schwache Fleisch zerrissen. Der Gestank und die Szenerie erzeugten in Neire eine Art Lähmung, die zum einen in dem Terror des Anblicks und zum anderen in der morbiden Faszination des Todes beruhte. Er beneidete die Kreaturen nicht, die die Hingabe zu Jiarlirae nicht kannten. Kreaturen, die den Dualismus von Feuer und Schatten nicht zu ergründen versuchten. Als er einen Schritt in den Raum machte, spürte er, dass er sich übergeben musste. Er nahm alle Kraft zusammen und versuchte das Erbrochene hinunterzuwürgen – keinen Laut zu erzeugen. Er zitterte am ganzen Körper. Tatsächlich gelang es ihm langsam Kontrolle zu gewinnen und Abstand von dem Schauspiel zu nehmen. Der Geist der Sehnenden Jiarliraes stand über allem. Der Wille triumphierte, auch über dem Tanz der Toten.

Bargh hatte einige Zeit lang auf Neire gewartet. Er hatte gegrübelt über seinen alten Lehrmeister. Er hatte sich gefragt, ober er ihn nicht auch eher hätte töten können. Doch damals war er ein geistiger Sklave gewesen. Ein Sklave des Gottes, dem die Diener des Tempels der Ehre sich hier ergaben. Niemals… nein, niemals hätte er eine andere Entscheidung getroffen, als seinen ehemaligen Meister in der Adlerfeste zu ermorden. Er hatte es genossen, jeden einzelnen Moment. Einzig die Beleidigungen nagten noch immer an seinem Selbstbewusstsein. Als er das Zischen hörte, drehte er sich ruckhaft um, doch instinktiv wusste er, dass es sich um die Stimme Neires handelte. „Bargh, es gibt dort Kreaturen – nicht lebendig und auch nicht tot. Im Gebäude der alten Mühle. Sie hätten mich fast erkannt und dann…“ Bargh sah, dass Neire am ganzen Körper zitterte und sich geschickt auf sein Pferd zog. Neire lenkte sein Pferd hinfort, weiter an dem Wall entlang und blickte sich nach ihm um. „Neire, was dann…? Was wäre gewesen?“ „Vielleicht… vielleicht wäre ich jetzt einer der ihren, ein alter Fluch… doch ich glaube nicht, dass der Geist der Anhänger Jiarliraes derart unterlegen ist… Bargh… lasst uns beten zu unserer Göttin… und lasst uns dabei Wein trinken!“ Bargh sah, dass Neire bereits einen Schlauch aus der Satteltasche seines Pferdes hervorgezogen hatte und einen tiefen Schluck nahm. Sein junger Begleiter, dem die Angst noch immer anzusehen war, reichte ihm lächelnd den Schlauch und er nahm ihn gerne an. Mehre tiefe Züge des kostbaren Getränks aus der verlassenen Feste schlang er in sich hinein. Währenddessen ritten sie weiter an dem Wall von Mühlbach entlang. Als sie auf der gegenüberliegenden Seite des zuvor passierten Eingangs in das Dorf ankamen, sahen sie zwei Krieger, die hier Wache standen. Es war ein ungleiches Paar: Der Anführer älter und in einen gelben Schurz mit Kettenhemd gekleidet. Der zweite Wächter war jünger, vielleicht gerade volljährig und trug eine Lederrüstung. Als sie sich näherten, hob der ältere Krieger die Hand und rief ihnen bestimmende Worte zu: „Haltet ein! Das Dorf ist für einen…“ „Ja, wir wissen es schon. Mühlbach ist gesperrt für Reisende. Wir haben bereits mit Weismar am anderen Eingang gesprochen. Ihr könnt euch eure Worte sparen.“ Bargh spürte den aggressiven Unterton in Neires zischelnder Stimme, als sein Begleiter den älteren Wächter unterbrach. „Wem dient ihr hier, der euch das befiehlt? Wem dient ihr Menschen?“ Bargh bemerkte, dass beide Wachen irritiert waren vom Singsang und von der zischelnden Stimme Neires. Doch nach einem kurzen Moment der Stille erhob der Ältere das Wort. „Wir dienen Clavius, dem Herrscher von Dreistadt. Lang möge er leben.“ Sie waren mittlerweile bis auf einige Schritte an die beiden herangeritten und Bargh bemerkte die Spannung. „Ihr Menschen seid Sklaven, ihr dient, doch ihr dient einem falschen Herrn. Nennt mir seinen Namen!“ Bargh fühlte, dass Neire jetzt, angetrieben durch den Alkohol und die fanatische Zuneigung zu Jiarlirae, den Angriff suchte. Er sah, dass der jüngere der beiden Anstalten machte sein Schwert zu ziehen um anzugreifen, doch von dem älteren Krieger zurechtgewiesen wurde. Diesmal sprach der ältere Krieger wieder. „Wir sind Krieger des Tempels der Ehre. Wir dienen dem Magistraten von Dreistadt, doch unser oberster Herr ist Torm. Er ist unser Herr der Ehre, des Gesetzes und der Rechtschaffenheit. Nichts für Vagabunden wie ihr es seid…!“ Bargh spürte wie Neire begann wie von einer Mordlust zu kochen. Aber auch er wollte die armseligen Kreaturen vor ihnen zerquetschen, sein Schwert durch ihre schlaffen Leiber stoßen. Bevor er antworten konnte, erhob Neire wieder das Wort. „Nicht Torm sondern Clavius ist euer wahrer Herr, menschliche Sklaven. Torm ist nicht mehr als ein Bastard… Wein ist nichts für euch! Wein ist ein Getränk der Götter, nichts für schwache Geister wie Torm und erst recht nichts für seine Sklaven!“ Bargh sah wie Neire vor den beiden vorbeiritt und den edlen Wein aus dem Weinschlauch in den Dreck ergoss. Bargh war zum Kampf bereit. Er scheute weder das Gemetzel, noch den Tod. Doch er spürte tief in ihm, dass Neire nur aufstachelte. Sein junger Begleiter wollte die Krieger von Torm zu einem Angriff provozieren. Fast gelang ihm diese Provokation, doch der jüngere Krieger wurde erneut zurecht gewiesen von seinem Meister, alsbald er seine Waffe erhob. Bargh spürte den abgrundtiefen Hass stärker werden. Er zog sein Schwert und hob es bedrohlich über seinen Kopf. Doch die beiden Krieger bewegten sich kein Stück weit auf sie zu. Sie bewahrten beide ihre Haltung - Schwerter in den Händen und zum Kampf bereit. So zogen er und Bargh weiter. Weiter Richtung Dreistadt. Sie durchritten die karge Landschaft der Küstenlande und blickten sich nicht mehr um.

„Könnt ihr ein Geheimnis bewahren? Könnt ihr?“ Neires bereits angetrunkene Stimme lispelte stärker und sein angeschwollener Singsang machte die Worte, die er in der gemeinen Sprache murmelte, fast unverständlich. Finnger, ein Bürger von Dreistadt mit dem Neire jetzt sprach, nickte eifrig und rückte mit seinem Ohr näher an Neires Gesicht. Sie füllten gerade die Humpen für die kleine Gesellschaft von Bürgern auf, die sich zu ihnen an den Tisch gesellt hatte. Ariold, der Wirt des Gasthauses hatte sie zuerst unfreundlich und dann immer langsamer bedient. Zuletzt hatte er sich taub gestellt, bis ihn sein Begleiter Bargh dann mit den Worten „Was ist mit euch passiert? Seid ihr als Kind auf den Kopf gefallen oder nur gegen eine Steinwand gerannt?“ zurechtgestutzt hatte. Danach hatte ihnen Ariold zwar Essen gebracht, hatte sich dann jedoch zurückgezogen. Jetzt füllten sie gerade die Humpen und das plätschernde Geräusch des Bieres ließ Neire zurückdenken an den weiteren Teil ihrer heutigen Reise am Fluss Richtung Dreistadt. Sie waren eine Zeitlang durch die karge Landschaft geritten, die von Sträuchern, Sand und Marschland gekennzeichnet war. Von einer Moräne aus hatten sie schließlich die Küste gesehen, an der die Stadt lag. Dreistadt war von imposanten Wehranlagen geschützt und nur die drei Türme ragten aus dem Inneren der Stadt über die Mauern hinweg. Die Portale waren geöffnet gewesen und so waren Neire und Bargh in die Stadt geritten. Im Inneren hatten sie größtenteils arme und verwahrloste Bürger gesehen. Viele Häuser waren verrammelt gewesen oder hatten einen verlassenen Eindruck gemacht. Dreck und Unrat lag auf den Straßen herum. Zuerst hatten sie eine Frau nach den Örtlichkeiten gefragt. Dann waren sie zum kleinen Markt gelangt, auf dem eine größere Ansammlung von Menschen zu sehen gewesen war. Hier waren sie von einem Obdachlosen auf ein paar Groschen angesprochen worden. Er hatte ihnen nur in einer Seitengasse und in paranoidem Gehabe von dem Joch des Tempels der Ehre erzählt. Dass die Priester und Krieger sich ihren Schutz teuer bezahlen ließen. Dass sie in der Stadt nicht besonders beliebt waren. Der stark nach Alkohol und schweiß riechende Mann mit dem nackten Oberkörper, der sich ihnen als Dagwin vorgestellt hatte, hatte ihnen schließlich den Weg in das Gasthaus gewiesen und ihnen von dem Wirt Ariold erzählt. Er hatte ihnen auch berichtet, dass Ariold wohl eine große Menge an Schutzgeld an den Tempel der Ehre bezahle und nicht besonders gut auf dessen Gefolgsleute zu sprechen war. So waren sie schließlich im Gasthaus eingekehrt. Sie hatten gegessen und Bier getrunken, bis sie schließlich mit der lokalen Gesellschaft ins Gespräch gekommen waren. Das Gespräch hatte sich um dies und das gedreht, bis Neire einen möglichen Krieg gegen das Herzogtum Berghof angesprochen hatte. Damit war eine rege, trunkene Diskussion angefacht worden. Neire hatte bereits eine Runde an Bier ausgegeben und holte jetzt mit Finnger die nächste. Er begann nun wieder zu flüstern und musste für einen Moment sein Schwanken kontrollieren. „Vergesst Heria Maki. Sie ist nur eine schwache Göttin des Feuers. Ich diene Jiarlirae, der Göttin von Feuer und Schatten. Sie ist der Schlüssel zu Geheimnissen und Macht. Sie hält die Schlüssel zum Jenseits.“ Neire blickte in das trunkene Gesicht seines Gegenübers, der, soweit es ihm möglich war neugierig schaute. „Wir suchen nach den Geheimnissen der Magier der Küstenlande“. Finnger lachte. „Die alten Sagen, die Magier… Sie sind längst zu Staub zerfallen.“ Neire grinste. „Dann lasst uns auf diesen Staub trinken!“

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Sitzung 40 - Unsere (silberne) Herrin, sie leitet Euch, sie weißt, den Weg

Das einfache Gemach war völlig abgedunkelt. Es musste später Nachmittag sein, denn Neire hatte bereits die ersten Geräusche aus dem weiter unten liegenden Schankraum gehört. Kaum nahm er Notiz von Bargh, der auf einem der einfachen Holzbetten saß, seine Augenbinde abgenommen hatte und ihn betrachtete. Es war jetzt schon einige Zeit her, dass sie aufgestanden waren. Doch er spürte noch immer den Alkohol des gestrigen Abends in seinem Atem. Sie hatten noch länger in der Schenke verbracht. Die beiden Freunde von Finnger hatten schließlich den mit Tischen zugestellten Schankraum mit schwerer Schlagseite verlassen. Finnger war noch länger geblieben, aber schon bald in einen Zustand geraten, in dem er mit halb geöffneten Augen seltsame Dinge gebrabbelt hatte und sich kaum noch am Tisch halten konnte. Auch Neire erinnerte sich an den Rest des Abends nur noch verschwommen. Sie hatten versucht den Wirt Ariold auf die Schutzgelderpressung des Tempels der Ehre anzusprechen. Doch der Wirt hatte stoisch seine neutrale Position eingehalten. Auch auf Finngers betrunkene Rufe - Ariold, diese Bastarde beklauen euch. Ist es nicht so? Ist es nicht so, Ariold? - hatte die in entferntester Weise an einen Aasvogel erinnernde Gestalt des Wirtes nicht geantwortet. Sie waren dann irgendwann in Richtung ihres Gemaches getorkelt, das sie über eine Außentreppe erreichen konnten. Neire hatte die erste Nachtwache übernommen. Am nächsten Morgen hatten sie einige Besorgungen in Dreistadt gemacht und waren schließlich in ihr Gemach zurückgekehrt. Jetzt blickte Neire auf seine zitternden Hände, mit denen er den violett schimmernden Pilz in der kleinen Pfanne umrührte. Ein bitterer, leicht beißender Gestank hatte bereits den gesamten Raum erfüllt. Die Flamme des Lampenöls brannte heiß unter dem Topf. Immer wieder musste er ein plötzliches Aufkochen verhindern. Er durfte sich hier keine Fehler erlauben. In alten Schriften hatte er schon über die violette Version des bunten Vierlings gelesen. Als älteste Variante des Vierlings war dieser für sein starkes Gift berüchtigt. Schon die bloße Berührung der unzubereiteten Pilze konnte tödlich sein. Einigen Sammlern war dieses Schicksal bereits zuteilgeworden. Neire ließ den Sud immer wieder aufkochen, der schon dickflüssiger geworden war. Nur noch wenige Augenblickte, dann war die richtige Konsistenz erreicht. Er dachte zurück an seine Zeit in Nebelheim. Wie er in den alten Wälzern der Bibliothek des inneren Auges gestöbert hatte. Farne, Kräuter und Pilze hatten ihn schon immer interessiert. Doch er hatte nur in Büchern über sie gelesen; hatte sie nie zu Gesicht bekommen. Jetzt kochte der Sud wieder auf. Er hob rasch den Topf von der Flamme und rührte um. Das musste die richtige Zähflüssigkeit sein. Behutsam hob er eine seine vorbereiteten Violen auf und begann den schwarzen Extrakt abzufüllen. Wie flüssiger Teer zog die Substanz lange Fäden. Die Arbeit musste behutsam erfolgen. Kein Tropfen durfte daneben gehen. Diese und noch eine weitere Viole konnte er füllen. Er nickte lächelnd über sein vollbrachtes Werk und dachte bereits an seinen Degen, den er damit bestreichen würde. Vielleicht bis zu zwanzig Menschen würde er mit dem gewonnenen Extrakt töten können.

Bargh nickte Neire zu, der jetzt wieder den Raum betrat. Die Hände Neires zitterten nicht mehr so stark und ein Teil der Anspannung war abgefallen. Bargh sah, dass er die gesäuberten Töpfe des Sturmkochers trug, den sie zuvor beim Schmied von Dreistadt gekauft hatten. Er hatte dann Neire ruhig und interessiert bei seiner Arbeit zugeschaut. Doch innerlich war er aufgewühlt gewesen. Fast als ob Neire Gedanken lesen konnte, kam er auf ihn zu und legte ihm seine Hand auf die Schulter. Immer wieder hatte er sich gefragt, wieso Neire nicht an seine Maske dachte. Hatte er es ihm nicht versprochen? Er blickte in das schlanke, von gold-blonden Locken umrahmte Gesicht seines Mitstreiters und konnte blaue Augen auffunkeln sehen. Neire stelle die Töpfe ineinander und begann feierlich zu sprechen. „Bargh, es ist die Zeit gekommen uns eurer Maske zuzuwenden. Lasst uns damit anfangen.“ Bargh jubelte innerlich auf. Es wich seine verkaterte Depression im Antlitz des neuen Erstrebens. Er sah, dass Neire bereits die skalpierte Haut des riesigen Bergpumas hervorgeholt hatte. Hastig wühlte er in seinem Rucksack nach den grünlichen Schuppen des von ihm getöteten Drachen. Er sah auch das Neire einige der Drachenschuppen auf den kleinen Nachttisch gelegt hatte. Zudem zog sein junger Begleiter den wertvollen schwarzen Opal hervor, den sie im Herrenhaus der Arthogs dem Herz des Wesens aus Dunkelheit entrissen hatten. Während Bargh sich noch um die Anordnung von Schuppen und Opal kümmerte, bearbeitete Neire die Pilze und das Harz zu einem Sud. Er nutze dazu die gesäuberte Pfanne, die er im metallenen Rahmen des Sturmkochers über die Ölflamme gebracht hatte. Nur durch die Hitze verschmolz das Harz mit dem zerkleinerten Pilz. „Schaut, Bargh. Wenn die alten Schriften Recht haben, wird dieser Sud, einst abgekühlt und ausgetrocknet, die Flächen aneinanderhalten, als wären sie verschmolzen.“ Bargh blickte Neire bewundernd an. Er mochte den Geruch von Harz und Pilz. Schon bald begann Neire die ersten Schuppen zu verkleben. Bargh stimmte dabei einen Gesang an die Schwertherrscherin an, in den Neire einfiel. So verbrachten sie Schuppe um Schuppe auf der Maske und zuletzt den großen schwarzen Opal, über der Position des rechten Auges.

„Bleibt ihr hier Bargh. Ich werde mir den Turm einmal genauer ansehen. Falls ich beim ersten Sonnenlicht nicht zurück bin, brecht die Türe auf.“ Neire flüsterte zischelnd in das Ohr Barghs und deutete auf den runden Turm, der unweit von ihnen knappe zehn Schritt hoch aufragte. Aus dem Turm sahen sie das Licht des Leuchfeuers ausgehen, das ab und an seine Richtung und Farbe änderte. Neire hatte kein Muster in diesen Änderungen gesehen, die sie bereits am ersten Abend ihrer Ankunft bemerkt hatten. Jetzt ließ er Bargh zurück und schlich im Schatten seines Tarnmantels über die kleine Gasse, die zu Wehrmauer und Turm führte. Von jenseits des Turmes konnte er die Wellen der Brandung rauschen hören. Eine Brise von Salz erfüllte die Luft und vermengte sich mit dem Geruch des unweiten Fischmarktes. Die Nacht war noch nicht weit vorrangeschritten, aber der bewölkte Himmel war bereits stockduster. Als er an der alten, aus dicken Steinquadern errichteten Mauer ankam, leitete er seinen Blick nach oben. Zum Meer hin hatte der Turm in seiner Spitze große Öffnungen. Wie Säulen, die das silberne Licht über die nächtlichen Fluten wiesen. Da war es wieder. Als er nach oben schaute pulsierte das Licht, sprang von Silber zu giftigem Grün und anschließend zu Violett. Er wollte dem nachgehen. Vorsichtig suchte er Halt in den engen Ritzen der Quader. Die Wand ragte senkrecht über ihm auf. Langsam zog sich Neire nach oben und begann sicherer zu werden, je höher er kam. Der Boden der Gasse war schon weit unter ihm, als seine Hand das Gesims der Leuchtkammer berührte. Über ihm war gleißendes Licht. Er kniff die Augen zusammen und zog sich über den Rand. Als er vorsichtig zu blinzeln begann, konnte er das Innere des oberen Gemachs erblicken. Vor ihm eröffnete sich ein Turmraum, dessen Rückseite von einem Halbkreis glänzender, menschengroßer Spiegel gesäumt war. Vor den Spiegeln war die Lichtquelle auszumachen. Von zwei goldenen Ketten getragen hing ein glühender Oktaeder-förmiger Kristall über einem Becken. Das Becken war mit rötlich-porösem Bimsgestein gefüllt, brannte jedoch nicht. Das Licht kam aus dem Edelstein selbst. Dort… da war es wieder. Während Neire langsam auf die Spiegel zu schlich, wechselte der Kristall abermals seine Farbe und Strahlrichtung. Neire suchte das Gemach ab. Neben einer Falltür nach unten, konnte er hinter den Spiegeln Ölkannen finden. Eine nähere Untersuchung des Kristalls offenbarte eine schwarze Schrift, die sich in geschwungenen Lettern über den Ring zog. Unsere silberne Herrin, sie leitet euch, sie weißt, den Weg. Irgendetwas kam ihm merkwürdig vor in der Zusammensetzung der Worte, in der Kommasetzung. Für einen kurzen Moment blickte er in die Flammen und da war etwas. Als ob eine Präsenz ihn betrachten würde. Als ob das Licht, von einer niederträchtigen Intelligenz beseelt, blicken würde. Er hatte genug gesehen und machte sich wieder an den Abstieg. Er ließ sich die Brüstung hinab, doch diesmal konnte er keinen geeigneten Halt finden. Wieder und wieder probierte er andere Stellen, doch zwecklos. So schlich er sich hinter die Spiegel und wartete dort. Vielleicht würde eine Wache nach dem Feuer schauen. Lange wartete er und als schließlich der Morgen graute, musste er handeln. Nochmals versuchte er sein Glück. Diesmal hatte er eine Stelle weiter außen gefunden. Er fand ausreichend Halt im Stein und kletterte hinab. Zu Bargh angekommen berichtete er ihm von seinen Erlebnissen. Gemeinsam schlichen sie, so unauffällig wie möglich, zurück zu ihrem Gasthaus. Während der Rückkehr spürte Neire bereits ein Dröhnen in seinem Kopf. Ein rhythmisches Pochen, das immer stärker wurde. Zudem brannte sich der magische Schutzring an seiner linken Hand in sein Fleisch. Es quälte und bohrte ihn bereits jetzt der Gedanke und er wusste, dass er sich vergangen hatte an Nebelheim. Das Ritual der Fackeln hatte er vergessen. Er, Neire, Kind der Flamme.

Das Licht war gleißend und blendete ihn. Doch er musste kämpfen und stürzte nach vorne. Hinter ihm hörte er noch die Falltür mit einem Krachen zustürzen. Bargh schwang sein Langschwert gegen die Kreatur aus grünlich-hellem Licht, die sich vor ihm aus dem Kristall gelöst hatte und sich ihm summend näherte. Er spürte eine elektrisierende Aura auf seiner Haut. Die Feuerkugel war etwa einen Schritt im Durchmesser und bestand aus waberndem, kaltem Licht. Sie schwebte in rasanter Geschwindigkeit auf ihn zu. Er reagierte schneller und ließ sein Schwert in einem tödlichen Schnitt durch die Kreatur fahren. Hatte das Licht ihn geblendet, gar getäuscht? Keinen Widerstand spürte er und musste den Schwung des Schlages abfangen. Jetzt sah er Neire von hinten auf die Kreatur einstechen, doch auch der Degen seines Begleiters fuhr ins Leere. Was war das für ein Zauber, der sie im obersten Raum des Leuchtturmes erwartete? Eigentlich hatten sie ihren Einbruch sorgfältig geplant. Neire hatte den gesamten Tag wie in einem Fieber im Bett verbracht. Er hatte schweißgebadet Gebete zu seiner Göttin gemurmelt und wie in einem Wahn von Nebelheim gesprochen. Von dem alten Fluch, der über der Stadt lag und den es zu ergründen galt. Dass er die immerbrennenden Fackeln des Inneren Auges entzünden musste – Nacht für Nacht. Neire hatte von sich als Auserwähltem gesprochen, diese Aufgabe zu übernehmen, um Nebelheim von seinem Schicksal zu retten. Nach Einbruch der Nacht hatte sein junger Begleiter dann das Ritual der Fackeln durchgeführt. Danach hatte sich sein Zustand verbessert. Sie hatten gegessen und dabei eine Zeitlang geplant. Dann waren sie zum Leuchtturm aufgebrochen. Kurz hatten sie Wachen auf der Stadtmauer gesehen, die wie sie das Lichtschauspiel des Leuchtfeuers verwundert betrachtet hatten. Als diese über den Wehrgang in die Dunkelheit verschwunden waren, hatte Neire die Türe aufgebrochen. Er hatte Bargh den Weg ins Innere gewiesen, wo eine lange runde Treppe aus Stein weit nach oben führte. Bargh hatte die Treppe genommen und Neire war wieder über die Außenmauer nach oben geklettert. Als Bargh die Falltür nach oben gestoßen hatte, hatte sich das Licht aus dem Kristall gelöst und war in eine Lebensform übergegangen, die ihm nun gegenüberstand. Immer wieder hackte und stach er mit seinem Schwert in Richtung des Lichts. Er verfehlte stets. Dann ging die glühende Kugel in den Gegenangriff über. Er spürte einen Schlag, das Verkrampfen seiner Muskeln und für eine kurze Zeit die Luft aus seinen Lungen weichen. Bargh torkelte benommen zurück. Doch Neire nutzte den Moment und stach in das Herz des Wesens. Für einen Augenblick war ein höheres Surren zu hören. Jetzt dränge auch er wieder heran und attackierte. Eine Zeitlang kämpften sie so. Als das Wesen sich vor einem der Spiegel platzierte, zerstörte Neire diesen mit einem Hieb des Degens. Danach wendete sich die lichtene Kugel Neire zu. Jetzt war sein Moment. Bargh drang nach vorn und ließ das Schwert niederfahren. Er zielte so, als ob er die Kreatur verfehlen würde – mit genügend Vorhalt. Und tatsächlich spürte er den Widerstand, als das Schwert sich in das faulige Herz der Erscheinung bohrte. Das Herz, das unsichtbar hinter gleißendem Licht verborgen war. Elmsflammen zuckten in einem letzten Todesschrei auf. Augenblicklich verdimmte der Schein und ein schwarzer Klumpen fiel mit einem Flatschen auf dem Boden. Dort wo die nach elektrisch verbrannter und verfaulter Haut stinkende Masse sich verteilte, sah Bargh jetzt Gegenstände liegen. Er ächzte und blickte sich um. Hinter ihnen lag die große, entvölkerte Stadt, die auf einst ruhmreiche Zeiten zurückblickte. Es war dunkel geworden um sie herum. Er hörte das Rauschen der nächtlichen Brandung unterhalb der Klippen des Turmes. Bargh trat zwischen die Säulen und blickte in Richtung Süden. Dort musste der Tempel der Ehre liegen. Der rote Kristall in der rechten Augenhöhle seines verbrannten, haarlosen Schädels schimmerte matt in der Düsternis.

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Sitzung 41 - Der Turm des Magistraten

Durch die gotischen Säulen des jetzt dunklen Leuchtturmes pfiff der Wind des Meeres. Der Geruch von Algen und Salz war in der Luft. Bargh hatte sich mittlerweile niedergekniet und versorgte seine Wunden. Immer wieder blickte er in Richtung des Tempels der Ehre. Die Wut und der Hass auf seinen alten Orden wollten nicht weichen. Unter dem wolkenverhangenen Nachthimmel sah er nur Dunkelheit. Neire war zu ihm getreten und half ihm beim Anlegen der Verbände. Doch Bargh konnte nur das von den gold-blonden Locken eingerahmte Gesicht des Jünglings erkennen. Der Rest von Neires Körper war durch den elfischen Umhang in Schatten gehüllt. „Was tun wir jetzt Neire? Wir sollten diesen Ort verlassen.“ Neire nickte, während er antwortete. „Ja, ich habe bereits eine Idee.“ Bargh atmete noch immer tief von der Anstrengung des Kampfes und richtete sich jetzt auf. Er folgte Neire zu dem stinkenden Haufen von Haut und Fleisch, der von der Kreatur übriggeblieben war. Er beugte sich hinab und begann die Gegenstände in seinem Rucksack zu verstauen. „Bargh! Ich habe ein Geräusch von unten gehört. Stimmen. Vielleicht Wachen, die sich nähern.“ Bargh spürte die Aufregung in der jetzt zischelnden Stimme von Neire. Er verstaute hastig den letzten Beutel mit Münzen, dann richtete er sich auf. Neire hatte die noch geöffnete Falltür bereits geschlossen und sich in die Schatten gekauert. Bargh hörte nur noch die Stimme in der Dunkelheit. „Versteckt ihr euch hinter einem der Spiegel. Ich werde an Falltür lauern.“ Bargh packte sein Schwert, erhob sich und begab sich hinter einen Spiegel.

„Ich habe es dir doch gesagt. Es war keine gute Idee. Die Sache war von vornherein zum Scheitern verurteilt.“ Der junge Wächter des Tempels der Ehre bewegte sich vorsichtig die Stufen des Turms hinauf. Er hatte sein Kurzschwert gezogen und zitterte am ganzen Körper. „Ja… aber das hilft uns jetzt auch nicht weiter. Seid still und geht. Vorwärts.“ Der ältere Soldat des Tempels stieß seinen jüngeren Gefolgsmann unsanft nach vorne. Die Dunkelheit war dicht und fast undurchdringbar. Sie trugen trotzdem keine Fackel bei sich. Es gab ein Knarzen als der Jüngere das schwere Holz der Luke nach oben drücke. Hervor kam ein pausbackiges Gesicht eines Mannes, der vielleicht etwas mehr als 20 Winter gesehen hatte. Furcht stand in seinen Augen, als er das Zwielicht abtastete. Dann zog er sich über die Stufen nach oben. Ihm folgte der Ältere, der von muskulöser Gestalt war und dessen haarloser Schädel einige Narben trug. Der Jüngere war bereits zum Becken mit dem Kristall vorgedrungen, als sich die Masse von Schatten hinter dem Älteren zu bewegen begann. Keiner von beiden sah das Funkeln des Stahles, als der Degen sich von hinten durch den oberen Torso bohrte. Der Stich war präzise und tödlich. Der Ältere spucke gurgelnd Blut, als er, nach Luft schnappend, wie ein nasser Sack zu Boden sank. Der Jüngere blickte sich panisch um, doch er sah keinen Gegner. Auch die blutige Klinge verschwand geisterhaft in den Schatten. Was ist das nur für eine schwarze Magie, dachte er sich und drehte hastig den Kopf. Da war sie plötzlich, die Erscheinung. Ein Ritter stand vor einem Spiegel, seine Silhouette von den anderen Spiegeln wiedergegeben. Ein roter Kristall schimmerte glühend in seinem rechten Auge. Er hatte ein Schwert erhoben und kam auf ihn zu. Der verbrannte Schädel des Ritters brannte vor Hass, seine narbige Haut schrie nackte Gewalt. Was war das nur für ein Alptraum? Dafür war er nicht ausgebildet worden. Er wollte um Gnade betteln, doch er konnte nicht. Er wollte laufen, doch er konnte nicht. Der Ritter hatte ihn längst erreicht und die Klinge seines Hasses senkte sich unaufhaltsam hinab. Er spürte noch den warmen Strom an seinem Bein hinab gehen, als er sich einnässte. Dann kam der Stahl. Kalt und unbarmherzig griff er nach seinem Leben.

