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Buch Carolyn Ives Gilman - Dunkle Materie (Cross Cult)

Dieses Thema im Forum "Rezensionen" wurde erstellt von sonic_hedgehog, 20 Dezember 2017.

  1. sonic_hedgehog

    sonic_hedgehog Legat Warehouse 23 Rezensionsredaktion

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    Titel: Dunkle Materie
    Autor: Carolyn Ives Gilman
    Übersetzung: Markus Mäurer
    Aufmachung: Taschenbuch
    Seiten: 384
    Verlag: Cross Cult
    Erscheinungsdatum: 23.11.2016
    ISBN-13: 978-3-95981-150-7

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    Magister Saraswati Callicot ist gerade von einem Auftrag zurückgekehrt, als sie nicht nur feststellen muss, dass sich ihre Heimat erneut verändert hat, sondern dass auch ihr Ruf gelitten hat. Während ihrer Reise und damit in ihrer Abwesenheit wurde in einem Gerichtsprozess entschieden, dass ihre Forschungsergebnisse nicht unter Befolgung der zutreffenden Protokolle gewonnen wurden und somit ihr Urheberrecht aufgehoben ist. Der fällige Schadensersatz hat ihren Auftraggeber mehr als nur verärgert. Insofern bleibt ihr kaum etwas anderes übrig, als den ihr von ihrem alten Lehrer angebotenen Auftrag anzunehmen – auch wenn dies einen Zeitsprung von weiteren gut 100 Jahren bedeutet.

    Carolyn Ives Gilman wirft den Leser in eine anfangs verwirrende, aber dennoch faszinierende Welt. Die Menschheit hat sich im All ausgebreitet. Aktuell sind menschliche Ansiedlungen auf 20 Planeten bekannt. Allerdings waren vor Jahrhunderten von den Vorfahren der Menschen unbemannte Erkundungsschiffe auf die Reise geschickt worden – mit dem Untergang von Capella eins sind jedoch Informationen zu deren Zahl und Zielen verloren gegangen. Nun ist es über hundert Jahre her, dass zuletzt eines dieser Schiffe auf sich aufmerksam gemacht hatte, weil es einen bewohnbaren Planeten gefunden hat. Und selbst früher waren diese entdeckten Planeten meist bereits bewohnt, von Menschen an deren Existenz sich niemand mehr erinnerte. Nun wäre angesichts der Entfernungen eine solche Neuigkeit nur halb so viel wert, trügen die Schiffe nicht Lichtstrahlempfänger mit sich und damit eine Möglichkeit, von Menschen erreicht zu werden.

    Sara Callicot ist eine Vergeuderin, wie die Gruppe von Menschen etwas despektierlich genannt wird, die auf diesen Lichtstrahlen von Planet zu Planet reisen. Da eine solche Reise mit annähernder Lichtgeschwindigkeit erfolgt, kommt es zur Zeitdilatation – die Zeit, die für den Reisenden vergeht ist nur ein Bruchteil der Zeit, der für die Bewohner der Planeten vergeht. Die Vergeuder verlieren somit mit jeder Reise an Bezug zu Verwandten und Bekannten. Sara, die gerade von einer subjektiv 5 Jahre, objektiv 23 Jahre dauernden Reise zurückgekehrt ist, soll mit einem Team zu diesem Erkundungsraumschiff reisen – über 85 Lichtjahre, gleichbedeutend mit einer Reisezeit von 116 Jahren für externe Beobachter (ja – das ist nicht der gleiche Faktor). Dabei ist sie als Exoethnologin eigentlich gar nicht qualifiziert für diese Mission – der gefundene Planet scheint unbewohnt zu sein und ist insbesondere auch deshalb interessant, weil er in einer physikalischen Anomalie erhöhter Schwerkraft liegt, von der vermutet wird, dass für sie eine ungewöhnliche Ansammlung dunkler Materie verantwortlich ist. Jedoch soll Sara ein wachsames Auge auf eine junge Verwandte ihres Mentors haben, die aufgrund einer aus dem Ruder gelaufenen diplomatischen Mission mit einer neuen Aufgabe betraut, vulgo aus der Öffentlichkeit entfernt werden soll.

