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Shadowrun [Kurzgeschichte] - Hamburg bei Nacht

Mordecai

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Der Regen klatschte in prasselnder Intensität gegen die Windschutzscheibe seines Vans und der Scheibenwischer hatte Mühe die Wassermassen sichtschaffend von derselben zu fegen. So spät nachts noch unterwegs zu sein widerstrebte ihm immer. Und dann immer dieser Regen. Es kam ihm vor als würde es das ganze Jahr über ausschließlich regnen. Er erkannte die Ironie, die einen Keil zwischen seine Berufsbezeichnung und die Abneigung gegen Dunkelheit trieb und grinste. Mit jedem Kilometer den er durch diese pulsierende Stadt, diesen utopischen Traum aus Schutt und Asche machte, stieg die Anspannung die ihn immer vor dem Treffen mit dem Schmidt heimsuchte. Er sah auf die Uhr: „Noch genug Zeit“, dachte er. „Pünktlichkeit ist wichtig“, sagte er sich selbst, „vor allem wenn man einen neuen Schmidt kennenlernt“. „Und wer waren wohl diese Leute, von denen Jinx am Kom sprach“, redete er in sich hinein. Sie sagte, er würde diesmal nicht alleine arbeiten. Auch das widerstrebte ihm. „Ob die anderen auch bei dem Treffen dabei wären?“ fragte er sich. Für ihn hießen mehr Leute immer ein größeres Risiko – für ihn. Er hatte schon zu vielen Leuten ans Bein gepisst um sich den Luxus leisten zu können unvorsichtig zu sein. Doch dem Schmidt quer zu kommen kann noch gefährlicher sein als ein Team, das man nicht kennt. Er strich sich mit der rauen Hand über die Narbe am Kinn und die Erinnerung an seine wilde, impulsive Zeit als Anfänger fuhr ihm wie ein Pistolenschuss durch den Kopf. Er stieß einen erleichterten Säufzer aus, denn anders als sein Freund Fozzie hatte er damals, durch einen schlecht ausgeführten Schwerthieb, nochmal eine zweite Chance bekommen. Die Lichter der bunten Läden in den Straßen spiegelten sich in den Scheiben seines Wagens, während er in Gedanken versunken immer weiter fuhr.

Eine rote Ampel signalisierte ihm, dass er anzuhalten habe. Nachdem der Wagen zum stehen gekommen war, nutzte er die Gelegenheit sich eine Zigarette anzuzünden und noch einmal auf die Uhr zu schauen. „Viertel nach 2. Eine viertel Stunde noch“, sagte er sich mit der Zigarette im Mundwinkel. Er sah in den Rückspiegel. Zwei Motorräder hielten nebeneinander hinter seinem Van. "Verdächtig? Mh, nein." Er malte sich trotzdem in Gedanken aus, wie die Situation enden könne, sollten diese beiden Motorradfahrer den Auftrag haben ihn zu töten. Sie könnten von der Opposition seines letzten Auftraggebers stammen. Er zog an seiner Zigarette, legte den Kopf zurück an die Kopfstütze und sagte sich „Mit denen werde ich fertig“. Danach verschwamm seine Sicht kurz und er wechselte sein Sichtfeld mit dem der Fahrzeugkameras. Durch das klatschende Geräusch, welches der Regen machte, während er auf dem Autodach aufschlug und durch die Helme der Motorradfahrer konnte er kaum etwas verstehen, darum schaltete er die Geräuschverbesserung der Heckkamera ein. Nun konnte er immerhin Gesprächsfetzen verstehen. Er erkannte „…dunkelbrauner Van…alter Sack…gegeekt“ „sicher…der hier…ist?“ „Ja.“ Die vorherige Anspannung die durch das bevorstehende Treffen mit einem neuen Schmidt und einem unbekannten Team hervorgerufen wurde, löste sich zugunsten eines langsam einsetzenden Adrenalinschubs in Wohlgefallen auf. Er bekam Gänsehaut. Noch einen Augenblick, der für ihn nicht mehr war als ein Augenblinzeln, stand die Ampel auf Rot. Als sie auf grün schaltete trat er das Gaspedal durch und beschleunigte den gepanzerten Van so schnell es eben ging. Er wusste, wenn er stark lenken musste war er geliefert, denn die Traktion seiner Reifen war bei nasser Straße mehr als suboptimal.

Die Motorräder beschleunigten, so kam es ihm jedenfalls vor, um ein hundertfaches schneller als sein Wagen und genau in diesem Moment wusste er, dass er gejagt wurde. Er hatte sich nicht verhört. Die beiden Fahrer schossen auf ihren Maschinen an ihm vorbei und einer der beiden warf Spikes auf die Straße. „Ha, Zwecklos!“, sagte er mit angestrengter Mine, die beiden Motorräder im Blick, bereits auf Schwachstellen untersuchend. Die drei Fahrzeuge rasten mit hoher Geschwindigkeit durch die Straßen Hamburgs.