Sie hatten die beiden Wachen auf die Brennsteine und unter dem großen Kristall platziert. Bargh hatte die Schwerter so in ihre Körper gesteckt, als ob es aussah als ob sie sich gegenseitig getötet hatten. Dann hatte Neire gesagt er sollte sich auf den Weg zum Gasthaus machen. Neire wollte sich um alles andere kümmern. Jetzt stand Neire alleine in dem dunklen Gewölbe des alten Turms. Er hatte eine Karaffe von dem zähflüssigen Öl in Hand. Für einen kurzen Moment dachte er nach. Dann begann er das Öl langsam über Boden und Spiegel zu verteilen. Karaffe um Karaffe verteilte er so. Bis der gesamte Boden und alle Spiegel bedeckt waren. Er stellte sich vor einen Spiegel und begann das Öl zu entzünden. Zuerst wollte die träge Substanz nicht richtig Feuer fangen. Doch dann flackerten bläuliche Flammen auf. Neire folgte dem Schauspiel fasziniert. Die kindliche Freude, die er in diesem Moment verspürte, erfüllte ihn mit Glück. Er blickte in den Spiegel und zog seine Kapuze zurück. Er dachte zurück an Nebelheim. An seine Zeit als Anwärter. Als er noch den obsidianernen Boden putzen musste. Er dachte wehmütig zurück und erinnerte sich an ihre Stimme. Er wusste auch jetzt noch genau was Lyriell, die Kupferne Kriegerin, damals zu ihm gesagt hatte, als er sein Spiegelbild im Obsidian betrachtet hatte. Er flüsterte die Worte in die Flammen, so als ob er mit seinem Spiegelbild sprechen würde. „So klein und schon so selbstverliebt. Dabei hast du noch nicht die große Prüfung hinter dir, Anwärter.“ Er wusste auch noch, was er geantwortet hatte. „Ich habe keine Angst vor der Prüfung. Ich habe bereits mein Schicksal im inneren Auge gelesen.“ Auch jetzt betrachtete er sich in dem langsam größer werdenden Feuer. Das blau der Flammen war schon in ein gelb übergegangen. Sein Gesicht war nicht mehr so eingefallen wie zuvor, wie in den langen Regennächten am Wolfsfelsen. Wie lange das wohl schon her war? Er hatte die Tage nicht gezählt, die nach seiner Flucht aus Nebelheim vergangen waren. Jetzt hatten sie eine Aufgabe. Für Bargh. Doch dann? Was würde danach passieren. Er durfte Nebelheim nicht vergessen. Er sah eine einzige Träne über seine Wange rollen. Doch war es der Gedanke an Lyriell und Nebelheim, der seine Emotionen entfachte oder weinte er um seine Schönheit – das Kind der Flamme, das sich in Feuer und Schatten ewiglich jugendhaft geborgen wähnt. Er wusste es nicht. Er drehte sich rasch um. Der Spiegel begann sich bereits zu verbiegen. Er entzündete noch die Steine im Becken und schlich sich in Richtung Falltür. Als er den Geruch von verbranntem Fleisch vernahm, zog er sich die Kapuze über und ließ sich über die Stufen in die Dunkelheit hinab. Hinter ihm prasselten die Flammen des Ölfeuers und er hörte das Brechen des ersten Spiegels. Doch seine Gedanken waren in Nebelheim und bei seiner Lyriell. Sie war jetzt im Reich der schwarzen Natter. Dort wo der Stein flüssig brannte. Dort wo die Dunkelheit Runen in das brodelnde Magma zeichnete.

Bargh stand auf dem Pier und blickte auf die drei Männer im Ruderboot hinab. Er hielt sich im Hintergrund während Neire mit den beiden sprach. Sie waren am letzten Abend unerkannt in das Gasthaus zurückgekehrt. Aus der Ferne hatten sie das Feuer brennen sehen können, das auch am heutigen Tag noch im Turm wütete. Doch Wachen des Tempels der Ehre schienen keine Versuche zu machen das Feuer zu löschen. Er wollte gerade wieder seinen Blick dem Turm zuwenden, als einer der Jungen im Boot Neire abermals ansprach. „Seid ihr eigentlich auch auf dem Weg zum Tempel der Ehre? Wollt ihr euch dem Orden anschließen, wie wir es tun wollen?“ Die Sonne brach gerade wieder durch die Wolken und ließ das Wasser des Hafens grünlich schimmern. „Nein, wir suchen, wie bereits gesagt, ein Boot, das nach Fürstenbad fährt. Aber das scheint es ja hier nicht zu geben. Auch wissen wir ja nicht ob sie uns im Tempel überhaupt nehmen würden.“ Der etwas verwahrlost aussehende Junge deutete jetzt auf ihn und lachte, während sein Freund anfing leise zu murmeln. „Müsst ihr eigentlich immer jeden ansprechen?“ Doch der Junge mit den verfilzten Haaren und fauligen Zähnen ließ sich nicht beirren und erhob erneut das Wort. „Der da sieht aus wie ein stattlicher Krieger. Natürlich würden sie einen Krieger nicht abweisen.“ Bargh musste jetzt auch lachen, obwohl er die neue Gesprächigkeit von Neire nicht mochte. Er klopfte sich mit seinem Panzerhandschuh auf die Augenbinde, die den Rubin überdeckte und sprach. „Nun, ich sehe ja mit einem Auge nur noch halb so viel. Ich bin mir nicht sicher ob sie dort so etwas gebrauchen können.“ Der Junge dachte kurz nach, dann antwortete er erneut. „Naja, wenn ihr halb so viel sehen könnt, aber dafür doppelt so feste zuschlagt, solltet ihr keine Probleme haben.“ Jetzt sah er auch Neire lachen, der den Jungen zynisch anschaute. „Weise Worte.“ Der Junge grinste und deutete auf seinen Kopf, indem er Barghs vorherige Geste imitierte. „Jaha, hier oben ist ganz schön viel los, ja… ganz schön viel los hier oben.“ Jetzt fiel der ältere Mann mit der Glatze dem Jungen ins Wort. Er hatte die Taue schon gelöst und schaute Neire und ihn an. „Also wollt ihr jetzt mit? Ich habe noch zwei Plätze frei.“ „Nein, wir wollten nach Fürstenbad. Wie schon gesagt.“ Antwortete Neire. Das Boot legte daraufhin ab, während sich Neire und er in Richtung Fischmarkt begaben. Vielleicht werden wir uns wiedersehen, dachte Bargh. Dann wollte er sehen, was in dem Kopf des Bastards los war. Er würde dort schon nachschauen. Sein Schwert würde ihm dabei helfen.

Neire ächzte, als er den leblosen Körper auf den Boden fallen ließ. Sie waren nach ihrem Besuch auf dem Fischmarkt wieder in das Gasthaus zurückgekehrt, wo sie den Rest des Tages verbracht hatten. Auf dem Fischmarkt hatten sie einen Fischer, der sich Bregor nannte, überzeugt, mit ihnen auf Fischfang zu gehen. Sie wollten sich am nächsten Abend, oder am darauffolgenden Abend mit ihm treffen. Im Gasthaus hatten sie dann in ihrem Raum gewartet bis es Nacht wurde. Die Zeit bis dahin hatten sie mit Gebeten an ihre geliebte Göttin verbracht. Nachdem Neire dann sein Fackelritual durchgeführt hatte, waren sie aufgebrochen. Im Schutz der Dunkelheit waren sie bis zu einem Turm der Stadtmauer gelangt, in dem sich eine Türe befand. Sie hatten die Türe aufgebrochen und hatten geplant so lange zu warten, bis die Wachen den Wehrgang über ihnen passiert hatten. Neire hatte sich auf der Wehrmauer in die Schatten gekauert. Doch der Plan hatte nicht funktioniert. Die Wachen waren nicht an ihnen vorbeigegangen, sondern waren in den Wachraum hinabgestiegen. In diesem Moment hatte Neire zugeschlagen. Die erste Wache hatte er von hinten mit seinem Degen ermordet und so leise wie möglich fallen lassen. Dann hatte er auch die zweite Wache gemeuchelt. Jetzt lagen beide Wachen in einer Lache von Blut unter der hölzernen Wendeltreppe. Neire blickte Bargh an und flüsterte keuchend. „Es ist Zeit für unsere Masken. Der Weg über die Mauer ist frei. Lasst uns herausfinden welche Geheimnisse die Magier der Küstenlande hinterlassen haben.“ Bargh nickte freudig und zog seine Maske mit dem grünen Drachenschuppen und dem schwarzen Opal hervor. Die Maske machte ihn unheimlich. Auch Neire zog sich die Maske der Feuerschlange über, die er noch aus Nebelheim hatte. Gemeinsam schlichen sie sich über die Mauer, bis sie die drei alten Türme genauer sehen konnten. Die drei Türme waren alle zylinderförmig. In den beiden kleineren Türmen konnte Neire Licht sehen. Der große Turm schien verlassen zu sein. Sie ließen sich an der Mauer hinabgleiten. Neire kletterte, während Bargh Kraft seines Ringes wie von Zauberhänden getragen in die Tiefe sank. Dann schlich sich Neire auf den großen Turm zu. Er sah zwei Eingangsportale. Große Türen waren mit blumenförmigen Mustern verziert. Beide besaßen ein Schloss, das von einem Muster umgeben war. Eine Untersuchung nach Fallen offenbarte kleine Löcher und einen gespannten Faden im Schloss. Neire begann vorsichtig das Schloss zu knacken, indem er den Faden mied. Und tatsächlich hörte er ein Knirschen, als sich das Schloss bewegte. Er kehrte zurück zu Bargh. Gemeinsam drangen sie in das Innere vor, das sich als verlassen herausstelle. Staub bedeckte den Boden, als ob jahrelang kein Besucher mehr die Halle betreten hätte. Die stattliche Halle war mit kunstvollen Bildern ein und desselben Mannes ausgestattet. Selbst die Decke war von einem Bild von ihm bedeckt. Der Mann trug feuerrotes gelocktes langes Haar und hatte leuchtend blaue Augen. Nachdem sie die Türe hinter sich zugezogen hatten flüsterte Neire verächtlich. „Was für ein menschlicher Abschaum. Wir sind Diener Jiarliraes. Wer ist mehr?“ Sie berieten sich daraufhin kurz. Bargh wollte unten warten, während Neire die Treppen untersuchen wollte. Er schlich sich vorsichtig die Stufen hinauf in ein darüberliegendes Herrschaftsgemach. Die Decke war bemalt mit einem strahlenden Himmel von Sonnenschein. Kostbare Einrichtungsgegenstände und gotische Möbel füllten die Halle. Auch hier war ein wertvoller Teppichboden zu sehen. Sogar ein verzierter Badezuber war neben dem prunkvollen Himmelbett zu sehen. Doch Neire erstarrte wie zu einer Eissäule, als er in Richtung eines Schminktisches blickte. Dort saß eine Gestalt vor einem zerbrochenen Spiegel. Zuerst konnte er nicht genau erkennen, ob es sich um eine Leiche handelte. Die greisenhafte Gestalt hatte schwarze Stellen von verfaulter Haut auf ihrem Kopf, auf dem Neire noch hier und dort Stellen des roten lockigen Haares sah. Doch da war es. Er hatte bemerkt, dass sich der Brustkorb der Gestalt gehoben hatte. Als ob diese atmen würde. Es folgten keine weiteren Atemzüge. Neires Herz begann höher zu schlagen. Er zog langsam den Degen unter seinem Umhang hervor. Langsam schlich er auf die Gestalt zu. Für einen Moment war er unachtsam und streifte beim Losgehen die Kante einer Kommode. Doch das kleine Geräusch war genug um die Gestalt hochschrecken zu lassen. Zuckend begann sich diese zu bewegen. Ruckhaft blickte der Kopf in seine Richtung. Er konnte eine große Kette erkennen, die um ihren Hals gelegt war. Dort war das Wappen der Stadt zu sehen. Neire hörte einen hellen Schrei, der von der Kreatur ausging. Er blickte in matte graue Augen. Das Grinsen des Wesens offenbarte faulige Zähne. Nachdem Neire kurz eingefroren war schlich er trotzdem weiter. Von unten hörte er schon die Schritte von Bargh nahen. Auch die Gestalt schien das abzulenken. Schließlich kam er im Rücken des Greises an. Die Kreatur hatte gerade begonnen seltsame Formeln zu murmeln, als er zustach. Tief drang der Degen und die arkanen Formeln verhallten ins Leere. Auch Bargh warf sich der Gestalt jetzt entgegen. Der Streich von Bargh drang tief in den Hals hin und der Mann vor dem zerbrochenen Spiegel hauchte mit einem letzten schrillen Schrei sein Leben aus.​
 

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Sitzung 42 - Feuer und Dunkelheit in Dreistadt

Die Ruhe nach dem Todesschrei des fauligen Greises war gespenstig. Die Gestalt war jetzt in sich zusammengesackt und ein Fäulnisgeruch ging von ihr aus. Neire und Bargh schauten sich in dem Gemach um, das von dem durch die gotischen Fenster eindringenden Mondlicht erhellt wurde. Neben dem schweren Atmen von Bargh waren keine weiteren Geräusche zu hören. Aufgewirbelte Partikel reflektierten hier und dort das silberne Licht und erzeugten eine nebelhafte Distanz zu dem vergangenen Prunk. Von der Heftigkeit des Kampfes immer noch überrascht, nickte Neire Bargh zu und beugte sich langsam über den Leichnam hinab. Der Jüngling, von dem momentan nur Schatten zu sehen waren, begann die leblose Gestalt zu durchsuchen. Bis auf einen verzierten Ring und die große goldene Kette mit dem Wappen der Stadt, fand er aber nichts. Plötzlich horchte Neire auf. Durch die Fenster hatte er aufgeregte Stimmen von draußen gehört. Wachen hatten sich dem Turm genähert. „Vergesst es. Bis hierhin und nicht weiter. Zutritt verboten.“ Hörte Neire die erste Stimme sagen. Er zog seine Kapuze etwas zurück und strich die Haare von seinem Ohr. Seine gold-blonden Locken schimmerten im Mondlicht - die Maske der Feuerschlange trug glänzende Juwelen. „Ja, aber… habt ihr es nicht gehört? Der Schrei?“, antwortete eine andere Stimme. „Jeder hat es gehört. Doch für uns geht es hier nicht weiter. Befehl ist Befehl.“ Eine Zeitlang lauschte Neire den Stimmen, bis er zwei neue Stimmen hörte. „Ihr da, was macht ihr hier?“ Fragte ein älterer Mann in barschem Ton. „Irgendetwas stimmt hier nicht. Habt ihr nicht den Schrei gehört?“ Antwortete die Stimme von vorher. „Ja, haben wir. Aber für euch ist jetzt Schluss hier. Geht zurück auf euren Streifgang.“ Die beiden Wachen schienen sich zu fügen und langsame Schritte begannen sich zu entfernen. Jetzt war es an der Zeit das Gemach zu durchsuchen. Bargh und Neire machten sich vorsichtig an die Vielzahl von Schubladen und Kästen, die der Hallen-artige Raum zu verbergen hatte.

Vorsichtig ließ sich Neire an der Außenfassade des Turmes hinab. Er durfte jetzt keinen Fehler machen. Über ihm brach ab und an der Mond durch die Wolken. Es war bereits etwas kälter geworden. Als er sich in das weiche, nasse Gras hinabsinken ließ, konnte er bereits die Schatten der beiden Wachen erkennen, die sich vor dem Eingangsportal des Magistratenturms postiert hatten. Dunkel ragten die beiden anderen Türme auf, aus dessen Schießscharten ein Lichtschimmer zu erkennen war. Neire schlich sich vorsichtig auf die Gestalten zu, die nun in sein Sichtfeld kamen. Nur einen kurzen Moment dachte er an die Schätze, die sie bei der Durchsuchung des Gemachs gefunden hatten. Es waren einige Juwelen und Schmuck gewesen sowie ein magischer Ring und magisches Amulett. Ein Gegenstand hatte jedoch in besonderer Weise seine Aufmerksamkeit erregt. Es war eine Dose mit gefülltem Gelee gewesen, auf deren Rückseite er das eingravierte Bild einer wunderschönen Frau gesehen hatte. Diese Frau hatte er als die Göttin Sune identifiziert. Doch als er für einen kurzen Moment seine Augen abgewendet hatte, war das Bild einer inneren Wandlung unterzogen gewesen. Als ob das Gesicht sich verzerren würde, zu einem boshaften und niederträchtigen Grinsen. Er hatte das Gelee untersucht und tatsächlich nur normale Kräuter für Haut und Gesichtspflege festgestellt. Doch sein Gespür für Flüche hatte ihn gewarnt. Irgendetwas stimmte mit der Substanz nicht. War die Substanz vielleicht für den Wandel des Magistraten verantwortlich? Er verwarf den hastigen Gedanken und schlich sich weiter durch Schatten. Als er im Rücken der ersten Wache ankam, zog er den Mantel enger und bereitete den Degen zum tödlichen Stoß vor. Er war jetzt bis aufs Äußerste gespannt. Dann ließ er den Degen nach vorne schnellen. Er spürte den Widerstand des Kettenhemdes, doch die Glieder sprangen entzwei durch die Wucht des Stoßes. Sein Degen traf das Herz und die Wache im gelben Umhang ging zuckend zu Boden. Die andere Wache blickte sich erschreckt um und setzte zu einem Schrei an. Doch auch diesmal war Neire schneller. Er bewegte sich einen Schritt hinter die Gestalt und griff abermals an. Der Degen drang vom oberen Teil des Rückens durch den Hals. Ein feiner Strahl von Blut sprühte hervor und die Gestalt begann zu röcheln. Doch schwer verletzt konnte die Wache sich auf den Beinen halten. Der noch junge Mann fing an zu schreien. „Hilfe, kommt herbei, eine Abscheulichkeit, schwarze Kunst…“ Neire sah bereits aus den Augenwinkeln die zwei weiteren Wachen zu Hilfe eilen. Auch sie trugen Kettenhemden und farbige Mäntel. Einer der beiden hatte einen grünen Mantel, der andere einen grauen. Sie konnten ihn anscheinend nicht ausmachen und stürzten sich in den Nahkampf. In diesem Moment schwang die Tür des Turmes auf. Bargh trat heraus. Die Maske der grünen Drachenschuppen und des schwarzen Opals bedeckte sein Gesicht. Mondlicht glitzerte auf seinem Plattenpanzer. Er hob sein Schwert und tötete die verletzte Gestalt mit einem tiefen Schnitt. Ein heftiger Kampf entbrannte jetzt mit den beiden neu eingetroffenen Wachen. Sie wehrten sich mit all ihrer Kraft, wurden dann aber von Bargh und Neire niedergestreckt.

Bargh drehte sich um. Er sah nicht viel von Neire, doch er wusste ungefähr, wo sich der Jüngling mit dem Schattenmantel befand. Neire machte sich gerade an dem Türschloss des zweiten Turmes zu schaffen. Sie hatten den ersten der beiden erleuchteten Türme bereits erkundet. Die Eingangstüre war auch mit einem Schloss versehen gewesen, das Neire geknackt hatte. Im Inneren hatten sie eine hohe, runde Halle vorgefunden, an deren Wänden sich gefüllte Bücherregale befanden. Sie hatten dort zwei Leitern und einen Kronleuchter gesehen, in dem ein kleines Feuer brannte. Die Bücher und Schriftrollen waren daraufhin von ihnen untersucht worden. Neire hatte zudem immer wieder gehorcht, ob Gefahr im Anmarsch sei. Doch er hatte eine längere Zeit nichts gehört. Die Bücher waren teils einfache Geschichten und Romane gewesen. Doch sie hatten auch schriftliche Aufzeichnungen des Handels des Magistraten gefunden. Auch der Gelee-artige Gesichtsaufstrich war als Schachtel von Sune vermerkt gewesen, nur ohne die Angabe eines Verkäufers. Es waren aber einige interessante Dinge vermerkt. So war zum Beispiel von einer Münze von Tymora die Rede, die als Fälschung gekennzeichnet war und vor kurzer Zeit an den Müller von Mühlbach verkauft wurde. Bargh hatte sich dabei an die Geschichte von Neire erinnert. Was er in dem Keller von Mühlbach gesehen hatte. Ein Stern von Selune wurde gekauft und auch die Schachtel von Sune war vermerkt gewesen. Zu guter Letzt hatten sie eine alte Karte der Tempelinsel gefunden, auf der einige Ruinen eingezeichnet waren. Sie hatten daraufhin den Raum verlassen und sich dem letzten der drei Türme zugewandt. Jedoch mochte Bargh die anhaltende Ruhe nicht. Irgendetwas musste hier faul sein oder wollte er nur weiter töten? Er blickte am Turm vorbei in Richtung Stadt. Die Wolken waren mittlerweile vollständig aufgerissen und so konnte er dunkle Umrisse der Stadtmauer im silbernen Mondlicht sehen. Er hörte ein Flüstern aus Richtung der Türe. „Bargh, der Weg ist frei. Lasst uns sehen was sich in diesem Turm befindet.“ Bargh machte einen Schritt zur bereits halb geöffneten Tür und schaute in den Turm. Sein von Blut verschmiertes Schwert schimmerte dunkel unter dem Vollmond. Es kam ihm der Geruch von Lebensmitteln und Rauch entgegen. Das Gemach wurde erhellt von einer Feuerschale, die durch Ketten getragen von der Decke hinabhing. Hier und dort sah er Säcke mit Getreide, Körbe mit Nüssen und Wurzeln, Trockenfleisch und Würsten. Auch einige Fässer waren zu sehen. Eine kleine Treppe führte in ein oberes Stockwerk. Er spürte, dass Neire an ihm vorbeischlich und folgte ihm in das obere Gemach. Er kam in einen weiteren kreisrunden Raum, über dem er das Dachgebälk sehen konnte. Offene Schießscharten waren in jede Himmelsrichtung in den Stein gelassen. In einem Halbkreis standen ein Dutzend schwere Truhen. Jede einzelne war kniehoch und etwa einen Schritt lang. Die Truhen waren mit schweren Eisenstreben verstärkt. Überall waren große Vorhängeschlosser zu sehen. Augenblicklich hörte er die Stimme von Neire. „Bargh, ich werde nach den Schlössern sehen. Achtet ihr auf die Treppe nach unten.“ Er nickte und postierte sich an den Eingang des Raumes. Von unten sah er das Licht der brennenden Schale schimmern. Sie sollten nur kommen, dachte er sich. Er würde schon mit ihnen fertig werden. Junge Burschen, die den Dienst an der Waffe noch nicht lange begonnen hatten. Nicht wie er, ja… Hinter sich hörte er die ersten Schlösser knacken. Neire hatte bereits zwei Truhen geöffnet, die aber beide leer waren. Bei der dritten und der vierten Truhe hatten sie mehr Glück. Gold und Edelsteine zog Neire hervor und ließ sie in seiner magischen Schatulle verschwinden. Als Neire sich bereits der fünften Schatulle gewidmet hatte, hörte Bargh in Fluchen. Das Kratzen des Dietrichs auf Metall war zu hören. Dann ging alles ganz schnell. Zuerst war da ein kleines Summen, wie das eines Gongs. Tief und hoch zugleich. Es pulsierte und wurde lauter und lauter. Das Geräusch schwoll in rasanter Geschwindigkeit an - bis es ohrenbetäubend wurde. Aus dem Schloss sprang zudem etwas hervor. Eine kleine schwarze Kugel, die sich in einem Bogen dem Boden näherte. Als die Kugel den Boden berührte breitete sich in kürzester Zeit eine schwarze Schicht einer viskosen Substanz über die Steine des Gemachs aus. Bargh sprang zurück und sah auch, dass Neire sich bereits auf eine Truhe gerettet hatte. Das Geräusch war jetzt so laut, dass sein Trommelfell zu bersten drohte. In was für eine List war Neire da hineingetappt? Bargh hielt sich die Panzerhandschuhe auf die Ohren, doch es half nichts. Dann verstummte das Geräusch. Plötzlicher als es gekommen war. Bargh hörte nur noch ein hohes Fiepen in den Ohren. Dann war da Neires Stimme, entfernt und schwach: „Bargh, wir müssen handeln. Geht und entzündet die beiden anderen Türme. Flieht danach durch die Dunkelheit. Wir sehen uns im Gasthaus wieder.“ Bargh lächelte Neire an, doch seine Maske überdeckte seine Gesichtszüge. Die Türme sollten brennen und mit ihnen die Leichen. Endlich konnte er handeln. Wortlos nickte er Neire zu und verschwand über die Treppe ins untere Geschoss.

Neire schlich geduckt durch den Raum. Es stieg bereits Rauch von den Getreidesäcken auf. Hier und dort züngelten die ersten Flammen auf. Er spürte in diesem Moment die Dualität von Feuer und Schatten in ihm. Er war so aufgeregt, doch auch von einem tiefen inneren Glück erfüllt. Gerade hatte er die Eingangstüre zum Turm verschlossen, um ein Eindringen der Wachen zu verhindern. Nachdem Bargh ihn verlassen hatte, war er vorher mit den anderen Truhen beschäftigt gewesen. Er hatte eine nach der anderen geöffnet. Irgendwann hatte er Schreie gehört und einen Trupp von Wachen durch die Stadt eilen sehen. Sie mussten aus der Hafengegend gekommen sein und bewegten sich in Richtung der drei Türme, von denen zwei bereits in Flammen standen. Das Feuer, das Bargh gelegt hatte, hatte sich rasch ausgebreitet. So hatte Neire sich beeilt und die letzte Truhe geöffnet. Diese war leer gewesen. Aus den anderen Truhen hatte er jedoch einige Schätze bergen können, die er in seiner magischen Schatulle verstaut hatte. Er schlich sich in das Dunkel des oberen Gemachs und lugte durch die Schießscharten. Die Wachen waren mittlerweile durch das Gatter der kleineren Mauer gebrochen, die den Teil des Magistratenturms abschirmte. Die Gestalten irrten zwischen den beiden brennenden Gebäuden hin und her und riefen sich neue Befehle zu. „Holt Wasser!“, „Die Türme brennen. Rettet den Magistraten.“ „Das Feuer ist zu groß, wir können nicht hinein.“ „Dann holt Wasser, ihr dort.“ Neire entschloss sich die Gunst der Verwirrung zu nutzen und an dem Turm hinabzuklettern. Als er sich an der Mauer hinunterließ hörte er plötzlich einen schaurigen Schrei. „Leichen, unsere Kameraden, sie sind alle tot. Wo sind die Mörder? Welche Abscheulichkeit.“ Dieser Ausruf stachelte ihn irgendwie an. Er hatte geplant diesen Ort im Schutze der Schatten zu verlassen. Doch jetzt reifte ein neuer Plan. Auf der Rückseite des Turmes kauerte er sich nieder und begann den dunklen Giftextrakt des bunten Vierlings auf seinen Degen zu streichen. Dann schlich er sich um den Turm und beobachtete die Szenerie. Beide Gemäuer standen bereits vollkommen in Flammen. Das Feuer schlug aus Schießscharten hervor und tobte pfeifend durch die Vollmondnacht. Wie in einem Albtraum rannten die Wachen auf und ab. Wie kleine Ameisen bewegten sie sich wirr. Neire kauerte in den Schatten und wartete auf seinen Moment. Er schaute in das Feuer und versuchte Formen in den Flammen zu entdecken - die Runen seiner Göttin. Doch er sah nur die alles vernichtenden Flammen. Da wusste er, dass er töten musste. Als sich zwei der Wachen auf den dritten Turm zubewegten, um nach Wasserfässern zu suchen, kam seine Gelegenheit. Der ersten Gestalt rammte er hinterhältig seinen Degen in den Rücken. Tödlich verwundet sank diese zu Boden. Im prasselnden Feuer hatte der Kamerad der Wache noch nichts bemerkt. Und so wurde auch er ein Opfer eines weiteren Angriffs. Neire zog sich wieder zurück und wartete ab. Es dauerte nicht lange und die toten Wachen wurden entdeckt. „Wir werden angegriffen.“ Schallten die Stimmen über den Platz. „Schwärmt aus und sucht sie!“ Neire wartete bis er zwei weitere Wachen sah, die jetzt von den brennenden Türmen in die Dunkelheit schritten. In ihren jugendlichen Gesichtern war Angst zu sehen. Er hatte das Gift auf seinem Degen erneuert und meuchelte die erste der Gestalten. Doch bei der zweiten traf er nicht richtig das Herz. Schwer verletzt, doch um sich schlagend, wimmerte die Wache, als sie um ihr Leben kämpfte. Und wieder zog sich Neire zurück. Er trug abermals Gift auf seinen Degen, ließ die Wache weiter ins Leere schlagen und schlich den letzten beiden Wachen nach. Der erste Angriff tötete eine der beiden Wachen mit der Wirkung des Giftes. Der zweiten stach er, nun in einem Mordrausch, dreimal in den Rücken, bis der leblose Leib zu Boden fiel wie ein nasser Sack. Nun schlich er sich zur bereits verletzten Wache, die er von hinten meuchelte. Er atmete keuchend auf. Noch immer war das hohe Fiepen in seinen Ohren. Sein Degen schimmerte nass im Licht des Feuers und seine Maske war von Blut bedeckt. Auch der dritte Turm hatte mittlerweile angefangen zu brennen und lodernde Flammen schossen aus den Schießscharten hervor. Jetzt musste er seine Spuren verwischen. Neire begann die Leichen, eine nach der anderen, in Richtung des Bibliothekturms zu ziehen. Dort wickelte er sich in einen Umhang und warf sie ins Feuer. Nur einen Leichnam verschonte er. Diesen Leichnam brachte er zu den Klippen. Er begann mit einem weiteren Kurzschwert in die drei Wunden des Rückens zu stechen. In der dritten Wunde ließ er das Schwert stecken. Die Taschen der Gestalt füllte er mit Münzen, die er auch in der rechten Hand platzierte. Dann blickte er sich nochmals um und betrachtete sein Werk. Die drei Türme brannten mittlerweile lichterloh. Er wendete sich ab und floh durch die Schatten hinfort. Die Flammen waren nach Dreistadt gekommen und mit ihnen die Schatten. Er hoffte, dass die Königin von Feuer und Dunkelheit stolz auf ihn sein würde. Die Welt sollte brennen und er würde IHR Prophet sein. Die Runen werde er lesen in der feurigen Düsternis.​
 

Wore

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Sitzung 43 - Die Insel des Tempels

Neire huschte durch die leeren Straßen. Es war noch kühler geworden. Der Vollmond ließ die Häuser und die Stadtmauern wie schattenhafte Konturen aufragen. Neire war noch immer voll von Adrenalin. Ein Gefühl von tiefem Glück suchte ihn heim, immer dann, wenn er sich umschaute. Hinter ihm brachen gewaltige Flammen von der kleinen Anhöhe des abgesperrten Bereichs des Magistraten. Die drei Türme innerhalb der inneren Mauer der Stadt standen jetzt völlig in Flammen. Die dichten Rußwolken waren als dunkle Säule im Mondlicht zu sehen. Der Brand war wohl noch weit über Dreistadt hinweg zu erblicken. Vielleicht bis zum Tempel der Ehre. Frohlockend jauchzte Neire innerlich auf. Das war sein… das war ihr Werk gewesen und es würde Aufmerksamkeit erzeugen. Er hoffte, dass der nächtliche Mord an einem Dutzend Wachen und die Brandstiftung eine Reaktion provozieren würde. Er hoffte, dass der Tempel der Ehre reagieren würde und seine besten Wachen nach Dreistadt schicken würde. Dann sollte der Weg frei sein für sie. Frei für die Rache von Bargh und die Gunst von Jiarlirae. In diesen Gedanken schwelgte er, als er langsam die Außentreppe des Gasthauses hinaufschlich. Dort stand Bargh, sein Begleiter, der ihn noch nicht erkannt hatte. Im verbrannten Gesicht, in dem verbliebenen Auge des einstigen Ritters, spiegelte sich die ferne Feuersbrunst. Neire sah, dass Bargh lächelte, als er in diese Richtung blickte. Mit seiner gespaltenen Zunge formte er Worte. Worte in der heiligen Sprache von Nebelheim, die ihrer Göttin, der Königin von Feuer und Dunkelheit, huldigten.

