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Brettspiel Kingsport Festival

Luzifer

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Titel: Kingsport Festival
Autor: Andrea Chiarvesio und Gianluca Santopietro
Spieleranzahl: 3-5
Altersempfehlung: ab 13 Jahren
Spieldauer: 90-120 Minuten
Verlag: Kosmos
Erscheinungsdatum: Juli 2014
ASIN: B00L16WZO6
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Im Internet kursieren Witze, dass man jedem beliebigen Brettspiel lediglich das Thema „Cthulhu“ (basierend auf den Geschichten von Howard Phillips Lovecraft und anderen Autoren) überstülpen muss, um es aufzuwerten bzw. einem breiten bestehenden und obsessivem Publikum von Mythosanhängern schmackhaft zu machen. Diese Vermutung könnte man hier auch anstellen, da die Spielmechaniken von Kingsport Festival (KingsPORT gelesen – die Hälfte meiner Mitspieler dachte zunächst an ein SPORTspiel für Könige ;) ) dem bereits etablierten Brettspiel „Kingsburg“ entnommen wurden. Dieses hat durch die selbigen Autoren ein Facelift und ein gewisse Regelanpassung erhalten.

Das Spiel basiert in seiner Thematik auf der Kurzgeschichte „Das Festival“ von H.P. Lovecraft. In dieser kehrt ein Mann in die Stadt seiner Ahnen zurück: Kingsport. In welcher er an einem schauerlichen Ritual teilnimmt, das die Grenzen seines Verstandes zu überschreiten vermag.
Die erste Überraschung bei der Lektüre des atmosphärisch dicht gestalteten Regelheftes: Die Spieler verkörpern die Bösen! Kultisten, die es zum Rang eines Hohepriesters eines kosmischen Schattenkultes geschafft haben und die Vernichtung der Welt wie wir sie kennen im Sinn tragen. Bei anderen Spielen mit dieser Thematik (z.B. Villen des Wahnsinns, Arkham Horror, etc.) muss man sich damit begnügen als Ermittler genau diese Entwicklung zu verhindern. Bei Kingsport Festival sind die Ermittler die Gegner. Eine sehr erfrischende Ausgangssituation.

Die weiteren Spielmaterialien sind von ordentlicher Qualität. Das große Spielbrett mit den Gebäuden, welche die wichtigsten Punkte in Kingsport darstellen, besteht aus dickem Karton. Die 20 Tafeln der Großen Alten, die im Spiel beschwört werden können, sind dagegen aus dünnem Karton. Sie bleiben im Spiel zwar grundsätzlich an Ort und stelle, weswegen eine Abnutzung sich in Grenzen hält, jedoch wäre auch hier dickeres Material schön gewesen. Darüber hinaus sind die Handkarten (Ermittler, Zaubersprüche, etc.) griffsicher und widerstandsfähig sowie anschaulich gestaltet. Die Ressourcen, mit welchen die späteren eigentlichen Spielmechanismen durchgeführt werden, sind aus Holz und abnutzungsresistent.

Das Spiel ist sehr geradlinig aufgebaut. Es gliedert sich für die drei bis fün Spieler in zwölf Runden, welche für die Monate eines Kalenderjahres stehen. Jede Runde besteht aus sechs Phasen:
  1. Zugreihenfolge bestimmen
  2. Beschwörung
  3. Belohnung
  4. Ausbreitung
  5. Angriff
  6. Zeit
Das Spielsystem kann man derart zusammenfassen:

Mit drei jeweils zugeteilten Würfeln bestimmen die Spieler in welcher Reihenfolge man dran ist (Phase 1). Die Augenzahlen der Würfel dienen darüber hinaus für den Einfluss bei der Beschwörung von Großen Alten. Mit höheren Würfen kann man mächtigere Große Alte Beschwören, z.B. mit einem Wurf von 15 den Großen Cthulhu (Phase 2). Dabei kann jede Kreatur nur einmal beschworen werden. Die Großen Alten statten die Spieler mit unterschiedlichen Ressourcen und Zaubersprüchen aus (Phase 3). Diese Ressourcen werden benötigt um Gebäude auf dem Spielplan zu beziehen (Phase 4). Durch diese Gebäude erhält der Spieler nicht nur Erleichterungen für die weiteren Spielrunden, sondern auch Siegpunkte. Und wer nach Ablauf der 12 Runden die meisten Siegpunkte erreicht hat, gewinnt das Spiel.

Zwischendurch können Ermittler angreifen, dies geschieht allerdings nur in vier von zwölf Spielrunden und man kann und muss sich darauf vorbereiten (Phase 5). Schließlich wird der Zeitmarker um einen Monat vorgerückt (Phase 6) und die nächste Runde beginnt mit Phase 1.

Das Spiel kann zusätzlich durch sogenannte „Szenarien-Karten“ gewürzt werden. Diese verändern für das gesamte Spiel einzelne Regeln z.B. dass die Ermittler stärker werden und Cthulhu leichter beschworen werden kann. Zusätzlich wird am Ende des Spiels eine „Festivalkarte“ aufgedeckt, die bereits zu Beginn blind gezogen wurde. Diese birgt zum Abschluss nochmal zusätzliche Möglichkeiten Siegpunkte zu erringen. Jedoch kann sie ein wahres Pulverfass sein, welche die Punktereihenfolge gehörig aufmischen kann, wie später noch erläutert wird.