Es dauerte einen Moment bis er drauf kam: „Motorhöld Kage-II, genau! Extreme Power, aber schwer zu bändigen“ Die Erinnerung an den Artikel, den er vor ein paar Monaten in der Fachzeitschrift `Biking 2-Day` las, ploppte wie ein Spam-Popup im AR-Modus vor seinem geistigen Auge auf. Und der Regen könnte ihm hier ebenfalls behilflich sein. Während er noch überlegte wie er die beiden Widersacher loswerden könne, begannen diese mit Maschinenpistolen auf den Van zu schießen. Die Kugleln bohrten sich ihren Weg durch nur wenige Millimeter der dicken Panzerglasscheibe. Es zwickte ihn ein wenig im Nacken. Er wusste, dass er sich etwas einfallen lassen müsse. Er holte zum Gegenschlag aus und beschleunigte. Die beiden Motorräder beschleunigten während des Schießens mit und wichen schließlich einem Kleinwagen vor ihnen, der gerade zum rechtsabbiegen auf eine Kreuzung fuhr aus. Doch der Kleinwagen wurde durch den Aufprall des tonnenschweren Vans wie eine Kanonenkugel beschleunigt, schoss über die Kreuzung, traf einen Biker und holte diesen mit titanischer Gewalt von seiner Maschine. Der Kleinwagen fuhr über das Motorrad, kippte um und landete direkt auf dem Biker den es vorher vom Motorrad geschleudert hatte. Eine tiefrote Schleifspur ereignete sich auf dem Asphalt und kurz darauf explodierte der Kleinwagen in einer großen Explosion. Der Van raste, beinahe unbeeindruckt von dem ganzen Geschehen, donnernd über die Kreuzung und jagte dem verbliebenen Motorradfahrer hinterher.

Dieser warf seine Maschinenpistole weg, holte einen kleinen grauen Ball aus seiner Motorradtasche und warf ihn kurz darauf auf das Auto. Der Ball traf den Van am Seitenspiegel und zermatschte dort leicht. Durch eine der Fahrzeugkameras konnte er einen Zeitzünder in dem kleinen grauen Matschfleck am Spiegel erkennen. „9“ Er musste den Sprengstoff loswerden. „8“ Und zwar schnell. Der Motorradfahrer schlängelte sich seinen Weg durch die anderen Autos. „7“ Ein LKW auf der Linksabbiegerspur. „6“ Doch zu viele Autos dazwischen. „5…Egal, jetzt oder nie“, dachte er und beschleunigte. „4“ Er rammte zwei Autos von der mittleren und rechten Spur und bahnte sich so mit metallisch, schrillem Quietschgeräusch einen lackabschürfenden Weg zwischen den anderen beiden PKWs hindurch. „3“ Der LKW machte Anstalten links abzubiegen. „2“ Der Bordcomputer meldete eine Gefahrenwarnung, da die Schriftanalyse ergeben hatte der es sich bei dem LKW um einen Tanktransport mit Wasserstoff handelte. Er fuhr sich den linken Seitenspiegel an dem Tanker ab. „1“ Hoffentlich reicht die Zeit noch um sich...

Eine gigantische Explosion fegte mit einem Mal die gesamte Kreuzung leer. Sein Van überschlug sich mehrere Male, doch der stahlverstärkte Überrollkäfig vermochte es, größere Schäden am Innenleben zu verhindern bis der Van auf dem Dach liegend zum Stillstand kam. Er hörte nur dumpfe Geräusche und seine Sicht war verschwommen. "Also lebe ich noch.", dachte er holpernd. Er schleppte sich aus seinem Auto und schaffte es sich auf den Grünstreifen in der Straßenmitte neben seinen zerstörten Wagen zu setzen. Warmes Blut lief ihm aus einer Platzwunde an der Stirn ins Auge. Der Regen sekundierte prasselnd die Szenerie in der brennende Autos neben gaffenden Menschen standen und die ersten Drohnen der Journalisten auftauchten. Beim Blick auf seine Uhr merkte er, dass das Display gebrochen war. Er konnte noch „:27“ erkennen. Drei Minuten hatte er noch. Der kontrollierende Griff in die Manteltasche ergab, dass sein Kommlink noch ganz war. Das Navigationssystem zeigte, der Treffpunkt mit dem Schmidt sei direkt in der Nebenstraße der Verkehrskatastrophe. Er zündete sich wieder eine Zigarette an und machte sich auf den Weg.
Um „:29“ stieß er die Tür des Atra-Eck auf und betrat die Kneipe als wäre nichts passiert. Als wäre sein Van noch ganz. Als hätte er keine Platzwunde an der Stirn. Als hätte es keinen Mordanschlag auf ihn gegeben. Der Wirt sah ihn an und warf ihm wortlos ein versifftes Putztuch zu. Dann trat er hinterm Thresen hervor und lotste ihn ins funzelig beleuchtete Hinterzimmer und bedeutete ihm, er solle Platz nehmen. Er nahm Platz und seufzte.
„:30“ ging die Tür hinter ihm auf.
 
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