Bargh sah Neire ächzen. Der Jüngling fasste sich noch immer an seinen Oberschenkel. An die Stelle, wo er im gestrigen Kampf verletzt wurde. Bargh erinnerte sich an den letzten Abend. Nachdem Neire zurückgekommen war, hatten sie seine Wunden versorgt und ein wenig Wein getrunken. Dann war Neire in einen tiefen Schlaf gesunken und er hatte die erste Nachtwache übernommen. Er hatte bemerkt, dass Neire immer wieder im Schlaf gemurmelt hatte. Schließlich hatte er sich kaum noch wachhalten können und Neire hatte ihn abgelöst. Jetzt, als er langsam aufwachte, vernahm er den beißenden Geruch des bunten Vierlings. Neire hatte das alchemistische Besteck in ihrem Gemach aufgebaut und der dunkle Sud köchelte in den bauchigen Glasviolen. Er begann langsam die Stahlplatten seiner Rüstung anzulegen und schaute Neire zu. Sein Begleiter hatte den Schattenmantel abgelegt und schien in tiefe Konzentration verfallen zu sein. Immer wieder strich sich Neire die gold-blonden Locken zurück, wenn er sich zu seinen Gefäßen hinabbeugte. Bargh stand ruckhaft auf. Er wusste um die Gefährlichkeit des bunten Vierlings violetter Farbe. Er durfte Neire nicht stören. So bewegte sich durch die Tür und den kleinen Flur auf das hölzerne Podest, auf dem die äußere Treppe endete. Es offenbarte sich ihm der mittägliche Blick über Dreistadt. Ein kühlerer Wind war aufgekommen und jagte tiefliegende Wolken aus Richtung des Meeres heran. Für einen Moment stand er da und zog die nach Salz riechende Luft ein. Dann ließ er seinen Blick über Häuser und Stadtmauern schweifen. Die Straßen von Dreistadt waren heute leerer als zuvor. Und dennoch konnte er Bewegung und einige Stände auf dem Markt sehen. Im Bereich der drei Türme des Magistraten bemerkte er dunklen Rauch aufsteigen, der trotz des starken Windes nur schwer auseinandergetrieben wurde. Die grüne Graskuppe um die verkohlten Gebäude war an einigen Stellen schwärzlich verbrannt. Auch konnte er kleine Gestalten erkennen, die zwischen den Gebäuden umherschritten. Als er die Szenerie eine längere Zeit betrachtete, sah er, dass sich eine Gruppe von drei Personen in Bewegung setzte und den ummauerten Hügel in Richtung des stadteinwärts liegenden Tores verlassen würde. Bargh stand noch eine Zeitlang auf der Außentreppe und beobachtete die Gruppe. Tatsächlich bewegten sich die drei Wachen, die Bargh aus der geringeren Entfernung als solche identifizieren konnte, in Richtung des Marktplatzes. Er drehte sich um und begab sich in den Raum zurück. Er wusste, dass er Neire darüber informieren sollte.

„Bargh, geht ihr hinab ins Gasthaus. Ihr wisst was ihr zu tun habt. Ich werde mich um unsere Sachen kümmern.“ Bargh sah, dass Neire auf ihre Rucksäcke deutete, die sie an ihre Betten gelehnt hatten. Er legte kurz die Hand auf sein Schwert und ging dann los. Zu Neire murmelte er nur die Gebetsformel: „Und preiset das schwarze Licht unserer Göttin, auf das die Dinge sich aufs Neue entzünden.“ Dann verließ er die Türe in Richtung der Außentreppe. Er bemerkte, dass er keinen Moment zu lange gezögert hatte. Die Wachen waren bereits vom Markt aufgebrochen und näherten sich dem Gasthaus. Bargh dachte zurück. Er hatte Neire im Gemach vorgefunden, sein Alchemistenbesteck zusammenpackend. Als er ihm von den Wachen erzählt hatte, die sich dem Marktplatz näherten, hatte Neire nervös reagiert. Sein junger Begleiter hatte hastig seine Sachen zusammengerafft und war anschließend auf die Außentreppe geschlichen. Eine Zeit hatte er dort verbracht und gelauscht. Dann hatte er sich umgeschaut und zu ihm geflüstert, dass die Wachen nach Fremden suchen würden. Die Bürger waren befragt worden, ob sie irgendetwas auffälliges gesehen hätten. Bargh und Neire hatten sich daraufhin kurz beraten. Neire wollte sofort fliehen, doch Bargh hatte seinen Begleiter überzeugt zu bleiben und zu handeln. Er war sich sicher, dass sie mit den drei Wachen fertig werden würden. Und er wollte jeden der Tempeldiener ermorden. Neire hatte schließlich eingewilligt und so hatten sie hastig ihr Vorgehen abgestimmt. Als Bargh jetzt die Stufen der äußeren Treppe hinabging, sah er, dass die Wachen ihn bereits bemerkt hatten. Jetzt durfte er keine Fehler machen. Innerlich pulsierte sein Herz, doch er versuchte so ruhig wie möglich zu wirken. Er ging um das Gasthaus herum und öffnete den Haupteingang in die Schankstube. Im Inneren sah er hinter der Unordnung einer Anhäufung von Stühlen und Tischen den Wirt Ariold. Die hagere Gestalt blickte kurz auf und machte den gewohnt desinteressierten Eindruck. Doch Bargh konnte sofort die innere Anspannung ihres Gastgebers erkennen - der Rest war von Ariold gespielt. Er bewegte sich langsam auf den Wirt zu, der dort in gekrümmter Haltung verweilte. Hinter der Theke konnte er ein ledernes Bündel erkennen. Als ob Ariold eine plötzliche Abreise planen würde. Bargh nickte dem Meister der Schankstube zu, als er an die Theke trat und nach einem Humpen griff. Er begann den Hebel des Fasses zu öffnen, das dort stand, während er sprach. „Ariold, schön euch zu sehen. Habt ihr schon gehört was in der Stadt passiert ist? Ein Brand der drei Türme, wie grauenvoll.“ Er musste selbst bei seinen Worten grinsen und konzentrierte sich wieder auf das Bier, das schäumend in seinen Humpen lief. „Natürlich habe ich schon davon gehört,“ sagte Ariold, der jetzt etwas von der Theke und in Richtung seines Bündels zurückwich. Bargh nahm gerade einen großen Schluck, setzte den Humpen ab, deutete auf das Bündel und sprach jetzt lauter. „Auf der Flucht Ariold? Bleibt ruhig verdammt nochmal.“ Bargh spürte die Furcht, als der Wirt zusammenzuckte. Trotzdem antwortete Ariold direkt. „Wie lange seid ihr jetzt hier? Und was ist passiert seitdem? Brannte nicht zuerst der Leuchtturm und dann die drei Türme?“ Bargh musste wieder lachen und wollte gerade antworten, als er das Geräusch der Türe hörte, die unsanft aufgeworfen wurde. Er zwinkerte Ariold mit seinem gesunden Auge zu, bevor er sich umdrehte. Das schäumende Bier in der Hand, fing er augenblicklich an zu schwanken. Die Binde bedeckte den Rubin seines rechten Auges und sein kahler, von Brandnarben gezeichneter Schädel, schimmerte vom Schweiß im Halbdunkel. Dann drehte er sich wieder zur Theke, beachtete die Wachen nicht mehr und schenkte nach. „Wie ist euer Name und was ist euer Anliegen in Dreistadt?“ Die Stimme schallte durch Gasthaus, als die drei Wachen eintraten. Zwei von ihnen waren älter und trugen grüne Umhänge und Kettenhemden. Die jüngere Wache war muskulös. Unter dem gelben Umhang trug der Wächter des Tempels der Ehre einen Lederpanzer. Bargh drehte sich gespielt torkelnd um. Er krachte dabei mit seiner Rüstung gegen die Theke. „Ah, Freunde. Kommt zu mir und trinkt einen mit. Heute wollen wir feiern…“ Seine lallenden Worte schienen nicht auf fruchtbaren Boden zu fallen. Abermals brüllte die Wache im grünen Umhang ihren Befehl. Jetzt noch lauter und intensiver. Bargh bewegte sich langsam auf die drei Gestalten zu und rempelte dabei ein paar Stühle um. „Trinken will ich und ich geb‘ euch einen aus. Heute bin ich in Feierlaune. Was ist mit euch, häh?“ Als er näher kam hob der älteste der drei abwehrend die Hand und bellte wieder: „Halt, keinen Schritt weiter Fremder. Wie ist euer Name und was ist euer Anliegen in Dreistadt?“ Bargh lachte gespielt betrunken auf. Aus den Augenwinkeln vernahm er, dass die beiden hinteren Wachen anscheinend ein Geräusch gehört hatten und sich umdrehten. Er sprach jetzt umso lauter. „Das habe ich euch doch schon alles gesagt. Mein Name ist Bargh und ich möchte saufen hier, versteht ihr? Bier trinken, das will ich. Das ist mein Anliegen in dieser Stadt.“ Der ältere Mann mit dem grauen, kurzen Haar schien mit seiner Antwort nicht zufrieden zu sein. Immer noch hielt er die Hand hoch, blickte zu Ariold und schrie: „Ihr da, Wirt! Kommt zu uns herüber und berichtet… und zwar schnell.“ Bargh wusste, dass er jetzt handeln musste. Die beiden hinteren Wachen hatten sich wieder umgedreht und er ahnte, dass Neire sich bereits im Raum befinden musste. „Lasst doch den alten Mann aus dem Spiel, er soll mir nur sein Bier verkaufen. Der Wirt hat mir bis jetzt gute Dienste geleistet.“ Bargh lallte jetzt lauter und setzte nach, bevor der Anführer antworten konnte. „Kennt ihr eigentlich Akram? Das solltet ihr vielleicht oder?“ Für einen Moment schien der Anführer seine Fassung verloren zu haben. Er dachte nach. „Ja, Akram. Woher kennt ihr ihn,“ antwortete er etwas leiser. In diesem Moment sah Bargh, dass sich die Schatten hinter dem Mann in Bewegung setzten. Eine stählerne Klinge eines Degens blitzte in der Dunkelheit auf. Er begann sein Schwert zu ziehen, als er nüchtern sprach. „Akram ist tot und ihr werdet sterben wie er.“ In diesem Moment warf Bargh den Krug mit dem Bier in Richtung des Gesichts der Wache. In dem Regen von schäumendem Bier war eine Klinge zu sehen, die sich durch den Rücken des Wächters bohrte. Neires Degen hatte das Herz zwar verfehlt, doch der Extrakt des violetten Vierlings breitete sich in Windeseile in seinem Körper aus. Schwarz wurden die Adern des Anführers und er brach zitternd zusammen. Augenblicklich entbrannte ein Kampf, der von Bargh mit blindem Fanatismus und der Absicht zu töten geführt wurde. Bargh war im Angriff schneller als sein Gegner und hackte den anstürmten jüngeren Krieger mit zwei Angriffen in der Hüfte fast entzwei. Über den zu Boden sinkenden Leichnam schritt er auf die letzte Wache zu, die von Neire von hinten angegriffen wurde. Gemeinsam nahmen Neire und er den Krieger des Tempels in die Zange und zeigten keine Gnade.

Ariold kauerte nach Luft schnappend auf dem Boden und wurde von Neire bedrängt. Der Geruch von Tod und Blut war um sie herum. Der Priester Jiarliraes hatte die Kapuze des Schattenmantels zurückgezogen und den Degen an den Hals des Wirtes gelegt. Sein schönes jugendliches Gesicht war von Wut und Hass verzerrt und seine gespaltene Zunge fuhr über seine blassen Lippen. „Mensch… wir wollen nur ein Spiel spielen. Wie steht es mit euch? Wollt ihr nicht mit uns spielen?“ Ariold zitterte, als er in das von gold-blonden Locken gezierte Gesicht mit der geraden Stirn und den hohen Wangenknochen blickte. Die großen nachtblauen Augen Neires betrachteten ihn forschend. Langsam erhob er die Stimme. „Ja… natürlich, Herr…“ „Wir sollten uns natürlich respektvoll verhalten, wie Brüder und Schwestern eben zueinander sind… ja?“ Ariold wusste wohl nicht ganz wie ihm geschah und antwortete zustimmend. Wieder erhob Neire die Stimme. „Nun, ihr sagtet, ihr wollt nach Norden fliehen, doch wir kommen dorther. Das Dorf Mühlbach wurde von der Pest verwüstet. Ein dummer Bauer hat eine Münze von Tymora gekauft und damit ihr unseliges Schicksal besiegelt.“ Ein Funken Hoffnung wich sichtlich aus dem Gesicht von Ariold. Neire drang weiter auf ihn ein. „Doch der Pass nach Berghof ist frei. Wir sind im geheimen Auftrag des Herzogtums hier. Ihr könntet dorthin reisen und ein neues Leben beginnen. Wir könnten euch freies Geleit über den Pass gewährleisten. In Kusnir befindet sich sogar ein Gasthaus, das auf euch wartet. Ein minderwertiger Sklavenbastard namens Walfor könnte ein würdiger Diener für euch werden. Was sagt ihr dazu?“ Ariold versuchte nach Worten zu suchen, doch es war nur ein Stammeln und Brabbeln zu hören. „Ich sage euch etwas Mensch. Ich gebe euch diesen Ring, als Zeichen unserer Anerkennung. Und ihr reitet mit unseren Pferden in das nächste Dorf an der Küste. Dort werdet ihr sie für uns hüten. Wenn wir sie uns wiedergeholt haben, werden wir euch den Weg nach Berghof zeigen.“ Neire lächelte Ariold an, zog seinen Degen etwas zurück und Ariold antwortete. „Ja, ich kenne ein Dorf. Stadwilla liegt unweit von hier an einem gestauten Fluss. Fischer und Bauern leben dort. Ich werde dort auf euch warten.“ Neire lächelte jetzt freundlich und schob den Ring aus kostbarem Silber über den Finger von Ariold. Als er wieder sprach, drückte er nochmals den Degen enger und zischelte: „Und wir mögen keine Spielverderber, Mensch… Wisst ihr was mit ihnen passiert? Sie werden aussortiert und müssen auf ewig in den Eishöhlen hausen.“

Das Boot schaukelte im Wind. Es war bereits dunkel geworden. Dicke tiefliegende Wolken waren über ihnen und ließen das silberne Licht des Vollmondes nur erahnen. Trotzdem sah er die Klippen des Eilands aus dem Meer ragen. Die Insel des alten, erloschenen Vulkans war verboten für ihn. Der Tempel der Ehre herrschte dort und seiner Priester bedurfte es stets an neuen Rekruten, nicht aber an neugierigen Besuchern. Bregor fragte sich, worauf er sich eigentlich eingelassen hatte, als er das Werk des jungen Fremden betrachte. Die Seile waren verknotet und verheddert. Es war, wie er vermutet hatte. Nett reden konnten die Fremden, doch vom praktischen Handwerk verstanden sie anscheinend nichts. Nur Buchwissen… ansonsten warme Luft, dachte er sich. Das Boot drehte sich gerade in eine Welle und er musste schnell sein. Die beiden Fremden, die sich ihm als Bargh und Neire vorgestellt hatten, hatten ihn zudem dazu gedrängt in neue Gewässer zu fahren. Nahe der alten Vulkaninsel. Darauf hatte er sich eingelassen. Es würde sich jetzt zeigen, ob sie recht gehabt hatten. Doch er dachte auch an seine Familie. An die hungrigen Mäuler, die er zu stopfen hatte. Und er dachte an seine Frau. Vielleicht hatte sie heute wieder unnötige Sachen vom Markt gekauft. Im ersten Moment und in der Kälte des Windes spürte Bregor, dass ihn irgendetwas am Rücken kitzelte. Er wollte sich kratzen, doch wie gelähmt war er und ein Gefühl von Kälte breitete sich über seine gesamte Brust aus. Als er das Blut in seinem Mund schmeckte, merkte er, wie er langsam kopfüber ins Wasser fiel. Aus den Augenwinkeln konnte er die rote Maske einer Feuerschlange sehen, dann umschlang in das kühle Nass. Die letzten Gedanken waren bei seinen geliebten Fischen, die er Tag für Tag, Jahr für Jahr aus den Tiefen gezogen hatte. Doch wer würde seinen Körper hinaufziehen? In welchem Netz würde er landen? Als die Dunkelheit auf ihn zu kam, trat er ihr mit offenen Armen entgegen. War dort der Schimmer eines glühenden Funkens zu sehen oder war es das große Nichts, dass sich für ihn eröffnete? Langsam erstickten seine Bewegungen und sein Sinn, als er in die Tiefe sank. Alles um ihn herum war wie roter, dunkler Samt. So weich und warm.

Bargh hatte die Ruder übernommen und stemmte sich gegen die Wellen. Der Wind war gleichbleibend stark geblieben und die Wogen trugen Schaumkronen. Neire reinigte den Stahl seines Degens vom dunklen Blut des Fischers. Sie beide blickten immer wieder in die Dunkelheit. Dort lag sie, die verhasste Insel. Schwarze Felswände ragten hinauf in den Nachthimmel und verschwanden in den unruhigen Wolken. An den Ufern konnten sie hier und dort einen dichten Wald erkennen. Auch waren Strände sichtbar, deren hellerer Sand matt in der Düsternis glänzte. Als das Boot mit einem Knirschen auf den Untergrund lief, sprang Neire als erster in das Wasser hinab. Bargh folgte ihm auf das Eiland. Sie wussten, dass es jetzt kein Zurück mehr geben würde. Sie hatten sich lange vorbereitet. Und doch mussten sie das Boot verstecken, beten und für eine paar Stunden Schlaf finden. Im Dunkel des Morgens wollten sie angreifen. Tief in ihrem Inneren wussten sie, dass Jiarlirae mit ihnen war.

Tempelinsel.jpg
 

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Sitzung 44 - Der Tempel der Ehre

Das leiste Rauschen der Brandung war zu hören. Die Geräusche kamen von dort, wo der silberne Mond sich in den dunklen Wellen brach. Bargh und Neire waren bereits einige Zeit unterwegs. Sie hatten die Insel im Schatten des Waldes durchquert. Keine Geräusche von Tieren waren dort zu hören gewesen – nur das Zirpen von einigen Grillen und das Summen von Insekten. Während ihrer Wanderung hatten sie immer wieder nach Spuren oder Besonderheiten Ausschau gehalten, die die dunklen Felswände ihnen offenbaren könnten. Doch sie hatten nichts finden können. So war die Nacht, nach ihrer kurzen Ruhe und dem darauffolgenden Fußmarsch, fortgeschritten. Eine kühlere Luft strömte von den schroff aufragenden Felshängen aus dunklem Gestein und mischte sich mit dem Algen- und Salzgeruch des Meeres. Sie waren an eine Stelle gelangt, an der Waldboden und Bäume dem spröden Felsgestein wichen. Vorsichtig erklommen sie den kleinen Grad, der zur Rechten hinab ins Meer und zur Linken hinauf in die Dunkelheit der Wand führte. Es eröffnete sich ihnen der Blick in ein steiles Tal, das die Felswand durchschnitt. Im Mondlicht konnten sie das Innere des Vulkankraters aufragen sehen, in das das Tal sich zog. Am Meeresufer war ein Steg zu erkennen an dem einige kleine Boote lagen. In die Aushöhlung des Berges führte eine Art Pfad. Wie über Jahrzehnte oder Jahrhunderte ausgetrampelt und glattgeschliffen, sah der Weg aus. Er führte in den inneren Bereich des Kraters. In einen Bereich, in den die Felswände ihnen den Blick versperrten.

Neire zog sich langsam an der Außenmauer des dunklen Turmes hoch. Er war in das Innere des Kraters vorgedrungen. Auf dem Weg hatte er eine Reihe von alten schwarzen Steinstatuen passiert. Krieger, die sich auf jeder Seite des Weges gegenüberstanden und ihre Schwerter kreuzten. Der innere Bereich des erloschenen Kessels war von einer Anordnung von Ruinen übersäht, die um das Gebäude des Tempels aufragten. Bei diesen Ruinen hatte es sich um grobe Bauten gehandelt. Steinplatten, die über Aushöhlungen im Boden aufgeschichtet wurden. Das Tempelgebäude hatte einen anderen Baustil gehabt. Eine breite Wehrmauer war um einen inneren Turm errichtet. Treppen führten auf diese Mauer hinauf und von dem oberen Ring als kleine Brücken zum inneren Turm. Als Neire vorsichtig die Treppe zur Mauer erklommen hatte, konnte er von der inneren Wand der Wehrmauer Licht aus Schießscharten hervordringen sehen. Es schien sich also um eine Wohnmauer zu handeln. Dann hatte er sich entschieden den Turm zu erklimmen, der über ihm aufragte. Er mied das große Eingangportal und blickte sich nochmals um. Doch von den beiden Wachen, die er auf einer Patrouille gesehen hatte, fehlte jeder Spur. Das Erklimmen der Steine war nicht leicht. Der Stein war kalt geworden, in der fortgeschrittenen Nacht. Er musste in den kleinen Ritzen der Blöcke Halt finden. Doch gekonnt zog er sich höher und höher. Schließlich schlang er den Arm über die Kante und zog sich hinauf. Nur der blanke Stein war hier oben zu sehen. Er dachte an Bargh, der am Ufer zurückgeblieben war und kauerte sich nieder. Immer wieder ließ er seinen Blick über den Kessel und in Richtung Dreistadt schweifen. Aus der Richtung der Stadt konnte er das Licht des verbliebenen Leuchtturmes erkennen. Ein Gedanke reifte in ihm heran. Vielleicht sollte er hier oben bleiben. Es gab keinen Aufgang und auch bei Tag würde ihn keiner hier sehen. Nur Bargh müsste am Strand warten. Neire ging für einen Moment in sich und versank in völliger Starre. Da hörte er die gedämpften Stimmen vom Stein unter ihm. Die erste klang unruhig und besorgt. „Ich mache mir Gedanken. Wir sind nicht gut geschützt. Die Mauern sind nicht bewacht.“ Die zweite Stimme antwortete unmittelbar. Zwar etwas entfernter und gedämpfter, doch Neire konnte die Worte gut verstehen. „Fürchtet euch nicht. Unser Fürst wird heute über uns wachen. Und morgen werden sie aus Dreistadt zurückgekehrt sein.“ In diesem Moment begann Neires Herz höher zu schlagen. Er wusste, dass dies ein Zeichen von Jiarlirae war. Die Gunst seiner Göttin war mit ihnen. Er begann sich über die Mauer zu beugen und starrte in den schwarzen Abgrund. Langsam suchte er nach Halt und ließ sich in die Tiefe hinab.

„Wir müssen handeln Bargh. Noch diese Nacht und im Schutze der Dunkelheit.“ Bargh blickte in das junge Gesicht, das von gold-blonden Locken umrahmt war. Sonst war nichts von Neire zu erkennen. Augenblicklich griff er nach seiner Maske und spürte das Adrenalin sich in seinem Körper ausbreiten. „Nein, wartet Bargh. Wir müssen zuerst die Substanz zu uns nehmen. Reicht mir den Weinschlauch.“ Bargh zog den Rucksack von seinen Schultern und brachte das lederne Reservoir zum Vorschein, in das sie den Wein gefüllt hatten. Neire nahm ihn entgegen. Sein Mitstreiter hatte die kleine Viole mit der dunklen Substanz bereits geöffnet und nahm einen Schluck von dem zähen Pilzextrakt. Dann spülte er diesen mit einem Schluck Wein hinunter. Bargh tat es Neire danach gleich. Nachdem sie ihre Masken angelegt hatten, brachen sie auf. Neire hatte ihm zuvor berichtet, dass er die Wachen belauscht hatte, die im Außenbereich auf Patrouille waren. Es stand wohl ein Wachwechsel bevor und die Zeit war jetzt günstig. Je näher sie dem Inneren des Kraters kamen, desto stärker spürten sie die Wirkung des Suds. Das Mondlicht schien intensiver zu werden. Fast wohltuend und betäubend blendend. Das Schwarz der Dunkelheit nahm hier und dort Töne von dunklem Violett an. Es war, als könnte er diese Farben hören. Bargh hatte sein Schwert gezogen und schaute immer wieder auf das silberne Licht, das sich in der Klinge spiegelte. Sie umrundeten vorsichtig die Wehrmauer und erklommen eine Treppe. Aus dem Innenhof des Tempels waren jetzt Befehle zu hören. Ab und an durchdrang das Surren eines Pfeils die Nacht. Anscheinend trainieren sie in diesen frühen Morgenstunden, dachte sich Bargh und blieb weiter hinter Neire, der die Wehrmauer auskundschaftete. Neire öffnete leise eine Falltür, unter der eine Wendeltreppe in das Innere der Mauer hinabführte. So verschwanden sie aus dem Mondschein in das Fackellicht, das sie von unten sehen konnten. Der Raum, der sich vor Bargh auftat, war groß und hatte die Krümmung der Wehrmauer. Fackeln brannten an den Wänden und hölzerne Übungspuppen für den Schwertkampf waren hier zu sehen. Bargh sah Neire nicht mehr, doch hörte dann ein Flüstern. „Bargh ich werde in diese Richtung gehen. Folgt mir und lasst euch etwas Zeit.“ Bargh nickte und betrachtete die bogenförmige Öffnung, die in den nächsten Raum führte. Nach einer kurzen Weile folgte er Neire. Im nächsten Raum sah Bargh bereits Neires Werk. Eine Gestalt in einem grünen Umhang lag vor einer Werkbank in einer großen Lache von Blut. Sie umklammerte immer noch das Schwert und den Hammer, mit dem sie wohl gearbeitet hatte. Bargh beachtete die ältere Wache nicht weiter und schritt langsam vorwärts. Der darauffolgende Raum war eine Art Waffenkammer. Hier waren keine Spuren des Kampfes zu sehen. Als Bargh den Raum fast durchquert hatte, hörte er ein Aufächzen aus dem nächsten Raum hinter dem Durchgang. Es folgten hastige Schritte. Er wusste, dass er handeln musste. Er begann in Richtung des Raumes zu stürmen. Keinen Moment zu spät. Hinter einer Ansammlung von Tischen sah er einen Leichnam einer Wache liegen. Doch eine weitere Wache zog gerade ihr Schwert. Noch bevor Bargh mit dem Krieger des Tempels der Ehre zusammenstieß, fing die Wache an zu schreien. „Alarm, Alarm. Eindringlinge.“ Einen Augenblick später krachte er mit dem Krieger zusammen. Ein brutaler Kampf entbrach, auf Leben und Tod. Weitere drei Angreifer des Tempels der Ehre drangen nur wenig später aus dem Außenbereich in das Gemach herein. Sie mischten sich in das Getümmel. Irgendwo musste Neire hier doch sein, dachte Bargh, als er sich unter den ersten Schwerthieben hinwegduckte. Dann sah er den tanzenden Degen aus den Schatten zustechen. Der Fackelschein war so intensiv, das Blut so rot. Er spürte kaum den Schnitt des Kurzschwertes, das in seine Hüfte biss. Bargh hackte und stach. Seine Angriffe drangen durch die Rüstungen seiner Feinde. Ein Widersacher nach dem anderen fiel. Bis da nur noch die Farben und deren Eigentöne waren. Eine Kammer gefüllt mit Fackelschein, Leichen und rotem Blut – eine Epitome der aufsteigenden Dunkelheit.

