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Tufir

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Limit – Frank Schätzing

Wir schreiben das Jahr 2025 – nur wenige Jahre in der Zukunft und die Menschheit hat sich gewaltig verändert! China hat sich als wirtschaftliche Weltmacht etabliert und Peak Oil ist an uns vorüber gegangen. Dank den Erfindungen eines sowohl wirtschaftlich als auch technisch genialen Engländers namens Julian Orley. Er verwirklichte den Traum eines Weltraumfahrstuhls, entwickelte einen sauberen und serienreifen Fusionsreaktor, welcher mit Helium-3 betrieben wird, einem Isotop, welches man in rauen Mengen auf dem Mond finden kann. Zusammen mit den USA zieht er sein Weltraumprogramm durch und leitet die Menschheit in ein neues Zeitalter, in der die Mega-Öl-Konzerne nur noch eine Zwergenrolle spielen.

Nun wird es Zeit für einen zweiten Weltraumfahrstuhl, um den Energiehunger der Menschheit zufriedenstellend stillen zu können. Aus diesem Grund sammelt Julian Orley eine illustre Gesellschaft von Privatleuten um sich – jeder für sich ein mehrere Milliarden Dollar schwerer Tycoon –, um sich die entsprechende finanzielle Unterstützung zu sichern und lädt diese Gruppe von extremen Individualisten zu einem Mondurlaub ein, wo seine Tochter Lynn – ebenfalls mit von der Partie – ein Mondhotel gebaut hat.

Zeitgleich mit diesem Ereignis bemühen sich mehrere Parteien um die Aufklärung eines Mordversuchs an einem Manager des größten existierenden Ölkonzerns EMCO, Gerald Palstein, der seine Abbaufelder schließen lässt und versucht, seiner Firma eine Beteiligung an Orley Enterprises als Alternative schmackhaft zu machen.

Derweil versucht der in Shanghai lebender Engländer, Owen Jericho, als Cyber-Detektiv im Auftrag seines Freundes Tu Tian, seines Zeichens Geschäftsführer und Inhaber einer Technologiefirma, eine chinesische Dissidentin mit Namen Yuyun, genannt Yoyo, vor dem Zugriff eines wahnsinnig erscheinenden Auftragskillers zu schützen.

Drei Romane in einem Band. Dies ist der Eindruck, den der Leser bekommt, wenn er Schätzings Roman zu lesen beginnt. Und dieser Eindruck wird ihn für 700 von 1300 Seiten nicht verlassen. Kunstvoll gelingt es dem Autor, die Erzählstränge getrennt zu halten, ohne dem Leser das Vergnügen an seiner Erzählung zu rauben. Akribisch baut er jeden einzelnen seiner weit über 10 Protagonisten und Antagonisten auf und versteht es, dem Konsumenten seines Werkes mit einer fast schon sadistisch anmutenden Perfektion, das Zueinanderfinden der einzelnen Bruchstücke vorzuenthalten. Dabei wechselt er bei jedem Erzählstrang auch den Stil seiner Sprache. Während er beim Spiel um die Flucht der Chinesin vor ihrem Killer eine fast schon brutale und blutige Slangsprache an den Tag legt und die Aufklärung des Palstein-Attentats eine bürokratische Nüchternheit eines deutschen Krimis widerspiegelt, erreicht die Beschreibung der Mondtouristen für Sci-Fi oder Action Fans an manchen Stellen durchaus die Schwelle eines zum Erbrechen neigenden Kitsches.

Die Sonne vergeudete sich in Gold und Rot, bevor sie sich im Meer ertränkte!
Die Vielfalt der Charaktere, deren Hintergründe, ihre Handlungsmotive werden nach und nach vom Autor eingeführt und für den Leser durchleuchtet, der somit eine Unmenge an Identifikationspotential erhält. Der selbsternannte Perfektionist Schätzing glänzt mit Beschreibungen von Gegenständen, Landschaften auf dem Mond oder in Shanghai, politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen, die alle ihren Ursprung in unserer eigenen Realität haben. Ob Barack Obama, Angela Merkel, die Wirtschaftskrise 2009, der Banken-Beinahe-Crash, China als aufstrebende Wirtschaftsmacht mit ihrem Ressourcenhunger, Afrika als das Land in dem sich die großen Mächte ihre versteckten Kriege liefern, Schätzing verarbeitet alles, was man in den letzten beiden Jahren irgendwie in den Nachrichten zu hören bekam. Er ist sich dabei nicht zu schade Spitzen und Speere in alle Richtungen zu werfen, sei es gegen die Schweizer Neutralität, die deutsche Gründlichkeit oder die US-amerikanische Überheblichkeit und vieles andere mehr. Der Roman quillt nur so über vor versteckten Anspielungen auf Personen und Ereignisse unserer Neuzeit.