Kritik

Kingsport Festival greift auf höchst stimmige Weise den Cthulhu-Mythos auf und zaubert eine dichte Atmosphäre auf den Brettspieltisch. Die Texte und die Grafiken sind liebevoll schauerlich gemacht und fördern maßgeblich das Horror-Ambiente.

Das Spielsystem ist linear aufgebaut und sehr schnell erlernt. Die geradlinigen Regeln machen das Spiel äußerst flüssig. Mit fünf Spielern sollte man dennoch ca. zwei Stunden einplanen. Mit weniger Spielern schaffen es eingespielte Kultisten auch in 90 Minuten. Aufgrund der Tatsache, dass bei mehr Mitspielern die Möglichkeiten der Beschwörung eingeschränkt sind (Worker Placement), werden diese Phase und die darauf aufbauenden Konsequenzen interessanter. Somit empfiehlt es sich mit möglichst vielen Hohepriestern zu messen.

Ein Knackpunkt bei Kingsport Festival ist der große Faktor Zufall. Eine komplette Spielrunde ist von dem Würfelwurf in der ersten Phase abhängig. Mit wenigen Würfelaugen können nur schwache Monster beschworen werden, die wenig Ertrag bringen. Ein kleiner Silberstreif am Horizont ist hierbei, dass man dafür früher dran ist. Aber was bringt dies, wenn man die coolen kosmischen Grauen nicht erreichen kann. Wenigstens heilen die ersten beiden Kultisten Geistige Gesundheit, auf die man im Spielverlauf dringend achten sollte um manches Unheil von sich abzulenken. Schließlich frustrieren dabei mehrere aufeinander folgende niedrige Würfelwürfe. Im „Jahresverlauf“ eines Spiels jedoch hat sich meistens gezeigt, dass alle Kultisten mal besser und mal schlechter würfeln. Für unsere Spielrunde aber ein echtes No-Go war die Festivalkarte! Nach Abschluss aller Runden wird sie gezogen und gibt zufallsbasiert vor, wofür die Spieler nochmals Siegpunkte erhalten. Hierbei ist das Feld der Möglichkeiten derart weit gestreut, dass man im Spiel nicht mal ansatzweise die Chance hat, alle Eventualitäten zu bedenken geschweige denn vorzubereiten. Darunter könnte sein: Magiepunktestand, Stand der Geistigen Gesundheit, Anzahl an Ressourcen, und vieles andere. Aufgrund des fehlenden Einflusses auf diesen Chaosfaktor war trotz guten, taktischen Spiels nicht immer der verdiente Hohepriester der Sieger. Deshalb haben wir für uns beschlossen, die Festivalkarte wegzulassen, was zu einer klaren Relativierung des Glücksfaktors geführt hat und die strategische Komponente des Spiels aufwertet. Dies muss jedoch jeder selbst entscheiden.

Noch ein kleiner Schatten auf dem Spielbrett ist eine gewisse fehlende Übersicht bei anhaltendem Spielverlauf. Die Gebäude, die man in Kingsport besetzt verleihen Kräfte und erleichtern z.B. Beschwörungen, geben Stärke im Kampf gegen Ermittler oder das Wirken von Magie. So weit so gut. Jedoch muss man permanent darauf achten, welche Gebäude welche Art von Unterstützung bieten und dazu noch in der entscheidenden Situation daran denken. Dies wurde mehr als einmal pro Spiel vergessen.


Fazit

Von dem (teilweise beherrschbaren) Glücksfaktor und der Übersicht des Spielbretts mal abgesehen bietet Kingsport Festival einen kurzweiligen Spielabend mit dichter Horror – Atmosphäre, die nicht nur Lovecraft-Fans zu begeistern vermag. Die Widerspielbarkeit ist hoch, da Unterschiedliche Szenarien, Ermittler und Ereignisse die Hürden für die Kultisten immer wieder verändern, während die Spieler von Runde zu Runde ihre Strategie an die aktuellen Ressourcen und Gebäude anpassen können. Die Cthulhu-Version von Kingsburg macht Anhängern des Mythos natürlich aufgrund der Thematik deutlich mehr Spaß. Wer keines der beiden Spiele kennt, hat die freie Wahl, welches Motiv obsiegt. Kingsport Festival bietet hier vermutlich mehr Stimmung, während Kingsburg etwas mehr Übersicht verspricht. Die Mechanismen sind jedenfalls weitestgehend identisch.

Als Lovecraft-Jünger ist für mich die Wahl sehr leicht gefallen und Kingsport Festival wurde mein Favorit.



Diese Rezension entstand in freundlicher Zusammenarbeit mit dem Kosmos-Verlag.

Auf der Homepage des Verlages sind neben einigen Bildern auch die Regeln des Spiels herunterzuladen.

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[36/50] - Spielspaß
[15/20] - Spielthema/-regeln
[14/20] - Ausstattung
[6/10] - Preis/Leistungs-Verhältnis
71% - Gesamt

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