Neire schlich über die Brücke auf den schwarzen Turm zu. Er hatte zuvor sichergestellt, dass auch alle Diener des Tempels der Ehre tot waren. Bei einem der Gegner, gegen die sie im Gemach in der Wehrmauer gekämpft hatten, war das nicht der Fall gewesen. So hatte er sich hinabgebeugt und ihm langsam seinen Degen durch die Brust gestoßen. Er wusste nicht wieso, doch er hatte bei dem jugendlichen Gesicht mit den blonden Haaren an Halbohr denken müssen. Ihr einstiger Mitstreiter, sein persönlicher Beschützer, war jetzt schon länger nicht mehr aufgetaucht. Neire hatte auch einen kurzen Moment darüber nachgedacht, Halbohr eines der Ohren des Wächters mitzubringen. Doch schließlich hatte er den Gedanken verworfen. Nun graute langsam der Morgen über der Insel und der fast wolkenlose Himmel schimmerte in einem grünlich-blauen Licht. Der Mond war bereits untergegangen und hier und dort schimmerten noch ein paar hellere Sterne. Neire betrachtete das doppelflügelige Portal des schwarzen Turmes. Beide Türhälften teilten das Symbol von Torm. Zitternd begann Neire die Türe leise zu öffnen. Er wusste, dass Bargh handeln würde, sollte ihm etwas zustoßen. Die Türe begann sich zu bewegen, doch sie schwang nur langsam auf. Im Inneren des Turmes konnte er eine hohe Halle erkennen, die wohl den gesamten Turm auf Breite und Höhe erfüllte. Der Geruch von Weihrauch und Myrrhe strömten ihm entgegen. In der Mitte befand sich ein Zylinder aus schwarzem Stahl, der vielleicht über etwas mehr als die Hälfte der Höhe aufragte. In einem Kreis um die Wände des Saales waren Statuen von dunklen Steinkriegern zu sehen, die in Richtung des schwarzen Zylinders blickten. Vier Treppen aus Metall führten spiralförmig in die Höhe, um auf der oberen Plattform des schwarzen Zylinders zu enden. Alle Treppen waren von Ketten getragen, die in der Höhe, des von Fackelschein erhellten Raumes, verschwanden. Doch auch Bewegung konnte Neire ausmachen. Zwei Gestalten verharrten dort in regloser, fast meditierend-andächtiger Pose. Einer der beiden Ritter hatte sich auf Bodenhöhe vor dem schwarzen Zylinder postiert. Er trug ein großes Schwert, dass er ähnlich der Haltung der Statuen, beidhändig vor sich hielt. Der Ritter war in eine strahlende Rüstung gekleidet und hatte einen Umhang von heller violetter Farbe. Sein kahler Schädel offenbarte ein grobschlächtiges Gesicht mit langen Narben an beiden Wangen. Die zweite Gestalt war nur schemenhaft zu erkennen. Ein weiterer Ritter eines vielleicht religiöseren Ranges? Er befand sich auf dem Zylinder zwischen einer Reihe von Stehpulten. Auch er trug einen Harnisch aus Stahlplatten, doch die Farbe seines Umhangs schimmerte in einem Violett. Neire konnte zudem erkennen, dass dieser Wächter des Tempels der Ehre buschige Augenbrauen und einen Bart hatte. Er trug einen Kriegshammer, den er auch in der Pose der Steinstatuen vor sich hielt. Schon dachte Neire nicht erkannt worden zu sein, da erhob die weiter obenstehende Gestalt ihre Stimme:
„Ich sehe euch nicht Eindringlinge. Aber ich weiß, dass ihr hier seid. Ihr seid es, die uns viele Sorgen bereitet habt in Dreistadt. Ich kann euch sagen, dass ihr vom Himmelreich unseres Herrn weit entfernt seid. Es wird euch nicht die Erlösung zuteilwerden, die den getreuen Dienern unseres ewigen Fürsten zuteilwurde. Diese ehrenvollen Diener, die ihr in Dreistadt feige niedergeschlachtet habt. Zeigt euch und wir werden euch ein ehrenvolles Ende bereiten.“
Neire betrachtete in diesem Moment die Fackeln, die im Luftzug zu Flackern begannen. Da konnte er es sehen. In Schatten und Feuer waren die Runen zu erkennen. Er spürte den Atem seiner Göttin und wusste, dass das Feuer zurückgekehrt war. Er lauschte den Tönen der Runen, der Musik von Flamme und Düsternis. Für einen Moment führte ihn die Erinnerung zurück ins Innere Auge von Nebelheim. Zu den prachtvollsten Festen und dem großen Maskenball. Plötzlich war da das Murmeln von Stimmen und Musik in seinem Kopf, das anschwoll zu einer Kakophonie, zu einem Rauschen und Zischen, das dann eins wurde mit dem Wasser des Eises, das aus der Dunkelheit durch die große Öffnung in die Flammen des Auges tropfte. Langsam verdrängte er die Gedanken. Die Reminiszenz an die Atmosphäre damaliger Tage, geschwängert von Neugier und Lust, von berauschtem Glück und einer vernebelten Traurigkeit, von schattenhafter Niedertracht und lodernder Gier. Vorsichtig schlich er Schritt für Schritt zurück zu seinem Kameraden Bargh, der dort in der Dunkelheit des grauenden Morgens lauerte.​
 

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Sitzung 45 - Die Eroberung des Tempels der Ehre

Im Licht des grauenden Morgens hatten Bargh und Neire ihre Blicke auf den Turm gerichtet. Vor dem grün-bläulich schimmernden Horizont ragte das schwarze, zylindrische Konstrukt monströs auf. Hinter der gewölbten Steinbrücke konnten sie die geöffnete Türe sehen. Fackellicht drang aus dem Inneren hervor. Auch aus dieser Entfernung konnten sie im sanften Wind des kühlen Morgens den Geruch von Weihrauch vernehmen, der aus dem Inneren des Turmes entwich. Das Zirpen der Grillen war hier völlig verstummt und eine unheimliche Stille lag über allem. Die Gebete, die Neire begann zu singen, klangen zuerst schwach und fragil. Doch mit jedem Wort, mit jeder Silbe, schwoll die Macht der fremden Formeln an. Der Gesang war von einer schlangenhaften Sprache, zischend und mit unmenschlicher Intonation. Als Neire die Hervorrufung beendet hatte, nickte er Bargh zu. Es war an der Zeit zu handeln und sich den Führern des Ordens im Kampf zu stellen. Neire sprach leise zu Bargh, bevor er losging. „Bargh, bleibt zurück und lauert hinter dem geschlossenen Türflügel. Sobald einer von ihnen die Flucht ergreift, schlagt zu.“ Bargh nickte. Er ahnte, dass Neire bereits einen Plan hatte.

Neire schlich Schritt für Schritt auf die geöffnete Türe hinzu. Er musste sich zusammenreißen und verwendete all die ihm zu Verfügung stehende Kraft, um seine Angst zu überwinden. Sein Herz raste. Das Flackern der Fackeln, die er im Inneren sah, kam ihm so intensiv vor. Als wären sie von einem Leben erfüllt, als würde seine Schwertherrscherin ihm zuflüstern. Als er durch die geöffnete Hälfe des Portals blickte, sah er die Gestalten dort verharren. Sie hatten beide die Augen geschlossen und hielten ihre Waffen vor sich, als ob sie in das Gebet eines Kriegers vertieft wären. Die Gestalt vor der Säule trug einen Panzer aus poliertem Stahl. Sie war muskulös, von haarlosem Kopf und grobschlächtigem Gesicht. Zwei Narben waren auf ihrer Wange zu sehen. Die zweite Gestalt konnte Neire nun besser erkennen. Der Priester stand hoch oben auf der Säule hinter einem Pult, auf dem ein großer aufgeschlagener Wälzer zu erkennen war. Auch er war geschützt durch einen glänzenden Panzer. Der Mann war älter, von dunklem Bart und buschigen Augenbrauen. Als Neire bereits einige Schritte in den Raum geschlichen war, erhob der glatzköpfige Krieger mit dem beidhändig getragenen Schwert erneut die Stimme. „Zeigt euch, Eindringliche. Wir können euch nicht sehen, doch wir wissen, dass ihr hier seid. Zeigt euch und findet euer ehrenvolles Ende im Kampf.“ Neire spürte die Wut und die Anspannung. Er sah jetzt die Runen im Feuer der Fackeln. Runen der Dunkelheit. Er musste handeln, es waren die Zeichen von Jiarlirae. Er begann augenblicklich seine linke Hand hervorzuziehen und konzentrierte sich auf das Feuer und die Schatten. Zuerst war die Flamme klein. Doch schnell wuchs das magmafarbene Licht, das auf seiner Handfläche, tanzend mit der Dunkelheit, brannte. Neire bemerkte zu seinem Erschrecken, dass der Krieger jetzt seine blauen Augen öffnete und in seine Richtung blickte. Er hob das Schwert und kam auf ihn zu. Neire versuchte seine Kräfte zu sammeln. Er wollte die schwarze Kunst seiner Göttin beschwören. Doch der Krieger war schneller. Von der oberen Plattform hörte Neire gerade den anschwellenden Gesang von Gebeten, als der Diener des Torm ihn angriff. Einem ersten Hieb konnte er noch ausweichen, dann schlug das Schwert ihm in die Seite. Das dunkelelfische Kettenhemd hielt zwar ein tieferes Eindringen ab, doch die Glieder wurden weit in sein Fleisch getrieben. Die Luft blieb ihm weg und er wollte wegrennen. Und doch musste er kämpfen; er musste sich konzentrieren. Die Macht, die Neire durch die kleine, gebrechliche Flamme beschwor, war gewaltig. Magisches Feuer schoss plötzlich aus dem gesamten Boden des Turmes hervor und hüllte den Krieger und ihn ein. Alles um ihn herum, auch die steinernen Statuen der schwerthaltenden Krieger, verschwanden im rötlichen Glühen. Der Angreifer vor Neire schrie, als sein Fleisch begann zu kochen, seine Rüstung begann zu glühen. Doch Neires Widersacher dachte nicht an eine Flucht. Er biss die Zähne zusammen und kämpfte ehrenvoll weiter. Auch als seine Rüstung sich bereits begann aufzulösen. Nieten platzten ab durch die Hitze und der Panzer brach hier und dort auseinander. Neire konzentrierte sich, um dem nächsten Angriff auszuweichen. Er spürte die Hitze um ihn herum. Doch als Kind der Flamme, als wahrer Diener seiner Göttin, konnte ihm das Höllenfeuer nichts anhaben. Er wollte gerade eine weitere Macht hervorrufen, als der Krieger vor ihm von den Flammen verzehrt wurde. Mit einem erstickenden Todesschrei fiel der, von grauenvollen Brandwunden geschändete, Leib zu Boden. Aufgrund der Hitze begannen sich augenblicklich seine Muskeln zu versteifen. Jetzt richtete Neire seinen Blick nach oben. Er sah den Priester dort zurücktreten. Doch die Flammen der Feuerwand reichten nicht so weit hinauf. Neire beschwor drei Bälle aus glühendem Magma, die er in Richtung des Priesters warf. Sie zogen funkensprühende Spuren, als sie aus dem Feuer der Flammenwand heraustraten. Alle drei Geschosse fanden ihr Ziel. Neire hörte von oben den Todesschrei, als der zweite Widersacher in seinem Feuer starb. Ein Gefühl von Glück durchfuhr Neire. Er ließ die Flammen der magischen Hitzewand langsam erlöschen. Der Nachhall des Feuers blendete ihn einen Moment. Die Farben hatten sich in seinem Rauschzustand tief in seinen Geist gebrannt; er hörte ihre fremden, schrillen Töne. Fast wie aus einem Traum erweckt schreckte er auf, als er Bargh neben sich sah. Sein Gefährte hob das Schwert und begann den Kopf des verbrannten Kriegers abzuhacken. Bargh sprach dabei spottend die Worte. „Ha… ja! Damit habt ihr nicht gerechnet. Zeigt euch, Eindringlinge, hahaha… zeigt euch, damit wir euch ein Ende bereiten können. Hahaha… hier habt ihr euer Ende.“ Dann trat Bargh mit seinen Stiefeln gegen den Kopf, so dass dieser durch die, jetzt mit Ruß bedeckte, Halle des Turmes rollte. Neire zog die Kapuze zurück und lächelt Bargh zu. Er deutete auf eine der metallenen Treppen, die von Ketten getragen, auf die Plattform der mittigen Säule führte. „Bargh, durchsucht den Leichnam. Ich werde nach dem zweiten Priester schauen.“

Er wusste nicht, wie tief er hier hinabgestiegen war. Vielleicht befand sich der Tunnel unter dem Meeresspiegel. In weiten Abständen erhellten Feuerschalen die Gänge, die aus einem älteren Gestein als der obere Turm erbaut waren. Zuvor waren sie beide auf das Podest gelangt. Bargh hatte dort den zweiten Leichnam spottend geschändet, in dem er mit seinen schweren Stiefeln den Kopf zertreten hatte. Sie hatten dann auf dem Podest einen geheimen Mechanismus entdeckt, der eine Falltür offenbart hatte. In der Säule hatte sie ein Schacht in die Tiefe geführt – über steinerne Sprossen, die aus den Wänden herausragten. Am unteren Ende des Schachtes war eine steinerne Halle zu sehen gewesen, in die eine Strickleiter hinabführte. Neire hatte gehorcht und irgendwo aus einem Tunnel Schritte und aus einem weiteren Tunnel ein schwaches Wimmern gehört. Er hatte sich entschieden, in Richtung der Schritte zu schleichen. So hatte er sich im Schutze seines Mantels den Geräuschen genähert. Jetzt sah er zwei Wachen, die sich dem Ende des Tunnels näherten, um dort eine Tür zu überprüfen. Als sich eine der beiden Gestalten über das Schloss beugte, war Neire in den Rücken der anderen vorgedrungen und sah seine Chance. Er trat hervor und rammte der Wache den Degen in den Rücken. Augenblicklich begann der Giftextrakt des bunten Vierlings zu wirken. Die Adern des Wächters verfärbten sich dunkel und dieser brach zusammen. Einen kurzen Moment später war Neire bei der anderen Gestalt und stach mehrfach zu. Durch die Morde der letzten Tage hatte Neire an Sicherheit und Erfahrenheit im Kampf gewonnen. Auch jetzt fand sein Degen das Ziel und er tötete die zweite Gestalt mit mehreren Stichen. Unter den Ordensmänteln beider Leichname breitete sich eine Lache von Blut aus.

Bargh kniete sich nieder. Tief waren die Schnitte der Schwerter, die seinen Körper verwundet hatten. Wie von einer geisterhaften Kraft geführt, hatten die animierten Rüstungen angegriffen. Ihre Schläge waren präzise geplant, von einer tödlichen Wucht, gewesen. Beide Gestalten hatten ihn angegriffen. Neire war zu diesem Zeitpunkt nicht zu sehen gewesen – verborgen durch seinen Schattenmantel. Doch Bargh hatte seine Anwesenheit, seine Macht gespürt. Gemeinsam hatten sie schließlich die bewegten Rüstungen besiegt. Noch bevor sie in den Raum eingedrungen waren, hatte Neire die Schutzmagie, die er in diesem tiefen Kerkerraum entdeckt hatte, gebannt. Die Kraft Jiarliraes war stark gewesen und so konnten sie unbehelligt in das Gewölbe vordringen. Jetzt kniete Bargh nieder. Neire hatte ihm geholfen, Verbände über seine Wunden zu legen. So hatten sie die größten Blutungen gestoppt. Neire murmelte Worte eines Chorals, in der Sprache von Nebelheim. Er legte Bargh seine schwärzlich verbrannte Hand auf die Wunde. Das Gefühl eines wohltuenden Brennens verbreitete sich in seinem Körper. Bargh spürte, dass die heilende Magie der Göttin seine Wunden schloss. Bevor er sich aufrichtete, dachte er einen Moment zurück. Sie hatten eine nicht geringe Zahl von Räumen und Gängen abgesucht, bevor sie diese unterirdische Halle gefunden hatten. Sie hatten unter anderem einen Raum mit Schatztruhen und ein Gemach mit Aufzeichnungen gefunden. Gegenstände waren wie eine Art Handelsregister aufgelistet gewesen. Neben der Münze von Tymora, hatten sie weitere Einträge gefunden. Über einen Kristall, das Feuer von Sune, waren Notizen vermerkt. In einem weiteren Verließ, dass von Eisengittern versperrt war, hatten sie Fässer entdeckt. Nachdem Neire das Schloss geöffnet hatte, waren die Fässer von ihnen untersucht worden. Der beißende Geruch hatte Neire an eine alte Geschichte erinnert. Eine alte Schlachtenbeschreibung war ihm eingefallen, in der ein Bollwerk mit Hilfe einer solchen Substanz gesprengt wurde. Nur noch eine weitere Wache hatten sie hier unten angetroffen, die von Neire hinterrücks erstochen wurde. Jetzt, nachdem er sich langsam aufgerichtet hatte, ging sein Blick zu dem kleinen Tunnel, der den einzigen Ausgang aus diesem Raum darstellte. Bargh hörte die flüsternde Stimme von Neire und konnte für einen kurzen Moment einen Schatten feststellen, der in Richtung des Tunnels huschte. „Folgt mir… lasst uns schauen, was dieser Raum bewachen und verbergen sollte.“ Bargh nahm sein Schwert auf, rückte seine Gesichtsmaske zurecht und folgte Neire. Der Gang führte ihn zuerst in die Dunkelheit. Doch nach einiger Zeit waren vereinsamte Lichtpunkte von Feuerschalen zu sehen. Im Gegensatz zu dem seltsamen, kalten Ölfeuer, auf das sie schon im Leuchtturm gestoßen waren, ging von den Flammen dieser Schalen eine intensive Hitze aus. Dann öffnete sich der Gang in eine halbkreisförmige Höhle. Die gegenüberliegende Wand war von schroffem Felsgestein. Gleißende Lichter aus Feuerschalen hüllten die steinerne Halle in punktuelle Lichtkegel. An Stellen, wo sich keine Schalen befanden, waberten dicke Schatten. Irgendetwas hörte Bargh aus der Höhle. Wie ein zischelnder Chor von Stimmen, die nach ihm riefen. Dann sah er es dort liegen. Eine feine Klinge, ein schwarzes Schwert. Die Stimmen hörte er von dort Raunen. Bargh ging langsam auf das Schwert zu. Die Klinge besaß eine Blutrinne, in Form einer dicken Ader. Durch den schwarzen Stahl konnte er kleine Verästelungen sehen, als ob sich diese Ader auffächerte. Dieses Geflecht endete an der Schneide. Bei genauerer Betrachtung sah es so aus, als ob dort irgendeine Flüssigkeit zum Vorschein kommen würde, die sich dann augenblicklich in Rauch auflösen würde. Als er nach dem Schwert hinabbeugte, bemerkte er die glatte Parierstange und das gerade, schwarze Griffstück. Beide wie aus einem Guss geformt. Am Ende des Griffstücks war ein schwarzer Edelstein zu sehen, in dem er die Konturen eins dunklen Herzens vernahm. Bargh ergriff das Schwert und augenblicklich fuhr eine Welle von dunkler Macht durch seinen Körper. Es war, als ob das Schwert hier auf ihn gewartet hätte, als ob die Waffe als natürliche Erweiterung seines Armes zu ihm passen würde. Licht und Schatten flackerten um ihn herum. Jetzt hörte er das Raunen der Stimmen und den seltsamen Singsang zu Ehren seiner Göttin. Er kniete sich nieder und riss die Klinge über seinen Kopf. Der gerade Griff hatte sich tatsächlich den Konturen seiner Hand angepasst, als ob das Schwert sich durch ihn formen lassen könnte. Er wusste jetzt, dass seine Stunde als Krieger Jiarliraes gekommen war. Dann nahm er die Klinge hinab und betrachtete das Spiegelbild seiner Maske im Stahl. Leise zischelte er die Worte GLIMRINGSHERT. So würde er das Schwert nennen. Es trug den Atem von Jiarlirae und die Saat von Flamme und Düsternis – es war Glimringshert, das glühende Herz aus Schatten.​
 

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Sitzung 46 - Feuer und Dunkelheit im Tempels der Ehre

Bargh hielt Glimringshert einhändig vor sich. Noch immer hörte er das Raunen und einen Singsang von der Klinge ausgehen. Nachdem sie das schwarze Schwert aus dem geheimen Bereich des Tempels geborgen hatten, waren Neire und er in den letzten Bereich des Verlieses vorgedrungen, den sie noch nicht erkundet hatten. Auf dem Weg durch die, in das graue Felsgestein gehauenen, Tunnel, hatte ihn Neire auf das leise Wimmern aufmerksam gemacht, das er aus dem noch unerforschten Bereich vernahm. Sie kamen gerade um die Ecke, als Bargh den Schein von Feuer erblickte. Fackeln erhellten einen sich nach links und rechts eröffnenden Raum, der nicht viel weiter in die Tiefe ging, als ein breiter Gang. Ein leichter Geruch von Fäkalien und Verwesung strömte Bargh entgegen. An der gegenüberliegenden Wand waren Zellen zu sehen, die von rostigen Gitterstäben versperrt waren. An der Wand der rechten Seite waren zudem ein verlassener Hocker und ein Tisch zu erkennen. Bargh sah, wie Neire sich den Mantel zurückzog; so kamen die gold-blonden, gelockten Haare seines jungen Begleiters zum Vorschein. Neire deutete mit ernster Miene zur linken Seite. Auch Bargh zog sich nun die Maske vom Schädel und schritt in Richtung des Wimmerns. Als seine schweren Schritte im Verließ widerhallten, verstummte das Wimmern abrupt. Sie kamen zu einer Zelle, in der eine kleine Gestalt in der Dunkelheit hockte. Bargh sah die junge Frau, fast noch ein Mädchen, die nun zu ihnen aufblickte. Sie trug ein verdrecktes Kleid, dünne Beinkleider und war barfuß. Der Geruch von Fäkalien und Verwesung war hier stärker. Als die junge Frau aufblickte, sah Bargh die Angst in ihren grünlich schimmernden Augen. Lange, feuerrote, leicht gelockte Haare fielen schwer auf ihre Schultern. Haare und Gesicht waren von einer Schicht von Dreck bedeckt, doch darunter konnte Bargh Schönheit erahnen. Neben einer urtümlichen Wildheit, stellte Bargh eine Angst in ihrem Blick fest. Für einen Moment ließ er seine Gedanken schweifen und das fremde Mädchen erschien verändert vor seinem inneren Auge. Sie trug eine goldene Krone, Edelsteine und Goldschmuck. Über der Krone brannte ein Feuer, um das Dunkelheit und Schatten tanzten. Geisterhaft umströmte nachtblaue Magie ihren schlanken Körper. Das Bild verschwand allerdings augenblicklich. Neire war an das Gitter herangetreten und begann zu sprechen. „Was macht ihr hier in dieser Zelle? Ist das ein Spiel, das ich nicht kenne? Habt ihr mit ihnen gespielt?“ Zuerst konnte Bargh eine Verwirrung in ihren Augen sehen. Doch dann lächelte sie ihn und Neire an. „Wer seid ihr? Ihr gehört nicht zu ihnen, oder? Ich meine die Wächter der Insel.“ Bargh lachte kurz auf und auch Neire stimmte ein. Das Mädchen wich wieder etwas vom Gitter zurück. „Nein, wir gehören nicht zu ihnen… auch wenn das nicht immer so war“, antwortete Bargh. Er bemerkte, dass die Gefangene ihm fasziniert lauschte. „Wir spielen ein anderes Spiel. Ein Spiel von Feuer von Schatten. Sagt, wollt ihr dieses Spiel mit uns spielen?“ Als Neire die Frage stellte, bemerkte Bargh eine Art Wildheit in ihren trotzigen Augen. Doch sie antwortete überhastet, freudig und in einem jugendlichen Übermut. „Ja, natürlich… ich werde mit euch spielen. Das Spiel von Feuer und Dunkelheit sagt ihr? Hmmm… ich habe bereits ein anderes Spiel gespielt. In Dreistadt. Es war das Spiel des Nehmens von anderen. Man durfte sich nur nicht erwischen lassen.“ Noch während sie sprach, begann Neire jetzt seinen Dietrich hervorzuziehen und das Schloss am Gitter zu öffnen. Als sein junger Begleiter das Gitter aufzog, sah Bargh das Mädchen hinaushasten. Der Geruch von Schweiß und Fäkalien kam ihm entgegen. Als die jetzt Freigelassene in Richtung des Tunnels lief, blickte sie sich um und sagte. „Kommt und folgt mir. Wir dürfen keine Zeit verlieren. Bevor sie vielleicht zurückkommen.“ Bargh hörte Neire mit erzürnter, lauterer Stimme antworten. „Halt! Wir geben hier die Befehle. Und wir spielen das Spiel nach unseren Regeln. Kommt erst einmal zurück. Ihr seht aus, als könntet ihr einen Schluck Wein vertragen.“ Bargh sah, dass Neire ihm zunickte und er begann den Weinschlauch aus dem Rucksack hervorzukramen. Als er bemerkte, dass das Mädchen ihn dabei genau beobachtete, zwinkerte er ihr zu und fragte. „Wir haben euch noch nicht gefragt. Wie ist eigentlich euer Name?“ Er sah, dass sie ihn anlächelte und sprach. „Mein Name ist Zussa. Und ja, ich würde gerne einen Schluck Wein trinken.“ Neire trat an ihn heran und nahm ihm den Weinschlauch ab, während Zussa sich mit ihrer Zunge über die Lippen fuhr. „Nun Zussa.“ Sprach Neire und bewegte sich auf sie zu. „Mein Name ist Neire. Neire von Nebelheim. Ich bin ein Kind der Flamme und ein Diener der Schwertherrscherin, der Königin von Feuer und Dunkelheit, Jiarlirae, geheiligt möge ihr Name sein. Mein Begleiter hier ist mir wie ein Bruder. Er ist ein heiliger Krieger unserer Göttin, der Drachentöter und wandelte einst im Reich des Jenseits, nach seinem Tode ins Fegefeuer hinab. Er wurde von meiner Göttin errettet, ein Wunder… und nun schreitet Bargh, so sein Name, wieder unter den Lebenden.“ Bargh sah, dass Zussa an Neires Lippen hing, mit großen geöffneten Augen. Er hatte auch bemerkt, dass Neire etwas von dem Grausud aus dem Geheimfach seines Schlangendegens geholt hatte – kaum mehr ein kleiner Tropfen der Substanz, der auf der Kuppe seines Zeigefingers zu sehen war. Neire hielt Zussa den Finger hin, während er sprach. „Diese Substanz wird eure Stimmung heben und euren Geist für das Spiel öffnen. Nehmt sie zu euch und spült das Ganze mit ein paar Schlücken Wein herunter.“ Zussa wirkte zuerst etwas unruhig. Sie roch an Neires Finger, öffnete dann ihre Lippen und leckte mit ihrer Zunge über Neires Finger. Für Bargh machte diese Szene einen seltsamen Eindruck, hier, im Antlitz von Tod und Verwesung. Doch er ahnte schon, worauf Neire Zussa vorbereiten wollte. Er schwieg, während Zussa nach ein paar kräfigen Schlücken Wein an zu erzählen fing. Sie blickte ihn dabei an. „Bargh, auch ich habe Erfahrungen mit dem Feuer gemacht. Der Herr der Nachbarsfamilie hat sich einst über mich lustig gemacht. Über meine roten Haare. Ich war so wütend, dass ich ein Feuer hervorbeschworen habe. Seine Scheune ist abgebrannt. Mit einem seiner Schafe. Ich habe mich dabei auch selbst verletzt. Danach musste ich das Dorf verlassen, fliehen.“ Als ob Zussa ihre Worte unterstreichen wollte, hob sie ihre mit Brandnarben bedeckten Fingerkuppen. Immer noch starrte sie fasziniert auf seinen haarlosen Schädel – die Spuren des Feuers. „Seid ihr so hierhin gekommen? Weil ihr aus eurem Dorf fliehen musstet?“ Die Wut verschwand jetzt aus dem Gesicht von Zussa und eine Art Schwermut stellte sich ein. „Ja, so war es. Keiner konnte mir helfen. Nicht mal meine Eltern. Ich wurde als Hexe bezeichnet und so floh ich nach Dreistadt. Dort hatte ich nichts und musste auf den Straßen leben. Schließlich nahm ich mir einfach was ich brauchte. Ja, das war mein Spiel. Man durfte sich nur nicht erwischen lassen. Doch eines Tages haben sie mich erwischt und hierhin gebracht. Sie haben mich hinabgeworfen und in diese Zelle gesteckt.“ Jetzt war die Schwermut in ihren Augen wieder Wut und Trotz gewichen. Bargh bemerkte zudem, dass Neire, der den größten Teil des letzten Gesprächs ruhig beobachtet hatte, das Wort ergriff. „Zussa sagt, seid ihr eine große Kriegerin? Dort wo ich herkomme, gibt es die Kupfernen Krieger, eine Kaste von Rittern.“ Zussa schüttelte vehement den Kopf. „Kriegerin, nein. In meinem Dorf waren wir einfache Schafhirten. Ich habe nichts anderes gelernt. Doch das Feuer konnte ich beschwören. Fragt micht nicht, wie ich das damals geschafft habe, aber heute kann ich es sogar kontrollieren.“ Bargh sah, dass Neire das Interesse an Zussa verlor, während sie sprach. Er erinnerte sich, dass Neire einfache Menschen als niedere, wertlose Sklaven betrachtete. Lediglich mit dem letzten Satz zur Feuerbeschwörung konnte Zussa Neires Aufmerksamkeit wieder gewinnen. „Nun, wir sollten mit unserem Spiel beginnen. Hier habt ihr einige Pilze zur Stärkung. Folgt uns durch die Gänge.“ Neire reichte Zussa einen Beutel mit Pilzen, den sie hastig entgegen nahm. Noch während sie aufbrachen sah Bargh, dass Zussa die ersten Pilze bereits in ihren Mund befördert hatte und sie gierig verschlang.