Nachdem der Leser dann 700 Seiten lang drei fast gänzlich getrennte Erzählungen genossen hat, führt der Autor schließlich ganz langsam aber sicher die Geschichten und seine Protagonisten zusammen. Und hier offenbart sich erneut die Perfektion des Schreibers in dem er der Spannung einen neuen Schub verpasst, sie in ungeahnte Höhen katapultiert und dafür sorgt, dass sich der Leser am Buch und in seinem Sessel festkrallt, in der Erwartung auf der nächsten Seite wenigstens mit einem Fetzen an Erkenntnis erlöst zu werden. Doch Schätzing ist unerbittlich. Weitere 300 Seiten jagt eine Vermutung nach der anderen durch des Lesers Gehirn, ohne der Wahrheit auch nur ein Stückchen näher zu kommen. Ein Protagonist nach dem anderen gerät ins Visier, einer der Bösewichte zu sein und als sich schließlich die Schleier nach insgesamt 1000 Seiten allmählich heben, packt er noch einen neuen Packen drauf und wird zum Action-Spezialisten, mit welcher er dann noch weitere 250 Seiten füllt, bevor er dann auf den gerade mal letzten 70 Seiten das gesamte Rätsel entschleiert. Wer allerdings befürchtet, hier auf eine in Autorenkreisen weit verbreitete Unart zu stoßen, jetzt schnell zu Ende kommen zu müssen, wird positiv enttäuscht werden. Schätzing gelingt es, sein Werk zu einem schlüssigen und guten Ende zu führen, ohne an der Geschwindigkeitsschraube drehen zu müssen.

Wo Licht ist, ist auch Schatten. Und wo Sci-Fi drauf steht ist nicht immer Sci-Fi drin. Obwohl in der Zukunft angesiedelt und mit diversen technischen Dingen ausgestattet, die es heute allenfalls in der Schublade einiger genialer Erfinder existieren, ist Schätzings Roman in manchen Augen sicherlich „nur“ ein Krimi der besonderen Art. Manch hart gesottener Fan mag sich auch die Augen reiben ob seitenlanger Abrisse von politischen Entwicklungen in afrikanischen Staaten und der Beschreibungen von im wahrsten Sinne des Wortes staubtrockenen Mondlandschaften. Aber das tut dem Gesamtwerk keinen Abbruch und der Roman hat sicherlich seinen Platz im deutschen Belletristik Olymp verdient!

Attribut: Sehr empfehlenswert!