    Dunkle Materie ist der vierte Teil der Twenty Planets Reihe der Autorin, jedoch offenbar das erste auf Deutsch verlegte Buch. Mir ist bis dato unklar, inwiefern sich ein Teil der initialen Verwirrung nicht ergeben hätte, würde ich die anderen Teile kennen. Aufgrund der Inhaltsbeschreibung des ersten Bands Halfway Human, der 1999 offenbar Platz zwei der Leserumfrage des Locus Magazins belegte, vermute ich aber, dass all diese Romane zwar im selben Universum angelegt, aber eher lose verknüpft sind. Auch ist ein Teil meiner Verwirrung auf die Tatsache zurückzuführen, dass technische Details hier eher als Storyelemente zu werten sind und mitnichten mit den Augen der Hard-SciFi betrachtet werden sollten. Das beginnt mit den oben angeführten Zeitunterschieden, geht aber weiter. Einige Unklarheiten und (scheinbare?) Logikfehler werden (bewusst?) stehen gelassen – dies bewirkt eine gewisse Verfremdung, ob man es als störend empfindet, wird individuell unterschiedlich sein. Ist man sich dessen gewahr, kann man aber deutlich entspannter an die Sache herangehen. So ist das Reisen auf dem Lichtstrahl der Versuch, der Menschheit eine mit der Relativitätstheorie vereinbare, aber eben nicht perfekte Möglichkeit für lange Reisen zu geben – ohne dass viel Mühe darauf verwendet würde, die zugrundeliegende Technik zu erklären. Die Einsamkeit der Reisenden, die sich ergeben würde, wird dadurch gelindert, dass am Ziel die Möglichkeit zur Kommunikation in Nullzeit besteht – durch verschränkte Teilchen. Diese werden (gut verpackt) zeitgleich mit den Reisenden mit relativistischer Geschwindigkeit auf den Weg gebracht und müssen am Ziel „nur“ eingefangen werden. Storytechnisch führt das dazu, dass die Expeditionen nicht losgelöst von zuhause agieren können – technische Hintergründe bleiben aber im Vagen. Dennoch will ich die Autorin hierfür nicht geißeln, Ives Gilman versucht mit diesen technischen Aspekten wenigstens einigermaßen auf dem Boden der Physik zu bleiben – für ihre Geschichte ist die Reise und ein Großteil der Technik aber eben nur Mittel zum Zweck.

    Denn eigentlich geht es um das Ziel, um die Auswirkungen, die die mysteriöse und hier als fraktale Faltung der Raumzeit beschriebene dunkle Materie auf den Planeten und dessen doch vorhandene Bewohner hat und um einen Erstkontakt, der sicher nicht nach dem Lehrbuch verläuft (auch wenn man sich angesichts der begrenzten Zahl der Planeten fragt, ob es dafür wirklich Lehrbücher gibt). Und dieser Zweck lohnt die Lektüre: Ives Gilman stellt zwei Erzählstränge gegenüber –einen auktorialen Erzähler, der Sara Callicot begleitet und einen Ich-Erzähler, der die Perspektive Thoras, der jungen, abgeschobenen Adeligen einnimmt, die auf dem Planeten verloren geht. In beiden Strängen verbindet sich die persönliche Vergangenheit der Heldinnen mit der Gegenwart und auch die beiden Erzählstränge sind miteinander verwoben, obwohl sie sich stilistisch so stark unterscheiden, dass sie auch von zwei verschiedenen Autoren stammen könnten – der auktoriale Erzähler wirkt eher als Berichterstatter, der Ich-Erzähler hingegen schwelgt in einer phantasievollen, assoziativen Sprache. Die Protagonistinnen sind relativ starke Persönlichkeiten und beschäftigen sich mit sehr interessanten, teils schon philosophisch anmutenden Fragen wie, ob schon allein die Assoziation aufgrund derer wir neues benennen uns daran hindert, dieses neue wirklich zu beurteilen (hier im Kontext einer durch die dunkle Materie vollkommen fremdartigen Natur), ob im Sinne des aristotelischen Höhlengleichnisses unsere Sinne unsere Wahrnehmung bestimmen und welche Folgen dies für wirklich neue Phänomene und unserer Fähigkeit diese zu begreifen hat sowie die Frage, welche Folgen ein Leben unter vollkommen anderen Umständen, hier in aufgrund der fraktalen Faltung des Raums vollkommener Dunkelheit, auf Menschen hat und deren Fähigkeit zur Wahrnehmung. Sehr schön finde ich auch die Andeutungen, welche Folgen die Möglichkeit des Reisens auf dem Lichtstrahl für einen Gottesglauben hat – wenn der Mensch (wie auch bei Beamen) sich in Atome zerlegen und wieder zusammensetzen kann – wo bleibt dann eine Seele? Und selbst der leicht metaphysische Turn, den die Geschichte nimmt, ist eher gelungen als störend – zumal er mit der Frage, wie Erinnerung und Vorstellung die Realität auch die Erinnerten beeinflussen und inwiefern parapsychologische Phänomene nicht einen harten Kern haben könnten, die Grundidee des Romans abrundet. Für mich machte diese gelungene und erfrischende Kombination altbekannter Fragen und Überlegungen den Roman zu einem leserischen und geistigen Genuss.

    Ich muss zugeben, ich hatte den Crosscult Verlag bisher eher unter Comics und Serienromanen verbucht – insofern war ich überrascht, einen Roman wie Dunkle Materie auf seiner Backlist zu finden. Sollte ich in diesem Irrtum nicht allein sein, empfehle ich einen Blick auf den Internet-Auftritt des Verlags, der (neben den genannten Serien-Romanen) noch weitere angenehme Überraschungen im Genre Science-Fiction-Romane bereithält. Eine Leseprobe des Romans habe ich dort leider nicht gefunden, diese findet sich aber auf der Seite von Amazon:



    Aus meiner Sicht ist Carolyn Ives Gilmans Dunkle Materie ein gelungener Roman, der es, müsste ich eine entsprechende Liste erstellen, sicher nicht auf Platz 1 der Bücher schaffen würde, die ich 2017 gelesen habe, sicherlich jedoch in die Top10. Etwas überraschend allein ist der doch beachtliche Preisunterschied zwischen Taschenbuch und ebook.

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    [37//40] - Handlung
    [37//40] - Stil
    [09//10] - Aufmachung
    [08/10] - Preis/Leistungs-Verhältnis

    91% - gesamt
     
    Shadow gefällt das.

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