Neire reichte Bargh den Weinschlauch. Er hatte bereits einen Tropfen Grausud zu sich genommen und von dem Wein getrunken. Jetzt sah er, dass Bargh es ihm gleich tun würde. Es dauerte nicht lange, dann setzte der Rausch ein. Alles schien verlangsamt und glitzernd, als ob jede Bewegung schimmernde Fäden ziehen würde. Wellen von wohlfühlendem Prickeln liefen duch Arme und Beine und wenn er seine Gliedmaßen verdrehte, verstärkte der Effekt sich für eine kurze Zeit. Auch Zussa hatte nach einer weiteren Kostprobe verlangt, doch Neire wusste, dass sie das Mädchen mit den Feuerkräften noch brauchen würden. Er wusste auch, dass eine zu hohe Dosis von Grausud eine narkotisierende Wirkung haben konnte. So hatten sie ihr die Substanz verweigert und sie hatte sich, ohne zu nörgeln, gefügt. Mehrere Schlücke hatte sie noch aus ihrem Weinschlauch genommen. Im Halbdunkel des Lochs von Felsplatten vor dem Tempel blickte Neire in die Richtung seiner beiden Mitstreiter. Auch Bargh legte die einsetzende Müdigkeit ab. Grausud konnte Wunder bewirken, wenn es um lange Phasen von Wachheit ging. Dennoch sahen beide, Bargh und Zussa, mitgenommen aus. Sie hatten eine lange anstrengende Arbeit hinter sich. Zuerst hatten sie die Fässer mit dem beißend riechendem Inhalt von der Kammer zum Schacht getragen. Dann hatten sie zwei Seile aneinander geknotet. An ein Seilende hatten sie jeweils mehrere Fässer befestigt, die Bargh dann hinaufgetragen hatte. Neire hatte sie dann auf der oberen Plattform entgegengenommen und hinabgetragen. Schließlich hatten sie die Fässer aufeinandergestapelt, eines davon geöffnet und mit Stoff bedeckt. Aus den Vorratsräumen der Außenmauer hatten sie zudem Lampenöl herangetragen, mit dem sie den Stoff getränkt hatten. Dann hatte Zussa den Einfall gehabt eine Bahn von Stoff hinauszulegen, die sie dann auch mit Lampenöl getränkt hatten. Ihre letzte Vereinbarung war wie folgt getroffen worden. Sollten die verbleibenden Wachen aus Dreistadt eintreffen, würden sie warten bis diese in den Turm hineinschritten. Dann sollte Zussa handeln und mit ihrem Feuer die Fässer entzünden. Neire verfiel wieder in Gedanken und trank am Weinschlauch. Er spürte, dass ihn das Feuer und die Schatten verlassen hatten. Er hatte Bargh das nicht wissen lassen und er ließ es sich auch nicht anmerken. Er wusste, dass er jetzt der schwarzen Kunst nachgehen musste. Es waren die letzten Geheimnisse, die er so erlernen konnte und die ihn hoffentlich zum größeren Verborgenen führen würden. Immer wieder blickte in Richtung von Bargh und Zussa, die sich leise unterhielten. Es störte ihn, dass die beiden wohl Gefallen aneinander gefunden hatten; dass nicht er im Mittelpunkt stand. Sie ist nicht Lyriell. Sie ist keine Kupferne Kriegerin. Sie ist eine niedere Sklavin und sie stammt von Schafszüchtern ab. Es wird sich schon noch zeigen, ob sie es wert ist. Ob Jialiraes Gunst ihr zurteil werden kann. Mit diesen Gedanken verbrachte Neire einige weitere Zeit, bis er die Schritte hörte. Es musste wohl noch Vormittag sein, denn die Sonne stand noch nicht in ihrem Zenit. Er konnte drei Stiefelpaare hören, die sich beharrlich näherten. Auch Bargh und Zussa waren jetzt aufmerksam und hatten sich vorsichtig erhoben. Sie hielten sich hinter den natürlichen Felswänden, so dass sie hier nicht entdeckt werden konnten. Jetzt sahen sie die drei Wachen in ihren Sichtbereich schreiten. Sie steuerten auf eine der Steintreppen zu, die sie auf den äußeren Ring führten. Zwei junge Burschen. Der eine muskulös, der andere kräftig gebaut. Sie hatten grüne Mäntel. Der Anführer war älter und trug einen blauen Mantel. Vorsichtig schlichen sie sich die Treppe hinauf. Als sie aus ihrem Sichtbereich verschwanden, flüsterte Neire. „Jetzt Zussa, folgt mir, vorsichtig.“ Zussa zögerte einen Moment, Furcht war in ihren Augen. Doch dann gab sie sich einen Ruck. Sie folgte Neire leise und behende in Richtung der Treppe, die sie beide erklommen. Vom Ende der Treppe konnten sie über die gewölbte Brücke in den Turm sehen. Alle doppelflügeligen Portale standen jetzt sperrangelweit offen. Die Wachen waren gerade dabei in das Innere des Turmes vorzudringen. Einen kurzen Moment zögerten sie, als der Anführer auf das Lampenöl getränkte Band zeigte. „Was ist das? Was ist hier passiert? Verteilt euch und bringt mir eure Lageberichte.“ Neire sah wie die beiden jüngeren sich verteilten. Er musste innerlich lachen. Auch in dieser Situation hielten sie sich stur und stupide an ihre Befehle. Für weitere Gedanken reichte es bei diesen niederen Sklaven anscheind nicht. Als der Anführer vor den Fässern stand, murmelte Neire zu Zussa: „Jetzt Zussa, beschwört euer Feuer. Nehmt Rache an diesen Bastarden, deren schwache Seelen wir Jiarlirae weihen.“ Zussa, am ganzen Körper zitternd, sprang auf, ging wenige Schritte nach vorne und beschwor das Feuer. Für einen kurzen Moment wurden ihre Augen schwarz. Dann konnte Neire von dort ein Glühen erkennen. Sie schleuderte mehrere Feuerkugeln, die sich über dem Inneren des Turmes herabsenkten. Augenblicklich entzündete sich das Lämpenöl und einen Sekundenbruchteil später das Faß. Dann spürten sie die Druckwelle, die sie von den Stufen schleuderte. In ihren Ohren war ein Fiepen und eine Stichflamme von Feuer raste über sie hinweg. Als sich Neire langsam aufrichtete kam ihm die infernalische Hitzewelle entgegen. Er sah den Turm dort, als weißlich glühende Feuersäule. Als ob die schwarzen Steine selbst Feuer gefangen hätten. In das Fiepen in seinem Ohr drangen auch andere Geräusche. Das dunkle Krachen von brechendem Stein. Tatsächlich begannen die rot glühenden Steine langsam in sich zusammenzustürzen. Neben ihm waren jetzt auch Bargh und Zussa aufgetaucht. Zussa starrte in ihrem Rausch gebannt in die brennenden Flammen. So standen sie dort einige Zeit und beobachteten schweigend. Dann fing Neire an zu singen und zu tanzen. „Lasst und feiern, lasst uns tanzen, in der ewigen Nacht ohne Morgen. Preiset die schwarze Natter als Abbild unserer Göttin, deren Name Jiarlirae ist. Weinet nicht um die verglimmenden Feuer, weinet nicht um die erlischende Glut, die Glut von Nebelheim. Denn Dunkelheit birgt ihre Ankunft, Schatten ist das Licht unserer Göttin und Flammen der Morgen ihrer Heiligkeit.“ Er nahm zuerst Zussa und tanze mit ihr, doch sie wollte nicht richtig. Dann wendete er sich Bargh zu. So tanzten sie im Antlitz des Feuers. Sie tranken den Wein und feierten in der Nacht ohne Morgen; unter der brennenden Fackel der Ruine von Torm. Neire sprach den Reim der Königin von Feuer und Düsternis. Neire sang vom aufsteigenden Chaos des Abgrundes; das brodelnde Magma flüssigen Gesteins schimmerte in ihren dunklen Augen.

Das Boot nahm langsam Fahrt auf. Zussa war bereits in einen Schlaf verfallen. Sie alle hatten sich kaum noch auf den Beinen halten können. Sie konnten die ferne Küste sehen. Hinter ihnen stieg Rauch aus dem Vulkan. Neire sah Bargh eindringlich an, bevor er sprach. „Wir fahren nach Stadwilla. Dann müsst ihr nach Norden reiten. Nehmt Zussa mit euch. Jialirae hat eine andere Aufgabe für mich geplant; ich habe es in meinen Träumen gesehen. Hört genau zu, denn ich habe euer Schicksal gesehen…“ Bargh nickte trunken und der Jüngling mit den gold-blonden Locken fuhr lächelnd fort.​
 

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Sitzung 47 - Der Weg nach Wiesenbrück

Es sind inzwischen schon vier Tage vergangen, seit meiner denkwürdigen Rettung aus den Verliesen der Tempel-Festung. Die Aufregung, die ich gespürt hatte, als wir durch die Gänge hasteten und als ich die Feuer beschwor, die den gewaltigen Turm in Rauch und Feuer aufgehen ließen, verblasste schnell. In diesen vier Tagen reisten wir nach Norden, passierten die Adlerburg und durchquerten Berghof. Der große Krieger Bargh und der Jüngling Neire hatten anscheinend einem Mann namens Ariold aufgetragen, ihre Pferde in das Dorf Stadwilla zu bringen, um dort auf sie beide zu warten. Nun ja, die Pferde waren tatsächlich dort, von Ariold fehlte jedoch jede Spur. Ich vermute es wird nicht gut für ihn enden, wenn die beiden ihn wiedersehen sollten.

Wir machten Rast in dem Ort Kusnir. Dort wartete ein alter Bekannter von Bargh und Neire, ein grimmiger und langweiliger Elf, der sich wohl Halbohr nennt. Seinem Ohr nach zu urteilen, dem irgendwann mal die Spitze abgeschnitten wurde, ist der Name auch ziemlich offensichtlich. Hier in Kusnir erreichte uns auch die Einladung, welcher Halbohr und Bargh folgen und mich damit zu einem tagelangen Marsch durch Kälte und Nässe der nördlichen Berge zwingen sollten. Das Ziel war offenbar eine Beerdigung. Irgendeine Mutter hatte ihren Sohn verloren; als ob das nicht ständig passieren würde. Siguard Einhand war der Name des Toten. Ein Name, der Neire und Bargh bekannt war. Kein Wort stand dort, woran der Sohn gestorben war, nur dass Bargs und Neires Anwesenheit explizit erwünscht sei und dass wir uns eilen mussten, um rechtzeitig anzukommen. Also machten wir uns auf den Weg. Neire hatte allerdings andere Pläne. Er sprach mit Bargh unter vier Augen und ritt auf seinem Pferde anderen Zielen entgegen.

So waren es also ich selbst, Bargh und Halbohr, die in die nördlichen Gebirge aufbrachen. Unser Ziel war ein kleines Bergdorf in den Schneebergen. Schon allein der Name verhieß keine Freude und ich sollte mich auch nicht irren. Der Weg in die Berge war lang und beschwerlich. Meine Füße taten weh vom Laufen und auch als Bargh mir sein Pferd gegeben hatte, wurde es nicht besser. Jetzt waren es nicht die Füße, sondern Rücken und Hintern, die schmerzten. Der Wind war kalt und nass, die Welt auf einem Rücken eines Pferdes war trist und langweilig und die Anspielungen von Bargh, wie er bei unseren Nachtlagern immer näher rückte und erzählte von den Geheimnissen seiner Herrin, halfen meiner Laune nicht sich zu bessern. Sicherlich, er ist ein starker Krieger und man kann mit ihm bestimmt viele Abenteuer erleben und überleben, aber er macht mir ehrlich gesagt auch etwas Angst.

Am vierten Tage kamen wir schließlich über eine Hügelkuppe, auf deren Spitze wir hinab in ein kleines Tal blicken konnten. Dort hatte sich bereits eine kleine Gruppe von Menschen versammelt, allesamt gekleidet in dunkle Gewänder. Einige führten Laternen mit sich, die dieses Plateau in ein schwaches Licht hüllten. Uns offenbarte sich eine Art Bergfriedhof; wir konnten Grabsteine sehen. Mir schauderte kurz, zum einem wegen den einsetzenden Sturmböen und dem Schneeregen, die wieder Kälte in meine Knochen trieben. Zum anderen auch vor dem Gedanken, eine Ewigkeit trauernden Menschen zuhören zu müssen, die über irgendein Leben berichteten, was mich nicht im Geringsten interessierte. Dies schien auch ein Schwarm von Krähen zu denken, der merkwürdig ruckhaft davonflog. Die seltsamen Tiere suchten wohl ihr Heil in der Flucht und flogen schneebedeckten Gipfeln entgegen, die jetzt von dunklen Wolken umhüllt waren.

Wir kamen näher zu der Begräbnisstätte und sahen, dass die Leute sich um ein bereits ausgehobenes Grab versammelt hatten. Eine ältere Frau wimmerte leiste - die ganze Zeit. Ein anderer Mann, auch etwas älter und seine grauen Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden, erhob seine Stimme und begrüßte die Einwohner von Wiesenbrück, so der Name des Dorfes, aus dem dieser Siguard stammte. Er ist wohl in Kusnir umgekommen, wo ich selbst noch vor wenigen Tagen etwas Ablenkung in dem Gasthaus und dem einfältigen Wirt dort genießen durfte. Siguard hatte sogar einen Abschiedsbrief verfasst, den der Mann mit dem Pferdeschwanz gerade vorlas. So wurde ich über den Ort seines Todes eines Besseren belehrt:

„Es ist nun eine Weile her, dass ich nach Wiesenbrück zurückgekehrt bin. Es ändert nichts, ich liebe meine Familie, hier und in Kusnir. Doch mein Leben hat sich geändert, seit ich den jungen Priester getroffen habe. Die Runen im Fleisch, die Träume und die Sehnsucht. Die Suche nach der versunkenen Stadt, nach Feuer und Schatten, treiben mich durch den Nebel. Doch das Licht am Ende des Tunnels ist ein anderes. Es birgt einen alten Verrat und doch eine Erlösung. Die Sünden der alten grauen Rasse werden für euch der Untergang sein. Die Pest der blauen Teufel, die sie in die Welt entließen. Für mich zeigt sich das Licht der Göttin, über dem alten Irrling. Und so muss ich durch die Dunkelheit gehen, bis das Licht wieder scheint. Es wartet SIE auf mich, die Königin von Feuer und Düsternis, die Dame des Abgrundes.“

Die Worte erinnerten mich direkt an die Geschichten von Bargh und Neire, von ihren Erzählungen über ihre eigene Herrin, Jiarlirae, und über Nebelheim, wo Neire aufgewachsen ist. Der ältere Mann erzählte weiter, dass dunkle Zeiten sich anbahnten und sie sogar das berühmte Fest von Wiesenbrück absagen mussten. Die Leute fingen an, Erde auf die Holzkiste zu werfen, als ob der Tote dann darin besser schlafen würde. Bargh und Halbohr gingen zu der älteren Frau hin und heuchelten etwas Mitgefühl.

Plötzlich hörte man ein Brüllen, als sich auf einem Felsvorsprung die riesige Gestalt eines Bären aufbäumte. Rosiger Schaum hatte sich um das Maul gebildet. Der Bär sprang mit einem Krachen von dem Vorsprung hinab und stürzte sich auf die Menge. Panik brach in der Trauergesellschaft aus und der ältere Mann rief in die Richtung von Bargh und Halbohr, ängstlich um Hilfe flehend. Die beiden reagierten auch sehr schnell, Halbohr zog einige seiner Dolche und Bargh seine merkwürdige Klinge, die aussah als ob sie Schatten bluten würde. Die Kreatur brüllte abermals laut auf. Ich selbst habe mich hinter einen Grabstein geduckt und dachte mir, Bargh und Halbohr würden dies bestimmt auch so überleben. Die beiden bekamen auch unerwartete Hilfe, als einer der Jäger, die auch als Trauergäste geladen waren, hervortrat. Eine dürre Gestalt war es, in einem dicken Ledermantel und Fuchsfellen gekleidet und eine Kapuze tief in das Gesicht gezogen. Er zog einen geölten Säbel und bewegte sich hinter die Kreatur.

Zusammen konnten sie das Wesen zu Fall bringen, doch man hörte bereits ein weiteres Brüllen und aus dem Unterholz stürmten zwei dieser, vor Wut wahnsinnigen, Tiere auf sie zu. Ich blieb weiter in Deckung, doch das unheimliche Flüstern in meinem Kopf war wieder zu hören. Ich habe es immer noch nicht geschafft, irgendetwas von dem Flüstern zu verstehen, noch weiß ich, wem diese Stimme gehört. Einzig klar ist, dass dieses Flüstern auch mich zu hören scheint und mir Macht gibt. So auch jetzt, als die beiden tollwütigen Bären sich vor Bargh, Halbohr und dem Jäger aufbauten und ein Tier seine messerscharfen Krallen in den Leib Halbohrs bohrte. Ich habe inzwischen gelernt, was ich der Stimme zuraunen muss, damit sie mir hilft. Dieses Mal sorgte sie dafür, dass sich in meinen Händen eine blendende und heiße Lanze aus purem Feuer bildete. Blitzschnell blickte ich über den Grabstein und schleuderte die Lanze auf einen der Bären, der sogleich mit einem beängstigenden Heulen in Flammen aufging und zuckend zu Boden sackte. Die andere Kreatur fiel den Klingen der drei Kämpfer zum Opfer und auch diese verfiel seltsamen Zuckungen in ihrem Tode.

Wir blickten uns um und waren inzwischen alleine auf dem Friedhof - die anderen Trauergäste waren schon beim ersten Brüllen geflüchtet. Der fremde Jäger zog seine Kapuze zurück und stellte sich als Atahr vor. Ich sah seine merkwürdige schwarze Haut, spitze Ohren, fliederblaue Augen und langes weiß-glattes Haar. Atahr war kleiner als ich, doch kein Kind mehr. Sein schlankes, nobles Gesicht strahlte Lebenserfahrung aus. So eine Kreatur hatte ich bisher noch nie gesehen. Ich dachte erst, die Schwärze wäre vielleicht eine Art Kriegsbemalung, die er auf seine Haut gebracht hätte, doch es fühlte sich tatsächlich nach normaler Haut an. Vielleicht stammt er von einem seltenen Bergvolk ab, dass sich nur in Gegenden aufhält, die ich vorher noch nicht betreten hatte. Für die anderen schien sein Anblick nichts Besonderes zu sein.

Halbohr nutzte die Gelegenheit und blickte sich um. Doch wir waren allein und so öffnete er den Sarg, der schon mit etwas Erde bedeckt war. Dort lag sie, die Leiche des Siguard Einhand. Jetzt erkannte Bargh die Gestalt wieder und erzählte uns von einem Trinkspiel, zu dem sie ihn in Kusnir überredet hatten. Von diesem Trinkspiel zeugte noch eine Narbe auf seiner Handfläche, die grob die Umrisse einer Münze, das Bildnis einer Menschenschlange und einen Chaosstern zeigte. Und an beiden Handgelenken hatte er tiefe Schnitte entlang seiner Adern. Es sah so aus, als ob er seines Lebens überdrüssig geworden war und diesem selbst ein Ende bereitet hatte.

Wir beschlossen, ebenfalls in das Dorf Wiesenbrück aufzubrechen. Als ich hörte, dass es auch ein großes Fest zu Ehren des Toten geben würde, gefiel mir dieser Vorschlag auch sehr gut. Das Dorf selbst befand sich in einem größeren Tal und eine Straße führte über eine kunstvolle steinerne Brücke direkt auf die Mitte des Dorfes zu. Dort stand ein großes Gebäude mit einem riesigen alten Baum in der Mitte. Es sah fast so aus, als wäre der Baum in diesem Haus gewachsen und irgendwann durch das Dach des Hauses gebrochen. Wir hörten aus diesem Haus laute Stimmen und rochen schon den angenehmen Geruch von gebratenem und gewürztem Fleisch. Auch spürte ich die Wärme, die aus dem Inneren kam. Nach Tagen in kalter Nässe, war diese Wärme noch viel schöner als der Geruch des Essens und ich freute mich schon, wieder etwas Spaß haben zu können. Der Galgen seitlich des Weges hielt drei im Wind baumelnde, verrottende Körper. Dieser Anblick war zwar nicht sehr einladend, aber was kümmert es mich, welche Regeln hier offenbar gelten.

So traten wir in das Gebäude ein und der Geruch, die Wärme und die Geräusche überzogen uns. Als die Bewohner uns erblickten, wurden wir gebührend empfangen. Sie jubelten uns zu und klatschten laut in die Hände. Ich wunderte mich - einzig wegen der paar wilden Tiere, die wir für sie erlegt hatten? Sehr wehrhaft schienen sie hier nicht zu sein. Ich blickte in die müden Gesichter und sah Dankbarkeit. Der Wirt, ein Mann namens Raimir Gruber, führte uns zu einem Tisch, vorbei an dem großen Baum, der hier in der Mitte der großen Halle stand und dessen Rinde mit vielen verschiedenen Schnitzereien versehen war. Am Tisch neben uns saß die Mutter des Toten und der ältere Mann, der den Abschiedsbrief dieses Siguard vorgelesen hatte. Leider hatten sie hier keinen Wein, aber der Wirt pries sein Bier an, gebraut aus dem kalten Gletscherwasser des Flusses Fireldra, der vor den Toren des Dorfes fließt. Bargh zögerte nicht lange und hatte schon bald einen großen Humpen vor sich stehen, den er mit kräftigen Zügen in sich hineinschüttete. Ich wollte dem nicht nachstehen, sonst denkt er am Ende noch ich wäre ein kleines Kind. Dennoch wäre mir Wein lieber gewesen.

Halbohr und Atahr sind langweilige Gefährten. Sie unterhielten sich nicht mit mir. Atahr machte sich schon bald auf und sprach in der Menge mit einigen Leuten, die ihm Geschichten erzählten über Tiere, die plötzlich wild und unberechenbar wurden. Atahr erkannte dies als eine Art Krankheit, die die Tiere in eine wilde Raserei versetzte. Aber auch Menschen schienen davon nicht ausgenommen zu sein, da es wohl auch Geschichten gab über Dorfbewohner, die plötzlich und ohne Vorwarnung andere erschlugen. Das war dann wohl die Erklärung für die baumelnden Kadaver am Strick des Galgens.

Halbohr setzte sich, unhöflich wie er ist, einfach an den Tisch zu der trauernden Mutter und dem älteren Mann, der sich als der Dorfvorsteher Eirold Mittelberg vorstellte. Diese berichteten ihm, dass Siguard nach seiner Rückkehr aus Kusnir anfing sich merkwürdig zu verhalten. Er führte obskure Rituale durch und erzählte über die Legende des alten Irrlings, über die er auch in seinem Abschiedsbrief geschrieben hatte. Offenbar eine Geschichte über ein altes Portal der Grauelfen welches sich in der Irrlingsspitze, einem markanten Berg, den wir auch auf dem Weg hierher sahen, erbaut wurde. Wohin dieses Portal führt weiß keiner, aber dass es wohl verschlossen wurde und auch nicht mehr geöffnet werden kann. Eine andere Geschichte erzählte von einem Licht am Himmel, dass man hier auch Linnerzährn nennt. Als ich das hörte, musste ich direkt ein einen bestimmten Kometen denken, der alle 23 Jahre am Himmel zu sehen ist und danach wieder verschwindet. Dieses große Fest des Dorfes, was abgesagt wurde, wurde wohl erstmalig genau dann abgehalten, als dieser Komet zu sehen war. Aber sollen sie ruhig weiter an ihre alten Legenden und Geschichten glauben.

Bargh schien an all den Gesprächen in keiner Weise interessiert zu sein. Humpen über Humpen trank er sein Bier und war bester Laune. Ich fand es anfangs auch sehr lustig, doch langsam rückte er immer näher und legte seine Hand um mich und versuchte mich zu küssen. Sicher ist er ein statthafter Mann und starker Krieger, aber etwas an ihm macht mir noch Angst. Vielleicht ist es sein verbrannter Schädel, vielleicht dieser merkwürdige Edelstein an Stelle seines Auges, jetzt natürlich verdeckt durch seine Augenbinde. Ich kann es gar nicht sagen, was mir an ihm Angst macht. Vor allem, da er auch etwas über diese Stimmen und dieses Flüstern, was ich in meinem Kopf höre, zu wissen scheint. Ich stand auf und mischte mich ebenfalls in die Menge, ließ ihn alleine zurück. Alleine schien es ihm aber auch langweilig zu werden. So suchte er einige Dirnen mit denen er sich vergnügen konnte. Soll er doch, diese Weiber wird er am nächsten Morgen wieder vergessen haben und ich werde es sein, mit dem er sein Wissen teilen wird.​
 

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Sitzung 48 - Vorboten

Finstere Träume ließen mich in der Nacht aufschrecken. Ich träumte, dass ich mit Halbohr und Bargh in den Wäldern auf Reisen war und wir unser Nachtlager aufgeschlagen hatten. Das Feuer prasselte und ich musste wohl im Traum selbst eingeschlafen sein. Mein Kopf fiel nach vorne in die Flammen und meine Haare fingen direkt Feuer. Ich erinnerte mich, dass ich im Traum schrie und mich wälzte, obwohl ich seltsamerweise keine Schmerzen spürte. Mit einer Mischung aus Entsetzen und ekelhafter Faszination betrachtete ich mich selbst, wie das Feuer von meinen Haaren auf mein Gesicht übergriff. Ich konnte fühlen, wie die Haut und das Fleisch von mir abfielen, wie eines meiner Augen durch das Feuer aus meinem Schädel hervorplatzte. Immer noch waren da keine Schmerzen. Was mich aufwachen ließ, war das Gefühl, dass irgendetwas aus meinem Bauch seinen Weg zu meinem Mund fand und dort herauskroch.

Mit diesem Schrecken fuhr ich aus meinem Bett. Ich erinnerte mich im Gasthaus zum alten Nussbaum zu sein. Das Erste was ich tat, war in meinen Mund zu greifen. Ich ertastete, ob sich irgendetwas darin befand. Erst danach fühlte ich mein Gesicht und meine Haare. Aber da war nichts. Ich war hellwach, obwohl der Morgen gerade erst graute. An weiteren Schlaf war aber nicht mehr zu denken. Ich öffnete die Fensterläden und sah, dass es über Nacht geschneit hatte. Schneebedeckte, schroffe Berge glitzerten im märchenhaften Schimmer der Spätherbstsonne. Ich atmete die klare und frostige Luft und hoffte, dass wenigstens das Frühstück etwas Gutes an diesem Morgen brächte. Das sollte sich leider als falsch herausstellen.

Nachdem ich mich gewaschen hatte, begab ich mich in die Schankstube mit dem alten Stamm. Das Mädchen des Wirtes reichte mir gebratenen Speck und Eier. Allein der Geruch des Essens brachte meinen Magen zur Rebellion. Die Magd stellte sich mir als Tochter von Raimir, als Edda Gruber vor. Und das Mädchen wollte nicht aufhören zu plappern; jedes Wort dröhnte wie ein kleiner Hammerschlag in meinem Kopf. Vielleicht waren es die Träume oder der fehlende Schlaf, aber ich befürchtete, dass ich, wenn sie weiterredete, ihren Kopf auf die Tischplatte schlagen müsse. Ja, sie sah vielleicht eine Freundin in mir. Aber was sollte sie mit ihren vielleicht 13 Wintern schon gesehen haben? Jedenfalls nicht das, was ich bereits erlebt hatte. Als Halbohr etwas später die Stufen herunterkam, war es schon fast eine Erlösung; hoffte ich doch zumindest das kleine Etwas loszuwerden. Seinen Augenringen zu urteilen schien er keine bessere Nacht als ich gehabt zu haben. Ich fragte mich, ob ihn auch Träume gequält hatten. Vielleicht, wie er selbst in dem Grab läge, was er am Tag vorher noch untersuchte. Vielleicht sah er, wie er dort lebendig begraben wird?