Viel Spaß beim Schmökern wünscht
Euer Tufir


Frank Schätzing (* 28. Mai 1957 in Köln) ist ein deutscher Schriftsteller. Er studierte Kommunikationswissenschaft und war lange in der Werbebranche bei Warner als Creative Director tätig. Unter anderem war er Geschäftsführer der von ihm mitbegründeten Kölner Werbeagentur Intevi. Seit Beginn der 1990er Jahre ist er als Schriftsteller in Erscheinung getreten. Nach einigen Novellen und Satiren veröffentlichte er 1995 erstmals einen historischen Roman mit dem Titel Tod und Teufel. 2000 folgte der Politthriller Lautlos.
Nachdem fünf seiner Bücher unter dem Etikett Köln-Krimi im Emons Verlag veröffentlicht wurden, wechselte er mit dem Konzept des Wissenschaftsthrillers Der Schwarm zu Kiepenheuer & Witsch. Mit Der Schwarm, in dem eine unbekannte intelligente Lebensform aus der Tiefsee die Lebensgrundlagen der Menschheit bedroht, feierte Schätzing 2004 seinen bisher größten Erfolg. Plagiatsvorwürfe, nach denen Schätzing Teile seines Buches wortwörtlich abgeschrieben haben soll, konnten nicht nachgewiesen werden, entsprechende Ermittlungen wurden eingestellt. Im Frühjahr 2006 sicherten sich Uma Thurman sowie Ica und Michael Souvignier die Filmrechte an dem Buch. Die Verfilmung soll 2011 erscheinen. Produzenten sind Dino de Laurentiis (King Kong) und seine Tochter Martha. Das Drehbuch verfasst Ted Tally (Das Schweigen der Lämmer).
Schätzings Werken war bis zum Erscheinen von Der Schwarm eher geringer und lokaler Erfolg im Raum Köln beschieden. Nach dem Erfolg dieses Romans hat jedoch der Goldmann Verlag die Taschenbuch-Rechte an den vorherigen Werken für eine Neuauflage erworben. Seine Bücher Die dunkle Seite und Mordshunger wurden im Auftrag von RTL verfilmt und dort auch ausgestrahlt. Inzwischen sind sie auch auf DVD erhältlich.
Laut eigener Aussage entspricht die Idee zum thematischen Aufbau seiner Bücher oft persönlichen Interessengebieten und langjährigen Hobbys, seien es das Meer und das Tauchen, die Geschichte seiner Heimatstadt Köln oder internationale Politik. Außerdem unterstützt Schätzing mit Benefiz-Lesungen und als Beirat von Deepwave e. V., einer Initiative zum Schutz der Hoch- und Tiefsee und einigen Delfinschutzprojekten, zahlreiche Umweltprojekte.
Frank Schätzing ist verheiratet mit Sabina Valkieser-Schätzing (die in der Hörbuchfassung von Der Schwarm Tina Lund spricht) und lebt in Köln.


Mein Dank geht an den Verlag Kiepenheuer & Witsch, der uns diese Rezension ermöglichte.
 

sonic_hedgehog

Priester
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AW: Limit

Nachdem ich ja von Der Schwarm weitgehend begeistert war, habe ich mich letztlich auch mit Limit auseinandergesetzt. Allerdings komme ich zu einem etwas anderen Schluss als Tufir:

Schätzing weiß, wie man eine Geschichte konstruiert. Zwei scheinbar unabhängige Plots, die sich über fast zwei Drittel des Buches entwickeln, schließlich konvergieren und eine Verschwörung erster Klasse offenbaren. Bei einem Gesamtumfang von 1300 Seiten eine Geschichte ohne wirkliche Logiklöcher und Anschlussfehler zu schreiben ist großes Handwerk. Kunst wäre es, den Spannungsbogen über die gesamte Strecke aufrecht zu halten und den Leser bei der Stange zu halten. Das gelingt Schätzing aber nur teilweise: deN Spannungsbogen zu halten, ist eine seiner leichtern Übungen (auch wenn er dafür mitunter das Vertraune des Lesers in den Erzähler missbraucht, s.u.), verliert aber mitunter auf dem Weg seine Leser. Dafür gibt es mehrere Gründe:
Zum einen erzählt er sehr auschweifend - Tufir erwähnte bereits die seitenlangen Abrisse afrikanischer Geschichte. Vielleicht hätte man da kürzen können und mehr dem Allgemeinwissen des Lesers vertrauen können, gravierend finde ich das aber nicht.
Schmerzlicher ist, dass Schätzing nicht loslassen kann. Er kann einfach keine Szene überspringen - jede Kleinigkeit muss beschrieben werden. Ein Beispiel:
Ein Killer hat, da ihm die Protagonistin im letzten Moment von der Klinge gesprungen ist, zu Plan B gegriffen und ihren Vater als Geisel genommen. Als sie versucht, ihren Vater anzurufen, hebt daher statt diesem der Killer ab und kündigt das schlimmste an, sollte sie nicht mit den gewünschten Informationen in die Wohnung ihres Vaters kommen. Das können die Protagonisten so nicht geschehen lassen und planen eine Geiselbefreiung. Gespannt blättert der Leser um, doch statt nun weiter Plan und Ausführung zu erzählen, wechselt Schätzing über in die Wohnung der Geisel und schildert das Geschehen zwischen Geisel und Geiselnehmer. Dieses ist jedoch weder für die Handlung wichtig, da sich die beiden nach dieser Szene nie mehr begegnen werden, noch für die Charakterisierung der Figuren, da beide zu diesem Zeitpunkt bereits hinreichend bekannt sind. Analoge Szenen gibt es viele im Buch, immer wieder unterbricht er den Handlungsfaden und wechselt die Szene, bis man sich als Leser dabei ertappt, angesichts von 'zig Cliffhangern nach vorne zu blättern um wenigstens zu ahnen, wie es weiter geht. Eine stärkere Straffung hätte dem Roman da sicher genutzt, so fühlen sich die 1300 Seiten mitunter auch 1300 Seiten an.
Trotz allem ist die Geschichte spannend, ich war nie willens, das Buch beiseite zu legen. Nur habe ich mir mehr als einmal gewünscht, der Autor wäre fokussierter gewesen.