Halbohr hatte selbst morgens nicht besseres zu tun, als fasziniert die Schnitzereien längst vergangener Zeiten in dem riesigen alten Nußbaum zu betrachten. Dabei fragte er die Frau des Wirtes, Ilga Gruber, aus. Offenbar hatten sich über die Zeit viele Bürger von Wiesenbrück in diesem Baum verewigt und ihren Angebeteten Herzchen und schlüpfrige Sprüche hinterlassen. Einzig tief am Stamm des Baumes, wo die ältesten Schnitzereien waren, fand Halbohr etwas Interessantes. Dort waren Runen, die ihn an die elfische Schrift erinnerten. Ein Stück darüber fand er fünf Namen im Holz: Niroth, Adanrik, Kara, Faere und Waergo; umringt von einigen religiösen Symbolen, die mich an den Schutzpatron Torm erinnerten. Bei diesem Gedanken hatte ich bildhafte Erinnerungen. Von dem Turm auf der Insel und den weißen Flammen, die diesen verschlangen.

Der Wirt, Raimir Gruber, kannte sogar einige Geschichten über die fünf Namen im Stamm. Er selbst war wohl noch ein Kind, als das Dorf das große Fest feierte. Er erzählte von einer schönen Frau mit roten Haaren und feiner, schneeweißer Haut, die Lieder sang und zwei Männern vom stämmigen Volke. Offenbar war dies eine Gruppe von Abenteurern, die mit dem Erscheinen des Linnerzährn eintrafen. Sie wollten zur Irrlingsspitze aufbrechen, doch nach ihrem Auszug aus Wiesenbrück verschwanden sie spurlos.

Gerade wollte Raimir noch mehr erzählen, als plötzlich die Türe des Gasthauses aufgestoßen wurde. Die erbärmlich aussehende Gestalt des Kriegers Bargh trat herein, wobei stolpern die bessere Wortwahl gewesen wäre. Offenbar war er immer noch betrunken. Seine Augenbinde, hinter der er den roten Edelstein versteckte, trug einen dunklen Blutfleck. Doch das bereits mit dem Fleisch verwachsene Juwel war jetzt nicht zu sehen. Lallend erzählte er, dass die beiden Dirnen, mit denen er sich in der Nacht vergnügen musste, versucht hatten, ihm den Rubin aus der Augenhöhle zu schneiden. Es dauerte nicht lange und die beiden Weibsstücke, Reldra und Fära, kamen herein. Sie waren ihm anscheinend gefolgt. Auch sie waren noch betrunken und sie wollten wohl den Fang des gestrigen Abends wiederholen. Reldra griff sich in den Schritt und führte obszöne Gestiken durch. Fära hob einhändig eine ihrer Brüste und streckte ihre Zunge heraus, um ein lüsternes Lecken anzudeuten. Beide lachten in einem hässlichen, trunkenen Ton. Ich musste mich fast übergeben, doch Halbohr schien, völlig unberührt von dem widerlichen Anblick, die entstehende Szene zu seinen Gunsten auszulegen. Gespielt verärgert trat er den beiden entgegen und drohte ihnen hinsichtlich ihrer Tat mit dem Strick. Auch Raimir, der das Schauspiel mit einem gewissen Erstaunen betrachtete, stimmte dem zu. Davon ließen sich die beiden beeindrucken und zogen es vor wieder zu verschwinden. Halbohr wollte sich jedoch nicht damit zufriedengeben und Gerechtigkeit walten lassen. Das sagte er zumindest Raimir. Ich selbst glaubte aber, dass es ihm Freude bereiten würde, wenn er die beiden Weibsstücke am oberen Ende eines Galgens baumeln sehen würde. Also ging Halbohr schnurstracks zu Eirold, dem Dorfvorsteher.

Ich vermute, dass er versuchte Eirold von seinen Plänen zu überzeugen. Was die beiden alles besprochen haben kann ich nicht sagen, aber es dauerte länger. Während Halbohr also noch unterwegs war, betraten zwei von Schneeflocken bedeckte Männer das Gasthaus. Es hatte wohl wieder begonnen zu schneien. Beide Männer waren offenbar Jäger; der eine mit einem Bogen bewaffnet und der andere mit einem Schwert. Der Mann mit dem Schwert baute sich vor Bargh auf. Dieser Jäger schien wohl nicht ganz bei Sinnen zu sein, denn er forderte Bargh zum Zweikampf heraus. Als Grund nannte er den Beischlaf mit seiner Frau. Ich musste kurz in mich hinein kichern, als diese mickrige Gestalt im Vergleich zum großen Bargh dort stand. Als sich herausstellte, dass die beiden Weibstücke die Frauen dieser beiden waren, wurde es immer lustiger. Jetzt kehrte auch Halbohr wieder zurück. Jedoch verstand er entweder die Komik dieser Situation nicht oder er hatte einfach keinen Sinn dafür. Er stellte sich hinter den Bogenschützen, zog seine Dolche und beobachtete schweigend.

Bargh kämpfte immer noch mit seinem Kater. Es schien mir, als hätte er gar nicht das Verlangen, von seinem Tisch aufzustehen. Gierig schlang er das Frühstück hinein, das ich ihm überlassen hatte. Doch der Jäger ließ nicht locker, beleidigte seine Ehre und forderte ihn erneut heraus. Dann erhob sich Bargh. Ich hätte gerne gewusst, was im Kopf des Fremden vorging, als der Krieger Jiarliraes ihm entgegenstand und er nun den Kopf heben musste. Auch als Bargh seine merkwürdige Klinge zog, die aus dem Stahl Schatten zu bluten schien, arbeitete es in seinem Gesicht. Allerdings hatte er keine Zeit mehr seinen Fehler zu erkennen. Bargh schwang sein Schwert, dessen Schatten sich mit dem Schlag in züngelnde Flammen aus heißem Feuer verwandelten. Mit einem kräftigen Hieb stieß er das Schwert in den Leib und mit einem schnellen zweiten Schlag hieb er dem armen Wicht das Bein unterhalb der Hüfte ab. Der Tölpel konnte nicht einmal mehr schreien als der Tod ihn mitnahm. Der andere Jäger schien mehr Verstand zu haben. Als er sah, wie sein Freund in feurigen Wunden zu Boden ging, suchte er sein Heil in der Flucht. Halbohr hielt ihn zwar noch einen Moment fest, doch er wand sich wie ein Wurm und verschwand aus dem Gasthaus. Wie sich später herausstellte auch aus dem Dorf, mitsamt den beiden Frauen.

Nach diesem ereignisreichen Morgen verlief der Tag ziemlich langweilig für mich. Halbohr stellte einige Besorgungen an, Bargh schlief seinen Rausch aus und ich selbst versuchte meinen Magen zur Ruhe zu bringen. Als wir abends wieder im Gasthaus saßen, hörten wir von draußen plötzlich ein Gewirr von Stimmen. Auf dem kleinen Platz vor dem Wirtshaus hatten sich etliche Menschen versammelt und starrten in den Himmel. Es war wärmer geworden und der Schnee hatte begonnen zu tauen. Zudem war es aufgeklart, so dass wir ein malerisches Bild erblickten. Dort, zwischen den Sternen und hell leuchtend wie ein zweiter Mond, sahen wir ein Licht am Himmelszelt: Direkt über dem größten schneebedeckten Berg, über der pyramidenförmig aufragenden, gefährlich steilen Irrlingsspitze, thronte der Linnzerzährn, eine leuchtende Kugel in einem unnatürlichen gelblichen Licht. Die Menschen schienen von dem Anblick in einen Bann gezogen zu sein. Auch Bargh, der in der Erscheinung ein Zeichen seiner Göttin sah. Ich muss gestehen, dass dieser Anblick faszinierend war; und wer weiß, vielleicht hat Bargh sogar Recht, dass seine Herrin der Feuer und Schatten dort, auf der Spitze des Berges, auf unsere Welt hinab schreiten will. Und vielleicht, nur wirklich vielleicht, kann sie mir Fragen beantworten. Fragen, die ich mich selbst nicht traute laut zu stellen.

Wir erfuhren von den Leuten weitere Legenden über den Linnerzährn und die Irrlingsspitze. Es heißt, dass sich ein Portal in den Berg nur dann öffnet, wenn der Linnerzährn sein Licht über ihn ergießt. Ich überlegte kurz und erschrak: Offenbar bleibt er nur wenige Wochen am Himmel und verschwindet dann wieder für die nächsten 23 Jahre. Eile war also geboten, wenn ich meine Antworten erhalten wollte.

Wir hielten uns nicht lange auf. Schnell packten wir unsere Rucksäcke mit Verpflegung. Bargh übergab sein Pferd in die Obhut von Raimir Gruber und so machten uns auf den Weg. Wieder durch die Dunkelheit, wieder durch Kälte, wobei es wesentlich wärmer geworden war, seitdem der Komet am Himmel stand.

Wir verließen das Tal des Dorfes und folgten dem Fluss. Die Nacht sah gespenstisch aus in dem gelben Licht. Der Schimmer überstrahlte inzwischen sogar den Mond und die Felsen, denen wir uns näherten. Alles verwandelte sich in eine unwirkliche Kulisse – so als ob die Farben einem Spiel aus Licht und Dunkelheit gewichen wären. Als wir uns weiter der Felswand näherten, die einen Engpass zwischen Weg und dem Fluss Fireldra darstellte, wurde unser Pfad von einigen großen Felsbrocken unterbrochen. Halbohr sagte, er würde von dort ein merkwürdiges Schmatzen hören. Also schlich er sich über die Felsbrocken weiter nach vorne. Aber schon nach kurzer Zeit kehrte er wieder zurück. Eine riesige Kreatur befand sich wohl auf dem Weg, hinter den Felsbrocken. Mir schauderte zwar etwas, aber Bargh würde wohl auch mit so einer Kreatur schnell fertig werden. Vorsichtig schlichen wir uns alle an die Kreatur an. Als Halbohr von einer großen Kreatur sprach, erwartete ich etwas, das vielleicht einen Kopf größer als Bargh war. Was ich aber dort sah ließ mein Blut gefrieren. Die Kreatur, bei genauerem Hinblicken offenbar weiblich, war nicht nur groß, sondern wirklich gewaltig. Bestimmt vier bis fünf Schritt hoch, fett, und von einer abscheulichen Hässlichkeit, die einem den Magen nochmals umzudrehen vermochte. Sie kniete vor einem Haufen von Leichenteilen und biss gerade genüsslich in ein Bein irgendeiner Kreatur. Sabber und Schleim tropfte herab. Uns hatte sie den Rücken zugewandt. Plötzlich ging alles schnell. Halbohr stieß seinen Dolch der Gestalt in die Rückseite; Bargh stürmte heran und ließ sein Schwert sausen. Ich selbst beschwor die mir unbekannte Macht, auf dass sie mir flammende Speere schenke.

Die Kreatur torkelte auf den Abgrund neben dem Felspfad zu, als Stahl und Feuer tiefe Wunden in sie rissen. Sie stürzte in die Tiefe und in Richtung der reißenden Wasser der Fireldra. Doch noch im Todeskampf blickte sie flehend auf den Vorsprung, der bergwärts von dem in den Felsen geschlagenen Weg emporragte. Ich selbst verstand es nicht, doch Bargh und Halbohr zogen mich in den Schutz der Felswand. Als ich dem Blick der Kreatur folgte, sah ich es: Dort, am Rand der Felswand und etwa vierzig Schritt über uns, standen drei weitere dieser Kreaturen. Doch diese waren noch größer. Und tatsächlich, die Gestalt, die wir erschlagen hatten, hatte etwas Kindliches an sich gehabt. Dort oben befanden sich die Eltern und vielleicht ein Bruder, die mit wütendem Brüllen den Tod ihrer Tochter beobachtet hatten. Die Mutter schien ihren Verstand verloren zu haben, blutiger Schaum und Geifer bildete sich um ihr riesiges Maul, fast wie die Tollwut der Bären auf dem Friedhof. Ohne Vernunft ließ sie sich einfach auf uns fallen, um uns mit ihren Massen zu zermalmen. Zum Glück verfehlte sie uns um Haaresbreite. Wir hörten das Knacken von Knochen, das Reißen von Sehnen, als sie auf das Geröll schlug. Halbohr nutzte den Moment und schnitt ihr die Kehle durch, während sie versuchte sich aufzurappeln. Im halbdunklen Zwielicht des Kometen sah ich ihren gewölbten, fleischigen Körper zu Boden sinken, wie ein nasser Sack. Ein dunkler Blutregen sprühte aus ihrer zerschnittenen Kehle und blutige, geborstene Knochenstümpfe ragten aus ihren Fettmassen hervor. Wir saßen in der Falle und die einzige Flucht ging weiter den Felsenweg entlang. Also stürmten wir vorwärts über die Felsbrocken und liefen in ein Waldstück. Bargh gab kurze Befehle. Er wies mich an einen Felsen zu erklimmen, während Halbohr sich verstecken sollte und die Gestalten hinterrücks erlegen sollte.

Es sollte auch nicht lange dauern, bis das Donnern der trampelnden Schritte der Riesen zwischen den Bäumen hallte. Einige der alten Fichten begannen sich zu biegen, als der erste der beiden zwei verbleibenden Monster - ich kann nicht sagen ob es ein Bruder oder der Vater war - näherkam. Der Riese trampelte auf Bargh zu, der sich wiederum am Fuße des Felsens postiert hatte. Ich konnte dort hinabschauen und glaubte, in meinem Grauen unseren Untergang zu sehen. Doch Bargh kanalisierte die Macht seiner Herrin direkt in den Stahl seiner Klinge und auch ich bat wieder meinen unheimlichen Verbündeten um Unterstützung. Mit unseren Feuern konnten wir auch dieses Geschöpf erledigen. Plötzlich erstrahlte ein feuriger Schein vom Gipfel der Irrlingsspitze. Der obere Teil des schneebedeckten Berges schien mit einem Mal in Flammen zu stehen und eine gewaltige feurige Säule schoss dem Kometen Linnerzährn entgegen. Einen Moment später krachte der gewaltige Donner des Schauspiels auf uns herab und brachte unsere Ohren zum Klingeln. Wir konnten die Hitze der Flammen spüren. Selbst hier, wo wir doch noch so weit weg waren.

Die dritte Kreatur schien davon nicht beeindruckt zu sein. Sie stürmte auf uns zu, blind vor Wut und Haß. Diese Wut und diese Raserei, wir konnten sie alle spüren. Ich konnte deutlich sehen, wie sich auch vor den Lippen Barghs Schaum bildete. Halbohrs Gesicht verzerrte sich, doch er konnte sich noch kontrollieren. Auch ich spürte die Wut - entfernt wie ein leiser Schrei, schwach aber dennoch furchtbar anzuhören. Bargh hieb mit seinem Schwert auf die letzte Gestalt. Immer und immer wieder, selbst als diese schon zu Boden gegangen war. Mit den letzten Hieben hackte er ihr den Kopf vom Hals, als ob er einen Baum fällen würde.

Unser Blut gerät mehr und mehr in Wallung. Jeden Schritt, den wir auf die unheilvolle Spitze der Schneeberge zutun, ein wenig mehr. Ich gestehe: Ich fürchte mich. Nicht vor Monstern oder Wegelagerern. Das sind Ängste, die schnell wieder vorbeigehen. Nein, ich fürchte mich vor dem, was mich dort erwarten könnte. Ich fürchte mich vor den Antworten, die ich erhalten könnte. Ich weiß nämlich selbst noch nicht, ob mir diese auch gefallen werden.​
 

Wore

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Sitzung 49 - In die Dunkelheit

Das geisterhafte Licht des Linnerzährn schien durch die Fichten auf uns herab und warf seine langen und unheilvollen Schatten über die stinkenden Leiber der Riesen. Ich konnte auf meiner Haut die Macht spüren, die von dem Schimmer ausging. Überall prickelte es und es war nicht der Kampf und auch nicht die Nähe meines geheimnisvollen Verbündeten. Kein einziger Tierlaut war zu hören, nur das Rauschen des Flusses, der durch die Schneeschmelze immer mehr anschwoll. Zudem das ständige Grollen der Flammen, die fortlaufend aus den Gipfeln der Irrlingsspitze schossen und förmlich von dem Kometen aufgesogen wurden.

Wir folgten dem Weg weiter bergauf, während der Fluss neben uns langsam zu einem reißenden Strom angeschwollen war. Je weiter wir ihm folgten, desto tiefer wurden die Fluten. Selbst einige Bäume konnten dem Wasser nicht mehr standhalten und wurden, mitsamt ihren Wurzeln, einfach mitgerissen. Wahrscheinlich wäre es Selbstmord, wenn wir versuchen würden hinüber zu schwimmen. Wir mussten aber auf die andere Seite, wenn wir weiter in die Richtung der Irrlingsspitze gehen wollten.

Während wir nach einigen Stunden der Wanderung am Fluss eine Pause eingelegt hatten, schlich von hinten eine schwarz gekleidete Gestalt auf uns zu. Halbohr bekam es direkt mit der Angst zu tun und versteckte sich hinter einem Baum. Doch es war nur die Gestalt Atahrs. Offenbar hatte er es vorgezogen, uns alleine mit den Riesen fertig werden zu lassen. Hier, in dem Licht des Linnerzährns, sah seine schwarze Haut aus wie dunkler Stein. Für mich wirkte es, als wolle Atahr einen Spaziergang machen. Seine federnden Schritte und sein Wanderstock ließen ihn schon fast fröhlich wirken. Doch wenn man genau hinschaute, sah man auch in seinem Gesicht die Anspannung, die Wut und ich denke auch das Kribbeln, das wir alle spürten.

Nachdem das Gefühl des Kampfes abgeklungen war, wurde es wieder ersetzt durch das eintönige Wandern. Immer weiter ging bergauf. Doch es fühlte sich an, als ob wir der Irrlingsspitze keinen Schritt näherkommen würden. Die Nacht wurde immer tiefer, obwohl ich das gar nicht so genau sagen konnte, da das Licht der Linnerzährns alles in sein gelbes feuriges Licht tauchte. Bargh und Halbohr fingen schon an sich eine Lagerstätte zu suchen. Dabei hatte ich ihnen schon so oft gesagt, dass wir uns beeilen müssten. Vor allem wollte ich das Laufen endlich hinter mir haben; auch wenn meine Füße langsam zu schmerzen begannen. Aber anscheinend meinten sie es ernst und suchten sich einen Unterschlupf unter einem großen Felsen und einigen Wurzeln. Und alleine weitergehen wollte ich auch nicht.

Zum Glück hatte Bargh noch etwas von seinem Weinvorrat. Der Wein tat gut, wesentlich besser als das Bier in dem Gasthaus. Der Wein wärmte meinen Bauch und meinen Kopf. Trotz des in Flammen gehüllten Berggipfels war es immer noch bitterkalt. Bargh erzählte Atahr von einer alten Geschichte, die er erlebt hatte. Offenbar hatte er schon früher mit dem elfischen Volk mit der dunklen Haut zu tun. Aber seine Geschichte hörte sich so an, als wenn es keine schöne Begegnung gewesen wäre. Er nannte sie Dunkelelfen und anscheinend beten sie Spinnen an, wie widerlich! Auch Bargh war dies wohl zuwider, denn er begann ein Gebet zu seiner Göttin anzustimmen. Als er sein Schwert zog, aus dessen Klinge immer noch die Schatten zu bluten schienen, war es, als ob selbst das unwirkliche Licht des Linnerzährns etwas dunkler würde. Es war, als ob alles um ihn herum in leichte Schatten getaucht würde. Ich ertappte mich dabei wie ich ihn fasziniert anstarrte. Diesen Krieger mit all seinen Muskeln und seinen Narben. So stimmte ich ein in sein Gebet, obwohl ich die Worte nicht kannte und damals auch noch nicht verstand. Aber was mich wirklich wunderte war, dass mein Verbündeter, den ich sonst nur spürte, wenn ich ihn um Hilfe anflehte, irgendwie viel näher war als sonst.

Mit grübelnden Gedanken legte ich mich in meine Ecke dieses Loches und schlief direkt ein. Doch wieder störten unruhige Träume meinen Schlaf. Ich träumte, dass ich irgendwo im Dreck lag und tausende kleine Kreaturen über meinen Körper liefen. Ich war starr vor Angst und konnte mich nicht mehr bewegen. Die kleinen Kreaturen krabbeln über meine Arme und über meine Brust. Als ich spürte, wie die ersten über meine Augen liefen, schreckte ich hoch. Doch schien es diesmal kein Traum gewesen zu sein. Eine Schar von Ratten stürmte über unser Lager hinweg. Vielleicht wurden sie von dem reißenden Fluss, der in der Nacht noch weiter angeschwollen war, aufgeschreckt und retteten sich vor den Fluten. Wir lagen wohl im Weg. Ich ekelte mich vor den kleinen stinkenden Leibern und ihrem hohen und schrillen Quietschen. Wie ein unaufhaltsamer felliger Strom schwemmten sie über uns und verschwanden im ansteigenden Bergwald. Die Sonne war schon aufgegangen, also war es sinnlos sich nochmal hinzulegen. Eine weitere Nacht, die viel zu früh zu Ende gegangen war. Das kalte und karge Frühstück machte die Sache nicht besser. Also blieb uns nichts anderes übrig als weiter zu ziehen.

Der Fluss schien in der Nacht etwas von seinem Wasser in das Tal hinab getragen zu haben. Jedenfalls stand die Fireldra nicht mehr so hoch wie noch am Abend vorher. Vermutlich hatten wir den Höchststand verschlafen. Die Leute in Wiesenbrück werden sich wundern, wenn ihre Deiche brechen. Wenn die Wassermassen und die mitgerissenen Bäume diese bersten lassen. Für uns war es gut, denn immerhin konnten wir jetzt leichter über den Fluss auf die andere Seite wechseln. Der Fluss hatte sich eine felsige Schlucht gegraben und hier und dort lagen einige, vor langer Zeit umgestürzte, Bäume über den Felsen. Atahr war offenbar ziemlich geschickt. Er nutzte einen Baum um auf die andere Seite zu klettern und band ein Seil dort fest. Über das Seil sollten wir wohl leichter auf die andere Seite gelangen. Halbohr dagegen fehlte einiges an Geschick. Er rutsche auf einer nassen Stelle auf dem Moos aus und hing kopfüber an einem Ast. Obwohl er nur einige Schritt über den schäumenden Fluten baumelte, musste ich kichern. Der bullige elfische Söldner machte nämlich einen unvorteilhaften Eindruck, als er um sein Leben kämpfte. Auch Atahr tuschelte etwas zu Bargh und ich hörte ihr Lachen. Doch die rauschenden Fluten der engen Felsenschlucht schluckten jedes Wort. Schließlich schaffte es Halbohr aber auch auf die andere Seite und wir konnten endlich unsere Wanderung fortsetzen.

Unser Weg wurde langsam immer steiler. Je höher wir kamen, desto kälter wurde es. Der Schnee, der weiter unten schon geschmolzen war, lag hier noch dicht über dem Wege. Selbst das Feuer des Kometen schaffte es nicht diesen zu schmelzen. Langsam aber sicher kamen wir den Felsen der Irrlingsspitze immer näher; wir stapften mittlerweile durch tiefen Schnee. Die Bäume lichteten sich zudem. Als die Sonne am höchsten stand und ihr Licht sich mit dem Licht Linnerzährns mischte, konnten wir sehen, dass unser Weg an einer Felswand endete. Dort eröffnete sich ein großes Portal mit Flügeln, Bolzen und Scharnieren wie aus dunklem Glas. Das immerwährende tiefe Grollen der Flammen war hier lauter und inzwischen konnten wir die Feuer riechen. Welche Urgewalten mochten wohl oben an der Spitze herrschen?

Vorsichtig näherten wir uns dem gähnenden Loch in die Dunkelheit. Halbohr, sich wohl seiner Fertigkeiten der Schurkenzunft besinnend, zog sich seine Schneeschuhe an und schlich leise einige Schritte voraus. Er sah tief im Schnee eingegraben eine Hand irgendeines armen Teufels hervorstehen, der wohl im letzten Todeskrampf versucht hatte sich frei zu graben. Er legte die Hand frei und fand unter der Schneedecke die Leiber von zwei, vielleicht drei Menschen deren Fleisch schon längst zu Eis erstarrt war. Atahr und Halbohr schlichen jetzt beide weiter zur Öffnung des Portals. Links und rechts davon türmten sich Geröll und Steine, doch der Weg direkt vor der Öffnung war frei. Die Schneefläche lag glatt davor. Das Grollen des Feuers schien jetzt nicht mehr nur von oben zu kommen, sondern auch aus dem Innern, irgendwo tief in der Schwärze, die sich hinter dem Portal eröffnete. Oder war das nur ein Echo? Atahr fasste seinen Mut zusammen und ging einige Schritte in den Tunnel hinein. Halbohr wartete auf Bargh und mich, bis wir bei ihm waren. Als ich zum ersten Mal in den dunklen Tunnel hineinblickte, bekam ich es wieder mit der Angst zu tun. Ich ließ mir natürlich nichts anmerken. Ich wollte nicht das kleine Kind sein, um das sich alle kümmern müssen und dem niemand etwas zutraut. Also nahm ich meinen Mut zusammen und schritt hinter Halbohr und Bargh ebenfalls hinein. Wenn sich uns jemand in den Weg stellt wird er schon die Klinge von Bargh zu schmecken bekommen.

Ich konnte Atahr schon gar nicht mehr sehen, denn das Licht drang nur wenige Schritte vom Eingang herein. Bei diesem Gang hatten sich die Erbauer wohl richtig Mühe gegeben. Der Stein sah so aus, als ob er in feinster Arbeit aus dem Fels gehauen wurde. Ich sah Halbohr noch in dem schwachen Licht, wie er über den Boden kroch und die feinen Steinritzen mit seinen Fingern abtastete. Wieder musste ich leicht in mich hinein kichern. Verstand ich doch noch nicht, was Halbohr wieder vorhatte. Doch da hörte ich von weiter vorne, vermutlich war es Atahr, einen unterdrückten, kurzen Schmerzenslaut. Und nur einen Moment später erhob sich Halbohr und hielt seine Hände hoch. Ich selbst konnte zwar nichts sehen, in dem schwachen Licht, doch er flüsterte uns zu: Dass hier überall auf den Boden unsichtbare Stachel liegen würden. Vermutlich war Atahr genau in einen dieser Stachel hineingetreten.

Vorsichtig gingen wir weiter ins Ungewisse. Ich ließ mich von Bargh durch die Dunkelheit führen, während Halbohr den Boden für uns freiräumte. Nach einigen Schritten, ich kann mich gar nicht mehr erinnern wie viele, stockten wir. Unser Weg wurde vor uns versperrt. Von einer Mauer aus dunklen Steinen, die bis zur halben Höhe des Ganges gebaut wurde. Auf der Mauer, die bestimmt drei Schritt hoch war, ragten eiserne Speerspitzen nach oben, um die nochmal ein stacheliger Draht gewickelt war. Wenn wir weiterwollen, müssten wir hier hinüber.

Alles roch nach einer Falle, doch Atahr schien wieder seinen Mut beweisen zu wollen. Er kletterte als erster die Mauerstücke nach oben und zwischen den Speeren vorbei. Dahinter sah er, dass sich der Gang in eine breite und große Halle eröffnete und in der Mitte der Halle eine weitere dieser befestigten Mauern stand. Doch Atahr konnte nur für einen Sekundenbruchteil einen Blick erhaschen. Plötzlich tauchten hasserfüllte Augen aus dem Nichts der Dunkelheit auf. Vier gewaltige Kreaturen waren plötzlich vor Atahr. Auf der anderen Seite der Mauer. Die Gestalten waren so riesig, dass sie selbst diese große Mauer spielerisch überragten. Mit eingefallenen Gesichtern und spärlichen grauen Haaren bedeckt, blickten sie auf Atahr und uns hinab und erhoben lange Lanzen. Atahr war starr vor Schreck als die grau-blauen Augenpaare der Kreaturen auf ihn starrten. In einer hässlichen Sprache, die ich nicht verstand, schrien sie irgendetwas. Sie rammten ihre Lanzen auf Atahr und durchbohrten ihn. Immer noch von Dunkelheit umgeben konnte ich zwar nichts sehen, aber ich hörte die Schreie Atahrs. Ich konnte mir vorstellen, wie die gespaltenen Klingen der Lanzen durch sein Fleisch drangen.

Bargh schrie mich an, ich solle meinen Verbündeten anflehen und diese Kreaturen verbrennen. Doch wie? Ich stolperte im Dunkeln und musste mich an ihm festhalten um nicht gegen die Wände zu laufen. Er schrie mich weiter an und ich schrie zurück. Ich war wütend und wusste nicht warum. Es waren nicht die Kreaturen; es war nicht, weil Bargh mich anschrie. Es lag einfach an diesem Ort und ich war wütend auf alles und jeden. Doch dann schrie Bargh, ich solle eine Fackel aus seinem Rucksack entzünden. Diesmal wusste ich, dass ich wütend auf mich selbst war. Dass jemand wie Bargh mich an so etwas erinnern musste.

Ich nahm also die Fackel und entzündete sie. Meine Augen waren für einen Moment geblendet, doch dann sah ich sie auch, diese riesenhaften, ekelerregenden Kreaturen, uns alle überragend. Atahr lag inzwischen regungslos vor der Mauer. Zwar konnte ich jetzt sehen, aber hell wurde es in dem Tunnel immer noch nicht. Die Wände selbst schienen das Licht in sich zu schlucken, so dass von der Flamme der Fackel nur ein schwacher Schimmer übrigblieb.

Mein Zorn brannte in mir und so sollten auch die Kreaturen verbrennen. Ich rief zu meinem Verbündeten und er schenkte mir flammende Speere die ich auf die Kreaturen schleuderte. Bargh feuerte mit seiner Armbrust tödliche Bolzen. Seine Geschosse und meine Feuer fuhren in die Verteidiger hinein, zerfetzten ihre Kehlen und verbrannten ihr Fleisch. Als sie tot umfielen, passierte jedoch etwas Merkwürdiges. Die toten Kreaturen schienen zu schrumpfen. Was übrig blieb, war nur ein Bruchteil von dem, was eben noch uns töten wollte. Sie erinnerten mich eher an die Geschichten des stämmigen Volkes der Unterberge.

Die letzte der Kreaturen fiel in sich zusammen, als ein weiter Bolzen von Bargh sich durch ihr Auge bohrte. Halbohr schloss zu Atahr auf, der zwar tiefe Wunden trug, aber noch am Leben war. Wir kletterten über den Wall und es gab jetzt keinen Weg zurück. Es konnte keinen Weg zurückgeben. Halbohr ging wieder voraus und näherte sich dem zweiten Wall. Uns war allen klar, dass dies eine Falle war und tatsächlich, als Halbohr gerade auf den zweiten Wall hochklettern wollte, erschienen ein weiteres Mal, wie aus dem Nichts, mehr dieser riesenhaften Kreaturen. Diesmal waren wir jedoch vorbereitet. Zwar hieben sie ihre Lanzen tief in den Körper Halbohrs, der sich nicht rechtzeitig weg ducken konnte, doch Bargh und ich gewährten ihnen keine Gnade.

Ihre stinkenden Leiber schrumpften zusammen, wir ihre Kameraden zuvor. Dort lagen sie nun in ihrem Blut. Ihre bleiche Haut, durchsetzt von blauen Venen, ihre ausdruckslosen Augen und ihre grauen und weißen Haare. Ihr Aussehen machte auf mich den Eindruck, als hätten sie das unterirdische Reich nie verlassen. Ihre fauligen Zähne und der modrige Gestank nach Erde und Stein, ließen mich an die Wurzeln alter kranker Bäume denken. Doch keine Zeit für weitere Gedanken. Der Weg unter die Irrlingspitze, in die Innereien des Berges, schien frei zu sein. Dann aber hörte Halbohr mit seinem guten Ohr leises Flüstern und Atmen. Gezischelte Töne der Sprache dieser Kreaturen. Wer konnte schon wissen, wie viele dort noch auf uns lauerten und welches Schicksal uns hier erwartete.​
 

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Sitzung 50 - In die Tiefe

Gebannt starrten wir auf die flackernden Lichter, die meine Fackel über die Barrikaden warf. Das Spiel der Schatten, was die Speere und das Drahtgeflecht erzeugten, war gespenstisch anzusehen. Ich konnte dabei zuschauen, wie die dunklen Mauern dieser Halle das Licht in sich aufzusaugen schienen. Der Anblick ließ mich erschaudern. Trotz der Kälte trat mir der Schweiß auf die Stirn. Die vielen Male, bei denen ich die Hilfe meines Verbündeten erbeten hatte, kamen mit einem Preis. Meine Kräfte waren am Ende.

Um uns herum lagen die zusammengeschrumpften Leiber der getöteten Angreifer und verströmten einen Geruch des Moders verfaulter Höhlen. Die Leiber, die noch vor wenigen Momenten riesengroß erschienen und uns mit ihren Speeren aufspießen wollten, waren jetzt klein. Sie reichten selbst Halbohr nur noch bis zur Brust. Bargh und Halbohr begannen die blass-häutigen Kreaturen zu durchsuchen. Sie fanden ein kleines Amulett, das einen daumennagelgroßen Kristall in der Mitte hielt, der aussah wie eine Kriegspicke. Anscheinend kannte Bargh dieses Symbol und erzählte uns, dass es das Symbol von Laduguer war. Offenbar eine Gottheit dieser Kreaturen. Laduguer, so berichtete Bargh, stand für die absolute Gehorsamkeit eines Kriegers, als auch für den Hass gegen alle anderen Rassen. Nun, für uns wohl umso besser. Sollen sie sich doch in ihrem blinden Gehorsam allesamt in das Schwert von Bargh stoßen, dann könnten wir endlich weiterkommen. Ich dachte wieder kurz an die Worte von Halbohr, dass er Stimmen und Atmen gehört hatte. Wie lange wollten die beiden denn noch die stinkenden Kadaver durchsuchen? Wir müssen weiter, verstehen sie das denn nicht?

Doch auch ich erkannte, dass Halbohr noch schwer verwundet war von dem Stoß der Stangenwaffe und vermutlich einen weiteren Kampf nicht lange überleben würde. Auch Bargh bemerkte dies und bot an die Wunden mit Hilfe seiner Herrin schließen zu lassen. Im Gesicht Halbohrs arbeitete es, da er wohl nicht sonderlich darauf erpicht war, irgendwann einmal den Preis entrichten zu müssen, den diese Hilfe mit sich bringt. Ich hatte noch immer nicht verstanden, warum Halbohr sich darum so zierte. Wenn es ihm hilft und es ihm Vorteile bringt, warum sollte er nicht die Hilfe der Schwertherrscherin annehmen? Ich hatte sowohl bei Bargh und Neire gesehen, welche Macht sie einem offenbar gewährt. Aber Halbohr dachte pragmatisch: Wenn er die Hilfe nicht annähme, würde er sterben. Also willigte er ein und sprach zusammen mit Bargh ein Gebet auf Jiarlirae und pries ihre Dunkelheit und ihre Flammen. Halbohr musste seine Hand auf die Klinge Barghs legen und die Schatten, die aus dem Stahl bluteten, sahen so aus als würden sie direkt in das Fleisch Halbohrs eindringen. Ich glaubte kurz ein Zischen zu hören und Halbohr zuckte dabei auf. Doch seine Wunden begannen sich tatsächlich zu schließen. Als ein Blutstropfen von ihm auf den Boden fiel, sah es so aus, als würde dieser zu einer kleinen Schattenwolke verdampfen, als er den kalten Stein berührte. „Alles hat seinen Preis, auch eine elfische Seele“ waren Barghs Worte.

Ich betrachtete nachdenklich das Amulett der Kreaturen. Als ich damals von Zuhause geflohen bin, hätte ich nie gedacht, was für merkwürdige Geschöpfe ich kennenlernen sollte. Leise in Gedanken flüsterte ich den Namen: Laduguer…

Als ob meine Worte selbst das Unheil heraufbeschwören würden, hörte ich keuchende Geräusche von der zweiten Palisade. Riesige Rüstungen bewegten sich auf uns zu und ein ganzer Trupp der Kreaturen rückte in militärischer Manier näher. Einige schwangen ihre gigantischen Lanzenwaffen, andere abscheuliche Kriegspicken. In zwei Reihen versuchten sie Halbohr und Bargh in die Zange zu nehmen. Ich reckte den Kopf empor und blickte in die fahl-blassen Gesichter, die von bläulichen Venen durchzogen wurden. Panik überkam mich. Während Bargh und Halbohr sich den Gegnern stellten, versuchte ich aus dieser Halle zu fliehen. Ich sah die kalten, mordlustigen Augen mir folgen. Dann widmeten sich die Kreaturen wieder Bargh und Halbohr. Doch entweder durch die Kälte oder durch meine Erschöpfung konnten meine Finger keinen Halt an der Mauer finden. So blieb mir nur noch übrig mich in einer dunklen Ecke zu verstecken und auf das Beste zu hoffen.

Halbohr und Bargh kämpften tapfer. Die Klinge von Bargh spie nicht nur Schatten sondern auch Feuer in die geschlagenen Wunden. Den Kreaturen schien alleine der Anblick auf das Schwert Schmerzen zu bereiten. Und auch Halbohr schaffte es mit seinen Dolchen eine Schneise in die Pickenträger zu schlagen. Kreatur um Kreatur fiel zu Boden und auch diese schrumpften auf eine mitleidige Größe zusammen, als sie ihren letzten Hauch taten.

Schwer keuchend und aus tiefen Wunden blutend gelang es den beiden schließlich, auch die letzte dieser Abscheulichkeiten niederzustrecken. Halbohr wurde dabei besonders mitgenommen. Auch wenn es mir eigentlich egal war, glaubte ich nicht, dass er lange überleben würde. Doch sah ich auch in seinem Gesicht die Raserei auftauchen, die ich sonst eher bei Bargh bemerkt hatte.

Wir schleppten uns weiter durch die Hallen, wobei schleppen für mich zutraf. Jeder Schritt schien eine Meile lang zu sein und schmerzte bis in meinen Kopf hinein. Nach mehreren Gängen verließen wir schließlich diese gemauerten Hallen und gelangten in eine große, natürlich gewachsene Höhle. Das Licht meiner Fackel konnte nicht einmal die Decke erhellen. Einzig das Tropfen von Wasser aus der Entfernung ließ uns einen Eindruck erhaschen, wie weit diese Höhlen sich durch die Dunkelheit zogen. Vielleicht war dies eine Art Mine, denn ich erkannte Adern von verschiedenen Metallen und Kristallen im Stein. Unsere Füße bewegten sich auf nassem, moosigem Untergrund vorsichtig in die Höhle hinein. Einige Schritte voraus fanden wir eine steinerne Türe, die inmitten der Felswand eingelassen war. Vorsichtig und mit zitternden Händen untersuchte Halbohr die Türe und öffnete sie. Dahinter fand er einen kleinen gemauerten Raum, aus dem eine weitere Türe herauszuführen schien. Doch Halbohr traute dem Schein wohl nicht und das war auch gut so. Ein perfider Mechanismus war in die hintere Türe eingebaut, hinter der nur blanker Stein war. Offenbar wollten die Erbauer, dass man die zweite Türe öffnete. Dann hätte sich wohl der ganze Raum mit großen Steinblöcken verschlossen und wäre mit irgendetwas geflutet worden - auf dass man hier jämmerlich ertrank. Halbohr deaktivierte den Mechanismus und es schien so, als wenn wir hier etwas Ruhe finden konnten.

Ich ließ mich direkt an eine Wand dieses Raumes sinken. In meinem Kopf drehte sich alles und selbst die Augen taten mir weh. Halbohr und Bargh wollten noch einen großen Felsblock untersuchen. Sollten sie doch. Ich konnte und wollte keinen Schritt mehr machen. Es dauerte auch nicht lange und die beiden kamen wieder zurück. Offenbar hatten unter dem Felsblock noch die knöchernen Überreste einer Hand herausgeschaut. Sie hatten den Felsen zur Seite gerollt und fanden darunter das zerschmetterte Skelett einer humanoiden Gestalt eines Kriegers. Dieser hatte wohl erkannt, dass sein Tod nahte und seine letzten Gedanken auf Pergament geschrieben, welches unter den Knochen lag:

Der JENSEHER hat den Quell seines Sehnens unter der Irrlingsspitze gefunden. Wenn sich einst das Tor in die Anderswelt öffnet, mag Niroth unreine Mächte beherrschen. Mächte, weit jenseits von schwarzer Kunst. Mächte, die den sterblichen Geist in die ewige Nacht treiben. Das Tor ist die Quelle seiner Macht; es reicht in ein fernes Reich hinter den Sternen – unverständlich für unseren Geist und wider jeden gesunden Verstand. Es gibt nur einen Weg: Niroth muss sterben und das Anderstor muss wieder seinem ursprünglichen Fokus zugeführt werden. Die Schlüssel sind die drei Kristallstücke, die wir einst aus den entlegensten Winkeln der Welt zusammenführten. Doch wir haben uns in IHM geirrt. Gnade unserer Seelen…"

Sie fanden auch einen Ring, auf dem der Name Adanrik in alten Runen eingraviert war. Ich erinnerte mich an die Geschichte, die Halbohr in den Ritzereien des alten Nußbaums in der Taverne gelesen hatte. Offenbar hatte sich die Gruppe, die 23 Jahren vor uns hier eindrang, zerstritten. Vielleicht hatte Niroth etwas gefunden was es wert war, sich seiner Kameraden zu entledigen.

Als die beiden wiederkamen und die Türe hinter sich verschlossen, war ich schon in einem halben Dämmerschlaf verfallen und auch Halbohr und Bargh konnte man ansehen, dass sie sich nach einer Rast sehnten. Ich hoffte diesmal endlich eine erholsame Ruhe zu finden, was mir wohl auch im ersten Moment beschert wurde. Doch als ich aufwachte und einige Stücke von den widerlichen eingetrockneten Pilzen aß, die Halbohr mir gab, fing plötzlich meine Hand an zu zittern. Mein Magen drehte sich und mit einem brennenden Würgen gab ich die paar Bissen wieder von mir. Auch Bargh verhielt sich komisch, sein Kopf zuckte immer zur Seite, doch schien er es nicht zu bemerken. Es war fast schon rührend, wie er sich um mich sorgte. Er glaubte, es würde mir helfen, wenn ich mit ihm zusammen zu seiner Herrin bete. Vielleicht mochte er dabei Recht haben, für den Moment dachte ich mir einfach nur, dass mich die Worte auf andere Gedanken bringen und meinen Magen etwas beruhigen können. So rammte er sein Schwert der Schatten und des Feuers in den Boden und zusammen sprachen wir seine heiligen Worte, die ich immer besser mit ihm sprechen konnte.

Halbohr hätte ruhig mit uns beten können, vielleicht hätte das auch seinen rastlosen Geist etwas beruhigt. Stattdessen brach er auf und erkundete die dunklen Höhlen, obwohl er immer noch viele offene Wunden an seinen Körper trug. Aber gut, soll er doch, wenn er hinterrücks überfallen wird, wissen wir wenigstens was auf uns wartet.

Halbohr verschwand in dem Netz von Tunneln, während Bargh und ich am Eingang unseres Unterschlupfes warteten. Es dauerte fast eine Ewigkeit, die ich damit verbrachte dem Atmen von Bargh zu lauschen und mir die Beine in den Bauch zu stehen. Dann tauchte Halbohr wieder aus der Dunkelheit auf. In seinem gegerbten Gesicht warf meine Fackel tiefe Schatten. Er erzählte uns kurz, dass sich vor uns ein weites Höhlensystem ausbreitete. In einer Kammer hatte er drei riesige Skelett-Kreaturen gesehen, in deren hohlem Brustkorb eine gleißende Flamme brannte. Er war klug genug sich von diesen fern zu halten. Auch fand er Verstecke der Vertreter des stämmigen Volkes, von wo aus sie uns erwartet hatten und uns überfallen konnten.

Und schon verschwand er wieder in der Dunkelheit und ließ uns erneut zurück. Diesmal wollten wir jedoch nicht mehr tatenlos herumstehen. Bargh zog mich an meinem Arm und zusammen folgten wir in die Richtung, in die Halbohr gegangen war. Was sich für Halbohr als glücklicher Zufall herausstellte. In der Ferne hörten wir plötzlich Kampfeslärm. Bargh stürmte voraus und fand Halbohr, wie er vor einer skeletthaften Gestalt zurückwich. Der Angreifer war gekleidet in alte, verstaubte Roben. Ein rötliches Glühen brannte in den leeren Augenhöhlen und die knöchernen Finger streckten sich nach Halbohr aus. Bargh trat der Gestalt entgegen und rammte sein Schwert in die Knochen. Mit nur zwei Hieben zerbarsten die alten Gebeine und fielen in den Staub der Höhle.

Doch auch jetzt wollte Halbohr nicht auf uns warten, sondern schlich erneut in die Dunkelheit hinein. Wieder dauerte es lange und wieder mussten wir wartend zurückbleiben. Bis dann, nach einer halben Ewigkeit, Bargh meinte etwas zu hören. Irgendwelche Geräusche, aber weiter weg, weshalb er nicht sicher war, was er dort hörte. Ich selbst konnte zwar nichts vernehmen, doch bei dem Gedanken was Halbohr in der Dunkelheit aufgeschreckt haben könnte, wurde es mir wieder mulmig im Magen. Bargh zog mich mit und schritt in die Richtung der Geräusche. Wir passierten einen kleinen Seitenarm. Kamen die Geräusche hierher? Ich war mir nicht sicher, aber Bargh erkundete den Tunnel. Die Luft hier schien plötzlich viel kälter zu werden und ich bekam eine Gänsehaut. Vor uns lag eine geöffnete Türe, aus der geisterhafte Nebel von kalter Luft herausströmten. War Halbohr schon hier und hatte die Türe geöffnet oder hatte etwas anderes sie geöffnet? Wir sahen dahinter einen kleinen Raum, in welchem an Wand und Decke Fresken eingearbeitet wurden. Diese Fresken zeigten ein Inferno von Knochengestalten, die offenbar in ihrem eigenen Fegefeuer verbrannten. In dem Raum standen vier Sarkophage, die jedoch allesamt zerschmettert waren. In gesamten Raum waberten dicke Schatten über den Boden.

Bargh wollte gerade auf diese Türe zu gehen, als wir hinter uns Halbohrs Befehl „Halt!“ hörten. Der Söldner trug einige neue Wunden. Offenbar hatte er wieder Bekanntschaft mit einigen Kreaturen gemacht. Doch sein Ruf kam im richtigen Moment. Gerade als Bargh seinen Fuß wieder zurückzog, öffnete sich der Boden unter ihm und offenbarte ein gähnendes Loch. Dort erwarteten ihn aufblitzende Spitzen von Stacheln oder Speeren. Doch es war bereits zu spät. Die Düsternis des Bodens verdichtete sich und heraus wuchsen vier Gestalten. Wabernde Schatten umwoben die Kreaturen wie Umhänge, doch glaubte ich dahinter Gestalten mit einer Ähnlichkeit zu Atahr zu erkennen. Auch diese merkwürdig schwarze Haut, aber völlig verfault und mit glühenden Augen in dem Schädel. Sie glitten über das Loch im Boden und griffen uns mit ihrem verfaulten Klauen an. Die Kälte, die von ihnen ausging, war fürchterlich, doch ließen Bargh und Halbohr sich davon nicht beeindrucken. Sie stürmten nach vorne und hackten durch ihre verfaulte Haut. Als die erste der Kreaturen zu Boden fiel, lösten sich die Schatten um sie herum auf. Was übrig blieb war ein stinkender Haufen von Knochen. Eine weite fiel und ich fand neuen Mut. Ich flehte meinen Verbündeten an und er schenkte mir flammende Pfeile die ich auf die Wesen schleuderte. Eine weitere und schließlich die letzte Kreatur verwandelte sich in Knochen. Langsam verschwand auch die Kälte.

Ab jetzt gingen wir zusammen, auch wenn es Halbohr vielleicht nicht gefallen würde. Aber wir konnten es uns nicht leisten. Wer weiß schon, was uns in den weiteren dunklen Tunneln noch alles erwarten würde.​
 

Wore

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Sitzung 51 - Die Minenstadt

Immer noch fühlte ich die Kälte dieses Mausoleums, wie sie mir die Haare zu Berge stehen ließ. Vielleicht waren es aber auch die Bilder an den Wänden der kleinen Kammer. Die Bilder des Infernos, das dort durchaus sehr detailliert dargestellt wurde. Halbohr suchte gerade seine Dolche aus den Knochenhaufen zusammen. Als er sich bückte verzog sich sein Gesicht zu einer schmerzhaften Fratze. Einige der alten Wunden, aber euch neue, von denen wir immer noch nicht wussten woher sie stammten, platzen wieder auf.

Ich blickte auf das kleiner werdende Licht meiner Fackel. Jetzt weiter durch die dunklen Höhlen zu streifen, wäre vermutlich unser Tod. Zumindest der von Halbohr. Also beschlossen wir uns, noch für eine Nacht (war es überhaupt Nacht?) in den kleinen Raum zurückzuziehen, den wir schon einmal für unsere Rast genutzt hatten. Dort angekommen, betete Bargh zu seiner Herrin und bot Halbohr an, in sein Gebet einzustimmen. Es war schon interessant anzusehen. Erst sah es so aus, als ob Halbohr den Glauben von Bargh einfach nur ablehnen würde. Aber entweder sah er es ein, dass es Vorteile mit sich bringen würde oder er begann seine Meinung zu ändern. Tatsächlich betete er mit Bargh und zuckte kurz zusammen, als der Krieger mit dem verbrannten Gesicht ihm seine Hand über das verstümmelte Ohr legte. „Freien Geistes bin ich bereit in Feuer und Schatten zu schreiten und einen Teil von mir zu geben. Jiarlirae, oh Schwertherrscherin. Ich huldige ihren Namen“. Erst die tiefe Stimme von Bargh. Dann die kratzige Stimme Halbohrs. So priesen sie ihren Namen und an der Stelle, an der Bargh das Ohr Halbohrs anfasste, fing es leicht an zu zischen. Kleine Rauchschwaden stiegen dort auf. Doch Halbohr verspürte anscheinend keine Schmerzen. Im Gegenteil: Einige seiner Wunden begannen sich zu schließen, als ob sie mit einem heißen Eisen kauterisiert würden.

Während der Rast suchten mich wieder unheilvolle Träume heim. Diesmal waren es keine Ratten oder anderes Getier. Diesmal träumte ich, dass ich in der Höhle lag. Begraben von Splittern eines dunklen Glases. Überall auf meinem Körper kroch grüner Schleim meine Haut empor. Ich spürte das leichte Kribbeln und in meinem Unterbewusstsein wurde mir klar, dass dieser Schleim mich langsam aber sicher verdaute. Was noch schlimmer war: Ich fühlte weder Schmerz noch Angst, sondern eine Art von Glücksgefühl mit jeder Zelle, die sich auflöste und Teil des Schleimes wurde.

Der Schrei von Bargh ließ mich aus dem Traum hochschrecken. Er selbst schlief noch und es sah so aus als, ob er im Traum ertrinken würde. Als er aufwachte, war er völlig verwirrt und stammelte davon, dass er in einem See von Schlamm versunken wäre. Ich wusste nicht, was mich mehr beunruhigte: Bei lebendigem Leibe von irgendeinem Schleim verdaut zu werden oder dass es mir nichts auszumachen schien. Ich hoffte nur, dass wir möglichst schnell wieder aus den Höhlen herauskommen und ich die Antworten finde, die ich schon so lange suchte. Ich wusste noch nicht, wie sehr ich mich irren sollte.

Wir verließen ein weiteres Mal unser Versteck in der kleinen Kammer. Dies bedeutete ein weiterer Tag weniger Zeit für uns, bis der Schein des Linnerzährns wieder verblassen würde. Halbohr schlich sich auf seinen Elfenfüßen aus unserem Versteck. Bargh und ich waren wieder dazu verdammt, in der Dunkelheit auf Zeichen von ihm zu warten. So stapften wir weiter durch Höhlen und Tunnel, bis Halbohr irgendwann wieder zu uns zurückkehrte. Er sagte, er habe eine Höhle gefunden, die zur Hälfte völlig mit Schlamm bedeckt wäre. Offenbar verbirgt sich in unseren Träumen ein Funken Wahrheit. Und so musste ich direkt an den Traum Barghs denken. Aber die Neugierde von Bargh war anscheinend viel größer als das mulmige Gefühl, was der Traum ihm gab. Obwohl ich eher glaubte, dass er einfach zu stolz war auch nur das leichteste Anzeichen von Angst zu zeigen. Halbohr und Bargh vergaßen auch jetzt wieder, dass wir keine Zeit zu verlieren hatten. Sie begannen die Höhle zu untersuchen.

Tatsächlich war der hintere Teil der großen Kaverne ein einziger See mit Schlamm. Gebannt starrten wir auf die Oberfläche. Doch nichts rührte sich, nicht mal die geringste Bewegung. Halbohr nahm einen Trank, von dem er der Meinung war, dass er ihm das Atmen unnötig machen würde. Ich hielt es immer noch für unsinnig und unnötig, aber wenn er meint sich in den Schlamm stürzen zu müssen, soll er doch. Er band sich ein Seil um seinen Körper und mit einem widerlichen Platschen ließ er sich in den stinkenden braunen Schlamm herab. Es dauerte eine Zeit, bis er sich wieder aus dem Schlamm-See erhob - ein Klumpen aus Dreck und Matsch. Nur in entferntester Weise war Halbohr zu erkennen. Allerdings kam er nicht mit leeren Händen. Offenbar war irgendwo auf dem Grund des Schlamms ein Paar Armschienen aus einem merkwürdigen Glas verborgen gewesen. Dieses dunkle, rauchige Glas kam mir bekannt vor. Leicht durchsichtig, aber hart, war es schwer wie Stahl.

Halbohr machte sich notdürftig etwas sauber, wobei er jetzt fürchterlich nach modrigem Matsch und Nässe stank. Ich möchte mir nicht ausmalen, wie wir alle mittlerweile rochen. Hatten wir doch bereits seit einigen Tagen kein richtiges Bad mehr genommen. Halbohr verschwand wieder in die Dunkelheit, doch diesmal dauerte es nicht so lange bis er wiederkehrte. Offenbar hatte er einen Gang gefunden, der an einer Steintüre endete. Von dort hatte er Gestalten hören können. Durch eine Art Guckloch hatte Halbohr diese als unheimliche Vertreter des stämmigen Volkes identifiziert. Wir schmiedeten einen Plan, so dass wir uns vorsichtig an diese Türe anschleichen wollten und versuchen würden sie zu überraschen. Soweit so gut. Tatsächlich kamen wir unbehelligt in die Nähe der Türe. Trotz eines Leuchtkristalls, der den Gang in ein schwaches kühles Licht hüllte. Halbohr machte sich daran das Schloss dieser Türe zu öffnen. Ich hielt meinen Atem an und versuchte mich zu konzentrieren als langsam die Türe aufgezogen wurde.

Doch dann überschlugen sich die Ereignisse: Nur einen Wimpernschlag später standen wie aus dem Nichts vier weitere dieser hässlichen Kreaturen in der Türe und zielten mit großen Armbrüsten auf uns. Halbohr konnte gerade noch von der Türe aufschauen, als das Surren der Bolzen durch den Tunnel hallte. Einige davon trafen Halbohr und Bargh, doch ich glaubte, dass Bargh nur darauf gewartet hatte. Das heimliche und vorsichtige Vorgehen ward wider seine Natur. Mit einem Brüllen stürmte er nach vorne. Seine Klinge aus Schatten und Feuer hoch erhoben. Der merkwürdige Stahl traf auf das fahle, von bläulichen Venen durchzogene Fleisch der Gestalten und die Schatten entzündeten sich. Schreiend fielen die ersten unserer Gegner, während ich selbst mit der Hilfe meines Verbündeten dafür sorgte, dass sich ihre Kehlen zusammenschnürten. Röchelnd standen sie dort, als Halbohr seinen Dolch mit den nordischen Runen in ihre Kehle rammte.

Bisher lief es gut für uns, keiner dieser niederen Kreaturen konnte uns das Wasser reichen. Doch dann machten sich die anderen in dem Raum angriffsbereit und wie schon so oft nutzten sie ihre Kraft, um sich auf enorme Ausmaße zu vergrößern. Mit ihren gigantischen Stangenwaffen stürmten sie auf uns zu. Ich wich Schritt für Schritt zurück und sah aus dem Augenwinkel eine kleine Gestalt hinter mir. Erst dachte ich diese feigen Kreaturen wollten uns umzingeln. Aber dann fiel mir auf, dass die Gestalt anders aussah. Er war klein, hatte aber nicht diese von bläulichen Venen durchzogene blasse Haut. Nicht nur sein Gesicht war rundlicher, sondern auch ein Bauch war zu erkennen. Die Gestalt murmelte irgendetwas. Ich wollte die anderen warnen, als plötzlich vor uns der gesamte Raum in einer gewaltigen Feuersbrunst unterging. Wir spürten die Hitze auf dem Gang und wir hörten die Schreie der Kreaturen, als sie bei lebendigem Leibe verbrannten. Einige versuchten an Bargh und Halbohr vorbeizukommen, doch die beiden stießen sie wieder zurück in die Flammen, wo sie das Schicksal ihrer Kameraden teilen konnten. Bei dem Anblick stimmte Bargh ein verrücktes Lachen an und stellte sich den brennenden Kreaturen entgegen. Vermutlich um sicherzugehen, dass keiner hier lebend herauskam. Seine massige Gestalt warf vor den Feuern einen langen Schatten in den Gang und die lodernden Flammen schienen ihn nicht zu berühren. Es war, als bog das Feuer um ihn herum, während mir selbst, obwohl ich noch weiter weg stand, die Haut von der Hitze brannte.

Doch so schnell die Flammen gekommen waren, so schnell ebbten sie wieder ab. Übrig blieben die rauchenden, stinkenden Kadaver dieser Höhlenbewohner. Auch die Gestalt, die ich wegen des Feuers aus den Augen verlor, erschien wieder vor mir. Tatsächlich konnte dies kein Angehöriger der gleichen Rasse sein. Er war dicklich und älter und machte auf mich einen eher verwirrten Eindruck. Seine schon ergrauten Haare standen wirr von seinem Kopf ab und die dicke Nase ragte inmitten eines faltigen Gesichtes hervor. Er fing an etwas zu brabbeln. In einem merkwürdigen Kauderwelsch. Dabei zuckten sein Mund und sein Kiefer mit jeder Silbe, als wenn er ihn nicht unter Kontrolle hätte. Nachdem wir ihn alle fragend anstarrten, dämmerte es ihm offenbar, dass wir ihn nicht verstehen konnten. Er fing an in der gemeinen Zunge zu sprechen. Auch das war schwer für uns zu verstehen, da seine Worte und seine Aussprache eine eigenartige Färbung hatten.