Richtiggehend verärgert war ich jedoch darüber, dass sich Schätzing nicht zu schade ist, durch bewusste Irrefühung des Lesers Spannung zu erzeugen. Ein Beispiel ist eine Szene, in der einer der chinsischen Protagonisten in die Hotelzimmer zurückkehrt um sein Mobiltelefon zu holen. Gleichzeitig dringt auch sein Verfolger in die Zimmer ein und überrumpelt den dort anwesenden Asiaten - wie man einge Seiten später aber erfährt nicht den Chinesen sondern den Roomservice. Wäre der Erzähler als unzuverlässiger Erzähler angelegt, wäre dies ein legitimes Stilmittel - im vorliegenden Fall jedoch ist es in meinen Augen unangebracht.

Insgesamt ein guter Roman, der leider zu lang gedeht wurde und für den man daher die notwendige Ruhe und Geduld mitbringen sollte.
 

Voltan

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AW: Limit

Richtiggehend verärgert war ich jedoch darüber, dass sich Schätzing nicht zu schade ist, durch bewusste Irrefühung des Lesers Spannung zu erzeugen. Ein Beispiel ist eine Szene, in der einer der chinsischen Protagonisten in die Hotelzimmer zurückkehrt um sein Mobiltelefon zu holen. Gleichzeitig dringt auch sein Verfolger in die Zimmer ein und überrumpelt den dort anwesenden Asiaten - wie man einge Seiten später aber erfährt nicht den Chinesen sondern den Roomservice. Wäre der Erzähler als unzuverlässiger Erzähler angelegt, wäre dies ein legitimes Stilmittel - im vorliegenden Fall jedoch ist es in meinen Augen unangebracht.
Gerade diese Szene fand ich wiederum sehr gut. Wenn ich bei einem Autor mit einem solchen Stilmittel rechnen muss, weil er als "unzuverlässiger Erzähler" angelegt ist, würde diese Szene so nicht funktionieren WEIL ich damit rechne!
Aber gerade weil die Szene so gar nicht zu Schätzings Schreibstil passte, funktionierte sie tadellos. Ich war jedenfalls überrascht, verwirrt und dann erleichtert und genau so sollte es ja auf den Leser wirken.

Natürlich zieht sich Limit an einigen Stellen (war ja beim Schwarm stellenweise auch so). Aber auf der anderen Seite gab es eine spannende und hochaktuelle Story, sehr interessante Einblicke auf das Leben im Mond und auf die nahe Zukunft unserer Erde. Es gab etwas "Hightech"-Spiellzeug und viel Action. Mir hat Limit SEHR gut gefallen. Nur geringfügig schwächer als "Der Schwarm", stellt es einen absoluten TOPTITEL dar!

Gruß
Voltan
 
R

Raya

Gast
AW: Limit

Hallo,

also mir hat das Buch auch sehr gut gefallen, mich faszinierten vor allem Schätzings Sprache, seine Perfektion und die Bezüge zum Zeitgeschehen.
Was mich ein bisschen gestört hat, war die hohe Sterberate der Haupt- und Nebenfiguren.
Trotz aller Spannung weist das Buch Längen auf, das ist nicht zu bestreiten, allerdings war ich durch den "Schwarm" da auch schon vorgewarnt. Es ist eindeutig kein Buch um mal eben fünf Seiten vor dem Einschlafen zu lesen (ich hatte es als Urlaubslektüre dabei und konnte so dranbleiben).
Was ich übrigens interessant finde: vor ein paar Wochen kam die Galileo-future-Woche mit einem Beitrag über ein Forschungsprojekt an der TU München, die tatsächlich an einem Weltraumfahrstuhl arbeiten (immerhin schaffen sie schon ca. 15 m in die Höhe). Der Bericht ist auf der Homepage von Pro7 auch noch abzurufen.

Lg
Raya
 
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