Der Fremde stellte sich als Ortnor Wallenwirk vor. Nun, das waren auch erstmal die einzigen sinnvollen Worte, die aus seinem Mund kamen. Danach hatte er nichts Besseres zu tun, als mich zu beschimpfen - diese kleine hässliche Missgeburt. Nannte mich Mädchen, dumm und dilettantisch. Ich hatte nicht wenig Lust diesem kleinen Wicht zu zeigen, wie dilettantisch ich bin, wenn ich ihn kochen ließe. Oder noch besser, soll er mal richtige Bekanntschaft mit Bargh machen. Bargh schien meine Gedanken zu erraten. Er trat vor den Wicht in all seiner Größe und Stärke und nahm ihn wie ein Spielzeug in seinen großen und starken Händen. Die Schatten, die sein Schwert blutete, lechzen wohl wieder nach einem Opfer und begannen bedrohlich die Gestalt von Ortnor einzuhüllen. Auf einmal wurde er ganz freundlich und wir waren keine Dilettanten, Nichtskönner, Idioten oder Dummköpfe mehr. Ich halte für mich fest: Ortnor ist ein Wicht und ein Feigling zugleich. Ich hoffte, dass Bargh in zerquetschen würde, doch leider beruhigte sich der heilige Krieger Jiarliraes wieder und ließ ihn herab.

Ortnor erzählte uns, dass wir wohl gerade vor einem Außenposten dieser Kreaturen standen, die er als Duergar bezeichnete. Er selbst stamme von einem Volk, das er die Svirfneblin nannte. Offenbar hatten die beiden Völker schon seit langer Zeit eine Blutfehde, denn er ließ während seiner Erzählungen keine Gelegenheit aus, die Duergar als Abschaum zu beschimpfen. Er erklärte uns, dass sich hinter diesem Vorposten eine noch recht junge Minenstadt erstrecke, die tief in den Berg der Irrlingsspitze hineinführe – von ihm Unterirrling genannt. Dort bauten die Duergar ein Erz ab, dass er als Ne‘ilurum bezeichnete. Es war jenes merkwürdige Glas, aus dem auch die beiden Armschienen gefertigt wurden, die sich inzwischen an meine Unterarme schmiegten. Und, so fuhr er fort, stehe diese Minenstadt auch nur in den Diensten eines wohl noch größeren Reiches, dass er Urrungfaust nannte. Er hatte auch den Namen Waergo gehört, ein Krieger aus der Gruppe der Abenteurer, die sich vor 23 Jahren vor uns aufgemacht hatten, die Geheimnisse des Berges zu enträtseln. Jedoch war wohl dieser Waergo von seinem eigentlichen Plan abgekommen und hatte sich stattdessen zum Anführer der Minenstadt hochgearbeitet. Das besondere hierbei war, dass er nicht zum Volk der Duergar, sondern zum stämmigen Volk der Schneeberge gehörte. Diesem Volk begegneten die Duergar wohl seit jeher mit Hass und Verachtung. Von den Geschichten über den Linnerzährn und das Portal wusste er auch nichts Genaueres. Nur die Legenden über das graue Volk waren ihm bekannt, das sich in längst vergessener Vergangenheit ein Domizil im Irrling baute. Und die Legende des Eingangsportals nach Unterirrling, das sich nur öffnen sollte, wenn der Linnerzährn sein Feuer auf den Berg spie.

Er bot uns an uns zu begleiten, doch als er seinen Plan erklärte, kochte ich vor Wut. Er meinte, ich solle mich als minderbemittelte Sklavin ausgeben und dass er mich zum Verkauf anbieten würde! Was dachte dieser kleine Wicht sich nur! Ich würde mich von ihm bestimmt nicht rumschubsen lassen oder gar anfassen lassen. Was diese Kreaturen auch immer mit Sklavinnen machen würden. Ich dachte mir schon, dass Halbohr diese Idee vermutlich wunderbar finden würde, doch Bargh würde bestimmt auf meiner Seite sein. Mit Halbohr hatte ich tatsächlich Recht. Natürlich fand er es toll. Vielleicht sehnte er sich insgeheim danach, selbst der Sklavenherr zu sein. Doch ich täuschte mich in Bargh. Er ließ sich von Halbohr und diesem Ortnor überreden. Auf mich wollte ja keiner hören. Vermutlich hätte Bargh mit mir zusammen auch alleine all diese Kreaturen abschlachten können. Na gut, wenn sie es so haben wollten, sollten sie alleine klarkommen. Ich würde ihnen nicht mehr helfen, sondern die Sklavin spielen. Ortnor holte ein Tuch aus seinem Rucksack und schleuderte es in die Luft, wo es wie durch Zauberhand hingen blieb. Er schlüpfte dahinter, wie durch einen Vorhang. Man hörte hinter dem Vorhang ein Poltern und rumpeln, und nach einiger Zeit kam Ortnor wieder zum Vorschein, mit einigen alten Lumpen. Wer weiß woher er die hatte. Sie zogen mir die nach Öl stinkenden Lappen über und nahmen die Sachen, die ich bei mir trug. Lächerlich! Ich sollte eine Prinzessin aus der Oberwelt spielen und Ortnor würde mich auf einem Sklavenmarkt verkaufen wollen. Bargh und Halbohr sollten zwei Söldner darstellen, die Ortnor beschützten.

Ortnor führte uns durch den Vorposten hindurch in das Gangsystem. Schon bald stießen wir auf die ersten Ausläufer der Minenstadt. Vorbei an Schienen für Lorenwagen, sahen wir die ersten Arbeiter der Duergar. Sie schlugen mit ihren Meißeln das dunkle, glasartige Erz aus dem Felsen, das sich hier wie in Adern durch den Stein zog. Die Arbeiter selbst schienen sich nicht wirklich für uns zu interessieren, doch trafen wir schon wenig später auf Soldaten, die die
Arbeiterschaft bewachten. Diese waren schon wesentlich interessierter. Jedoch trat Ortnor zu ihnen und sprach mit ihnen in der merkwürdigen Sprache, die anscheinend hier unter den Bergen gesprochen wurde. Was auch immer er ihnen sagte, es reichte offenbar. Die Soldaten ließen uns unbehelligt weiterziehen. Er führte uns näher in Richtung der Minenstadt und wir traten an einer Höhle vorbei, wo drei riesige achtbeinige Kreaturen an den Felsen gekettet waren. Vor ihnen lagen die Überreste von anderen kleinen Kreaturen, die diese schwarzhaarigen Spinnen genüsslich mit ihren Kieferzangen verschlangen.

Die Luft schien wärmer zu werden, als wir weiter durch die gehauenen Gänge schritten. In verrauchten Felsenkammern sahen wir die ersten Hochöfen, Hier verarbeiteten die Duergar ihr kostbares Erz. Es konnte kein Feuer sein, womit sie die Öfen betrieben, sondern irgendetwas anderes. Von den Essen ging ein gleißendes Licht aus, dass mir nach der langen Zeit in der Dunkelheit in den Augen brannte. Sie machten aus dem Erz Ne‘ilurum Stangen, die sie in großen Körben weiter lieferten. Dort war auch ein Apparat, den Ortnor als Aufzug bezeichnete. Damit konnte man offenbar nach oben oder nach unten fahren. Halbohr und Ortnor diskutierten, wie sie weitergehen sollten. Anscheinend wusste Ortnor auch nicht, welcher Weg zum Sklavenmarkt führte. Jemanden nach dem Weg fragen, wäre eine denkbar schlechte Idee gewesen. Sie entschieden sich einfach darauf zu warten, bis jemand den Aufzug in Gang brachte. Was auch bald geschah. Nachdem weitere Körbe dort eingeladen wurden, begann einer der Duergar wieder zu wachsen. Diese Fähigkeit scheint ihnen zu eigen zu sein, wie anderen das Laufen. Sie setzen es nicht nur für den Kampf ein. Der Duergar wuchs auf beachtliche Größe an und griff ein Seil über der Kabine des Aufzugs. Ein Seil, das wir nicht erreichen konnten. Dann setzte sich der Apparat rumpelnd in Bewegung. Keiner von uns konnte sagen wohin er uns führen würde und ob wir jemals wieder das Tageslicht erblicken würden.​
 

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Sitzung 52 - Waergo von Naarbein

Wir lauschten dem Rumpeln und Knarzen der Apparatur, die sich in die Tiefe bewegte. Ab und an gab es ein kleines Krachen, als die hölzerne Plattform ins Wanken kam. Die riesenhaften Gestalten der Duergar rissen wechselseitig an dem Seil, so dass der Aufzug an den steinernen Schacht schlug. Ich selbst war noch gekleidet in die dreckigen und stinkenden Lumpen, die mir der kleine Wicht Ortnor übergestülpt hatte. Ich war mir sicher: Er, aber auch Halbohr hatten ihre Freude, wenn sie mich so erniedrigen konnten. Natürlich wusste ich, was sie damit bezweckten. Ich bin nicht dumm und verstand den Plan sehr wohl. Aber hätte nicht auch jemand anderes den Sklaven spielen können? Halbohr zum Beispiel? Einmal war ich mir sicher, dass ich dem runden Gesicht von Ortnor ein hässliches Grinsen entnehmen konnte. Ich blinzelte ihm böse zurück, gerade lang genug um ihm klar zu machen, dass er keine Spiele mit mir treiben konnte. Nur einen Vorteil sah ich in den stinkenden Lumpen. Mein eigener Geruch überdeckte jetzt den Schweißgestank der Tiefenzwerge.

Mit einem lauten Poltern und einem letzten Ruck kam der Aufzug zum Stehen. Wir hörten Geräusche von Hämmern und Schmiedearbeiten aus dieser Ebene. Durch die sich öffnenden Türen sahen wir hinter den dunklen Tunneln das Schimmern weiteren Hochöfen. Ortnor ging wieder voran, Bargh und Halbohr nahmen mich in ihre Mitte. Der Tunnel führte uns vorbei an mehreren kleinen Essen und Lagerstätten, wo sie ihr kostbares Ne‘ilurum in Stangen lagerten. Die meiste Zeit starrte ich meine Stiefel an, wie sie über den verrußten Boden stapften. Ortnor konnte ich nicht anblicken, sonst wäre ich vermutlich vor Wut geplatzt. Wir kamen schließlich zu einer weiteren Steintüre und hörten alle dahinter ein Gewirr von hunderten verschiedenen Stimmen sowie das Klimpern von vielen Münzen, die anscheinend den Besitzer wechselten. Ortnor hatte wohl etwas mit seiner Angst zu kämpfen. Er fing wieder damit an, uns als unfähig zu beleidigen. Ich sah deutlich das Aufblitzen von Wut in Halbohrs normalerweise eher gelangweilt dreinblickenden Augen. Wer weiß, welche Bilder er sich in seiner Vorstellung gerade auftaten - für Ortnor waren sie bestimmt nicht schön. Ich grinste heimlich in mich hinein, als Bargh aber auch schon mit seinen kräftigen Armen die steinerne Türe öffnete.

Als die Türe aufschwang wurden wir überwältigt vom Geruch und Geräusch einer wahren Masse von Duergar, Menschen und anderen Kreaturen. Grünliches, künstliches Licht, getragen von großen Steinsäulen, warf die Szenerie in einen fremden Anblick. Vor uns eröffnete sich eine riesige Halle, übersäht mit Zelten, Regalen und kleinen Emporen. Überall waren die seltsamsten Kreaturen, die die Tiefen der Eingeweide der Erde ausspucken konnten. Eine Geruchswolke von Kräutern, Tieren und Getränken waberte auf uns zu. Die Häute der Zelte und der Stände sahen aus wie schwarze Spinnfäden die zu dunklen, fast durchsichtigen Planen zusammengewebt wurden.

Ortnor schritt wieder voran, Bargh und Halbohr nahmen mich in die Mitte. So wir traten in die Halle ein. Es war fast so, als würden wir eine andere Welt betreten. Der größte Teil der Gestalten schien dem Volk der Duergar anzugehören. Ich fühlte ihre Blicke auf mir. Wie sie mich und auch die anderen mit ihrem überheblichen Hass anstarrten. Es gab hier auch einige wenige Menschen und auch einige Verwandte von Atahr. Elfen mit ihrer fast schwarzen Haut, violetten Augen und weißen Haaren. Als wir an einer Kreatur vorbeikamen, ist mir vor Furcht aber fast das Herz stehen geblieben. Diese Kreatur war anders als alles, was ich bisher gesehen hatte: Das humanoide Geschöpf hatte keinen Mund, sondern nur abscheuliche Tentakel, die dort emporzuckten, wo man normalerweise einen Mund vermutete. Rote, hasserfüllte Augen starrten mich an. Sie starrten nicht nur in meine Augen, sondern sie schienen direkt in meinen Verstand hineinzustarren. Und die Gestalt schien nicht nur zu starren, sondern es war mir, als wenn sie einfach nur zum Vergnügen mit meinem Verstand spielen würde. Zum Glück wurde dieses Wesen von einem anderen Besucher dieses Marktes abgelenkt und sein Blick ließ von mir ab. Zügig schritten wir weiter.

Wir bewegten uns zwischen den Ständen hindurch. Alles was das Herz begehrt und auch nicht begehrt wurde hier feilgeboten. Es gab verschiedenste Stände mit Kräutern, Nahrungsmitteln, Waffen und Rüstungen. Auch einfache Gegenstände wie Schüsseln und Töpfe, Teppiche oder nur kleine Pilze, die kunstvoll beschnitten wurden. An einem Stand gab es merkwürdige kleine Gerätschaften, von denen ich mir nicht vorstellen konnte, was man damit anfangen könnte. Als Bargh diese sah meinte ich in seinen Augen diese Lüsternheit zu sehen, die ich von ihm eigentlich nur kannte, wenn er betrunken war. Viele der Gegenstände, auch einfache Würfel oder andere Spielgeräte, waren aus dem Erz gefertigt, das sie hier unter dem Irrling abbauten. Und wir sahen auch Stände, an denen sie tatsächlich arme Wichte als Sklaven anboten. Einschließlich verschiedener Gerätschaften, um diese im Zaum zu halten. Über uns konnten wir erkennen, dass diese Halle eingerahmt war von einer Empore. Dort gab es keine Stände mehr, aber stattdessen sahen wir, dass dort weitere dieser gewaltigen achtbeinigen Biester entlang schritten. Auf Sätteln trugen die Spinnen Duergar, die mit wachsamen Augen den Markt beobachteten.

Ortnor erblickte auf dem Markt weitere Gestalten seiner Art. Diese, Svirfneblin nannte er sie, glaube ich, wirkten in diesem Getümmel etwas fehl am Platz, fehlte ihnen doch dieser immerwährende Hass auf alles andere. Die drei boten uns einen Unterschlupf in ihrem Zelt an, während Bargh und Halbohr sich weiter auf dem Markt umsahen. Also ließen sie mich allein zurück, in den Händen dieser kleinen Wichte. Na schön, wenn sie meinen. Allerdings wusste ich schon, dass ich für nichts garantieren könnte, wenn Ortnor wieder mit seinen Tiraden über meine Fähigkeiten anfängt. Zumindest von Bargh hätte ich besseres erwartet, aber auch er wurde vom Rausch des Handels gepackt.

Eine gefühlte Ewigkeit verging die ich damit verbringen musste, diesen kleinen dicklichen Kreaturen zuzuhören, wie sie in ihrer merkwürdigen Sprache schwatzten. Ich verstand zwar kein Wort, war mir aber sicher, dass sie sich insgeheim über mich lustig machten, wie ich dort in ihrem Zelt saß, in meinen stinkenden Lumpen. Natürlich würden sie es sich nicht trauen, offen über mich zu lachen. Aber jedes Mal, als sie zu mir blickten und sich wieder umdrehten, war ich mir fast sicher ein Lachen zu hören und ein Grinsen zu sehen. Plötzlich vernahm ich von außerhalb des Zeltes das laute Schlagen einer Türe. Ich hörte eine tiefe und dröhnende Stimme, wie sie schimpfte und offenbar Duergar-Wachen anbrüllte. Merkwürdigerweise aber in der gemeinen Zunge. Die Stimme lallte dabei und ich stellte mir vor, wie ein völlig betrunkener Duergar dort polterte und tobte. Halbohr, der zusammen mit Bargh zurückkehrte, erzählte später, dass ich gar nicht so weit von der Wahrheit entfernt war. Allerdings war es kein Duergar, sondern ein Vertreter des stämmigen Volkes der Oberwelt. Doch erzählte Halbohr, dass seine Haut aussah, als wenn er kurz vor dem Tode wäre. Über und über war sein Gesicht mit eiterndem Schorf bedeckt. Die roten Haare wuchsen nur noch an einigen Stellen und unter seiner linken Schädelhälfte sah es so aus, als ob dort Maden oder anderes Getier krochen. Aber trotz seines Aussehens oder seiner Herkunft hatten die anderen Duergar Angst vor ihm und gehorchten jedem Wort. Dies musste dann wohl Waergo von Naarbein sein, einer der Abenteurer, die vor 23 Jahren wie wir aufbrachen um die Geheimnisse der Irrlingsspitze zu erkunden. Waergo hatte sich dann aber zum Anführer der Minenstadt von Unterirrling gemausert. Wenn auch der Rest der Geschichten stimmte, vor allem der Brief, den wir bei der zerschmetterten Leiche in der Höhle gefunden haben, dann hat Waergo einen der Schlüssel, um das Portal zu öffnen? Oder zu justieren? Mir wurde wieder klar, wie wenig wir eigentlich wussten, was es mit diesem Portal auf sich hat. Aber sei es wie es ist, unser Weg kreuzt den von Waergo. Ich war mir sicher, dass er uns nicht einfach so passieren ließe.

Halbohr sagte, er habe gesehen wie Waergo torkelnd auf die Empore stieg und dann hinter einer Türe verschwand; vielleicht sein Gemach. Ortnor hatte daraufhin eine Idee: Offenbar besaß er die Fähigkeit, sich durch Zeit und Raum zu bewegen und von einer Stelle direkt zu einer anderen Stelle zu gelangen. Allerdings müsse er sein Ziel einmal gesehen haben. Halbohr wurde auserkoren, dies zu ermöglichen. Er solle sich an den riesenhaften Spinnenreitern und den anderen Wachen vorbei schleichen und entlang der Empore bis zu der Türe gelangen. Diese solle er einmal kurz öffnen. Ortnor würde an der Wendeltreppe, die zu der Empore führte, warten. Dort habe er eine gute Übersicht, auch auf die Empore. Sobald Halbohr die Türe öffnete, würde er seine Fähigkeiten einsetzen und sich selbst, Bargh und mich dorthin bringen. Ich sah es in Halbohr Gesicht arbeiteten. Grübelnd kratzte er sich an den vernarbten Überresten seines Ohres und ich konnte sein Zögern tatsächlich verstehen. Alleine vorbei an den Wachen und wer weiß was sonst noch. Dass Ortnor erwähnte, eher nebenbei, dass es Geschichten gab, in deren einige Wachen sogar unsichtbar waren, machte die Sache nicht einfacher. Allerdings wurde es Halbohr schnell klar, dass wir keine andere Möglichkeit hatten. Also stimmte er zu und machte sich bereit.

Er mischte sich unter die Besucher des Marktes und verschwand aus unseren Blicken. Ab und zu sahen wir ihn zwischen den Schatten der Säulen auftauchen, wie er auf die Empore kletterte. Ich versuchte seinen Bewegungen zu folgen. Wirklich schaffte er es, sich geschickt von Nische zu Nische und von Schatten zu Schatten zu drücken. Einmal sah ihn ganz kurz auftauchen, wie er mit einem eingefrorenen Blick in die Leere starrte. Ich folgte seinen Augen, konnte aber nicht wirklich etwas erkennen, was ihn erschreckt hatte. Vielleicht war da ein kleines Flimmern in der Luft, mehr aber nicht. Hatte er einen unsichtbaren Spinnenreiter gehört? Ein weiteres Mal tauchte er auf. Direkt neben der Türe, die zu dem Gemach von Waergo führte. Ortnor hielt sich bereit und auch Bargh und ich selbst hielten die Luft an. Wie in Zeitlupe sahen wir, wie sich die Türe langsam öffnete. Wir hörten, wie Ortnor neben uns arkane Formeln murmelte. Es war genau abgepasst: Wir konnten gerade noch von dem Markt einen kurzen Blick auf den Raum werfen, als wir von der Magie Ortnors durch die Dimensionen geschleudert wurden. Es fühlte sich merkwürdig an, als ob irgendetwas einen packen würde, durch einen dichten Nebel schleudern und unsanft auf den Boden werfen würde. Ich brauchte einen Moment um wieder klar denken zu können, doch dann sah ich mich tatsächlich in dem Raum stehen und Bargh und Ortnor neben mir.

Das Zimmer, in dem wir auftauchten, war von einer Art Vorhang getrennt der aus dunklen Schuppen irgendeines Tieres der Unterreiche gemacht wurde. Doch war es nicht Waergo, der uns in dem Raum erwartete, sondern einer seiner Untergebenen. Der Duergar saß an einem Tisch und studierte irgendwelche Papiere. Wir sahen schon, wie Halbohr sich in den Rücken der Gestalt schlich, als diese mit unserem Erscheinen aufsprang. Plötzlich ging alles sehr schnell. Der Duergar konnte zwar noch nach Waergo rufen, doch das Schwert von Bargh hieb auf die Gestalt ein. Sein Blut spritze auf, als der Hieb tief in seinen Leib drang. In einem letzten Akt des Todes schaffte er es, seinen Speer, der neben ihm lag, Bargh ebenfalls tief in die Brust zu rammen. Bargh schrie vor Schmerzen, doch entfachte der Schmerz auch seine Wut. Mit einem Gebrüll holte er aus und richtete seinen Widersacher mit seinem Schwert. Die Schatten der Klinge begannen sich zu entzünden und hüllten den schwarzen Stahl in einen Schein von Feuer. Der Hieb traf den Duergar am Hals und fuhr ohne zu stoppen durch ihn hindurch. Das Klatschen, als der abgetrennte Kopf auf den Boden aufschlug, hatte fast schon etwas Belustigendes. Bargh keuchte schwer von dem Stich des Speeres, doch Halbohr verlor keine Zeit und schob den Vorhang etwas zur Seite. Dahinter offenbarte sich ein weiterer Raum, mit einem Tisch, auf dem wir etwas ähnliches wie eine Karte sahen, mitsamt mehreren platzierten Figuren. Auch hier war alles aus Ne‘ilurum gefertigt. An einigen Stellen waren zudem mit weißer Farbe Augen und Tentakel auf den Tisch gemalt. Doch konnten wir uns von der zur Schau gestellten Dekadenz nicht ablenken lassen. Wir hörten das Poltern hinter einer weiteren Türe. Diese war zwar auch aus Stein, jedoch war sie mit schwarzer Farbe angemalt, so dass sie sich deutlich von dem restlichen Gemach unterschied. Die Türe flog auf und heraus kam die Gestalt Waergos. Jetzt sah auch ich das, was bisher nur Halbohr erzählte. Früher mag es wohl mal ein stattlicher Vertreter seiner Rasse gewesen sein. Jetzt konnte man es nur noch erahnen. Sein rotes Haar wuchs nur noch an einigen wenigen Stellen. Der Rest sah aus, als wenn er bei lebendigem Leibe verwesen würde. Schorf und Eiter bedeckte die kahlen Stellen und unter der Haut pulsierte es so, als ob wirklich irgendetwas unter der Haut leben würde. Das waren wohl die sogenannten „Hauttiere“, die von Waergos Gesicht speisten und vor denen uns Ortnors neue Freunde gewarnt hatten.

Mit grimmigem Gesicht erhob Waergo seine Axt und sein Schild. Das Ne’ilurum, aus dem beides geschmiedet war, glitzerte beängstigend in dem schwachen Kerzenlicht des Raumes. Auch seine Rüstung bestand aus den Platten dieses seltsamen Unterreicherz. Er stellte sich Bargh, doch haftete sein Blick auf Ortnor und seine Augen lechzten nach dem Blut des Svirfneblin. Bargh versuchte den Moment auszunutzen und erhob sein geweihtes Schwert. Die Schatten begannen sich wieder zu entzünden und feuriger Odem tropfte wie Magma hinab. Barghs Muskeln spannten sich, als er die Klinge auf Waergo hieb, doch dieser brachte seinen Schild hervor. Waergos Lachen ging in dem Geräusch von Stahl unter, als das Schwert an dem Erz abprallte. Aber Bargh stand ihm nicht alleine gegenüber. Halbohr schaffte es sich hinter Waergo zu bewegen und stach zielsicher seine Dolche zwischen die Lücken seiner Rüstung, während ich selbst meine feurigen Pfeile auf ihn schleuderte. Waergo wendete sein Gesicht zu Halbohr und spie ihm ins Gesicht. Ich dachte erst, er wolle ihn nur verhöhnen, doch dann sah ich, dass sich in seiner Spucke eine weiße dicke Made befand, die jetzt versuchte durch die Glieder des Kettenhemdes von Halbohr zu gelangen. Dieser streifte sie, zum Glück für ihn, schnell genug ab und zertrat sie auf dem Boden.

Es entbrannte ein erbitterter Kampf. Waergo erwies sich als mächtiger Krieger. Geschickt wehrte die Hiebe von Bargh und auch die glitzernden Kugeln, die Ortnor auf ihn schleuderte, ab. Letztere zerplatzen mit einem Knall auf seinem Schild und liefen wie schwarzer Schleim herunter. Wieder und wieder hieb Waergo mit seiner Axt nach Bargh und viel zu oft schnitt die schwarze Klinge aus Ne‘ilurum in das Fleisch des Kriegers hinein. Ein besonders kräftiger Streich traf ihn in den Arm. Bargh schwankte und für einen Moment sah es so aus, als könnte er nicht einmal sein Schwert halten. Doch der schwarze Griff des Schwertes schmiegte sich wie von selbst um seine Hand. Aber auch Waergo wurde unseren Hieben und meinem Feuer verletzt. Es war Halbohr der ihm den hinterhältigen Todesstoß versetzte. Sein Dolch fand seinen Weg zwischen den Panzerplatten seiner Rüstung direkt in sein Herz. Er röchelte und fiel mit dumpfem Aufschlag auf den Boden - in die Lache seines eigenen Blutes.

Zeit zum Verschnaufen blieb uns jedoch keine. Schon kurz nachdem das letzte Zucken von Waergos totem Körper aufhörte, hörten wir von außen schon die Rufe der Wachen. Wir erstarrten alle, sahen wir uns doch schon mit der gesamten Minenstadt konfrontiert. Aber obwohl Ortnor ein widerlicher kleiner Wicht war, handelte er blitzschnell. Er schaffte es seine Stimme so zu verstellen, dass sie wirklich der von einem der Duergar ähnelte. Irgendetwas rief er in ihrer Sprache. Was es war konnte keiner von uns verstehen, aber offenbar gaben sich die Wachen damit zufrieden und kamen nicht in den Raum hinein. Dennoch durften wir keine Zeit verlieren. Schnell schafften wir die beiden toten Körper zusammen und versuchten zumindest die gröbsten Spuren des Kampfes zu beseitigen. Halbohr und Bargh zogen die beiden in das Gemach von Waergo hinein. Dieses Gemach schien das Zimmer eines Wahnsinnigen zu sein: Wände, die Decke, der Schrank, der hier stand und Stuhl und Bett waren mit schwarzer Farbe bemalt. Nur ein Tierfell auf dem Boden war aus reinstem Weiß, so dass es einen fast blendete. Eine weitere Türe führte aus dem Raum heraus. Doch wäre es Selbstmord gewesen, jetzt einfach ins Ungewisse zu stürmen. Bargh blutete aus einer Vielzahl von Wunden und konnte sich kaum auf den Beinen halten.

Mehr durch Zufall bemerkten wir lockere Bretter auf der Rückseite des Schrankes. Dahinter eröffnete sich eine geheime Kammer. Diese war zwar recht klein, aber nicht leer: Einige Säckchen lagen auf dem Boden und da war eine kleine abgeschlossene Schatulle, die kunstvoll mit Marmor verziert war. Halbohr vergaß wohl für den Moment die Gefahr, in der wir schwebten und widmete sich den Gegenständen. Dem Schloss der Schatulle schaffte er es zwar nicht habhaft zu werden, jedoch fand er in den Säckchen neben einer gewaltigen Menge von Münzen und Edelsteinen und einen kleinen Stab, der in Gänze aus einem roten Saphir bestand. Augenblicklich begannen Ortnors Augen zu blitzen: Dies war wohl eine der drei Kristallkomponenten, die auch in dem Brief von Adanrik erwähnt waren. Zumindest waren die Strapazen also nicht umsonst. Wir verschanzten uns zusammen mit den Leichen in der kleinen Kammer, verwischten unsere Spuren und brachten die Bretter wieder an. Mein Herz blieb fast stehen als, wir nach einiger Zeit wieder Stimmen hörten. Wachen der Duergar, die sich mit der Erklärung von Ortnor wohl nicht mehr zufriedengaben und nachschauten, was geschehen war. Doch fanden sie nichts oder ließen sich nichts anmerken. Wir hielten alle den Atem an und lauschten den Schritten und leisen Stimmen, bis sie nicht mehr zu hören waren. Ich kann nicht von mir sagen, dass ich besonders erleichtert war. Wusste ich doch nicht, was sie vielleicht gefunden haben und welche Schlüsse sie daraus zögen. Unsere Nerven waren alle bis zum Zerreißen gespannt. Ortnor begann sogar mit sich selbst zu sprechen. Besser gesagt, mit sich selbst zu streiten. Ob er die Karte in dem Tisch des Vorraums verstehen würde und dass er leise sein sollte. Wenn sein Verstand verliert, sollten wir uns von ihm trennen. Bevor er uns mit seinem Wahnsinn mitreißt. Aber später, erst mussten wir hier herauskommen. Ob es besser oder noch schlimmer werden würde, würde sich schon bald zeigen.​
 
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