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Screw

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Dungeons & Dragons 5 - Dunkle Feder - Teil 5.1 "15 Wahrheiten"

Die Abenteurer bleiben vier Wochen. Sie erzählen von ihren Erlebnissen und Erfahrungen, und im Gegenzug berichtet Linda von den ihren, auch davon, wie es sich ergeben hat, dass sie menschliche Eltern hat. Ihre Tante und ihr Cousin befinden sich an diesem Abend bereits im Bett.
„Hrm“, macht Hrodger darauf hin, „na das nenne ich tatsächlich mal ein Novum. Und du bist nicht ein Mal auf den Gedanken gekommen, deine Eltern zu rächen?“
Linda verdreht die Augen. „Was soll das bitte bringen? Mein Bruder hat meine leibliche Mutter getötet, um sich für die Gräuel unserer Vorfahren zu rächen, daraufhin hat mein leiblicher Vater ihn getötet um seine Frau zu rächen, was dazu führte, dass mein Vater seinen Sohn gerächt hat. Wenn ich jetzt ihn aus Rache töten würde, dann müsste meine Mutter wiederum mich aus dem gleichen Grund töten. Und was bleibt dann? Eine einsame Witwe, die ihr Ziehkind ermordet hat.“
Stille senkt sich über die Runde und erst ein raues Kichern löst das betretene Schweigen wieder auf. Hrodger wirft der Halbork-Frau einen finsteren Blick zu. Diese lächelt belustigt und sagt ein Wort, welches Linda nicht versteht. Hrodger tut das mit einer wegwerfenden Handbewegung ab und wendet sich wieder an Linda. „Viele meines Volkes würden dich dafür verfluchen, dass du mit dieser Aussage das Andenken ihrer Ahnen in den Schmutz gezogen hast.“
„Ja, ich weiß“, antwortet sie achselzuckend. „Eure Art liebt es, ihren persönlichen Groll über Generationen zu hegen und zu pflegen. Aber mir scheint, dass ihr auch niemanden respektiert, der euch nicht mindestens einmal so richtig übers Ohr oder ins Gesicht gehauen hat.“
Jetzt wirft sich die Halbork-Frau lachend gegen ihre Stuhllehne. Hrodger hingegen ist alles andere als amüsiert und fährt seine Partnerin an. „Halt’s Maul, Mushina!“ Die angesprochene drückt sich den Handrücken gegen den Mund, grunzt aber immer noch ein wenig weiter.
Hrodger richtet sich drohend auf. „Was, bei den acht Verrätern, weißt du von MEINEM VOLK! Du hast keine Ahnung, was du da von dir gibst, und wäre ich hier nicht Gast und du kein Kind ...“ Den Rest lässt er ungesagt, aber es ist offensichtlich, was er damit angedeutet.

Linda ist ehrlich erschrocken, wird dann aber selbst wütend. Sie dreht sich abrupt um und stürmt aus dem Raum. Während alle im Raum aufgeregt durcheinander zu reden beginnen, tragen sie ihre forschen Schritte direkt in ihr Zimmer. Mit ein paar schnellen Handgriffen hat sie alles zusammen, was sie braucht, geht wieder zurück und knallt vor Hrodger eine Schriftrolle auf den Tisch.
„Was soll ...“, beginnt dieser, aber Linda unterbricht ihn.
„Sagt mir, dass das hier nicht der Wahrheit entspricht und ich entschuldige mich sofort.“
Seinen finsteren Blick auf Linda gerichtet, rollt Hrodger das Pergament auf, dann sieht er auf den geschriebenen Text und schnaubt verächtlich. „Ein Märchen? Soll das ein Witz ...“
„Nicht das“, Linda wird ungeduldig. „Die andere Seite.“
Hrodgers Zorn wird von leichter Irritation abgeschwächt. Er besieht sich die Rückseite des Schriftstückes kurz und dreht es wieder zurück. „Ich weiß nicht, was du ...“
Linda macht einen Schritt vor, reißt Hrodger den Text aus der Hand und legt ihn mit der Rückseite nach oben auf den Tisch. Dann nimmt sie die Öllampe auf dem Tisch und hält sie knapp darüber. „Das hier.“
Hrodger wirkt jetzt mehr genervt als wütend, beugt sich aber dennoch über die scheinbar leere Fläche und kneift die Augen zusammen. Dann runzelt er die Stirn, nimmt das Pergament in die eine Hand, die Öllampe aus Lindas in die andere und beginnt zu lesen.
 
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Screw

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Dungeons & Dragons 5 - Dunkle Feder - Teil 5.2 "15 Wahrheiten"

„Das ist die Geschichte von Moradins Strafe. Woher weißt du was da geschrieben steht?“ Jetzt blickt er sie direkt an, seine Wut verschwindet fast und macht Misstrauen Platz.
„Ich kann die zwergische Sprache verstehen und lesen, wenn ich mich konzentriere. Sagt mir jetzt, ob das, was hier steht wahr ist oder nicht.“
Einige Augenblicke lang ist der Unwille in der ganzen Statur des Zwerges zu sehen, doch schließlich sinken seine Schultern herab und alle Anspannung weicht einer resignierenden Haltung. Hrodger stellt die Lampe auf dem Tisch ab und rollt das Pergament langsam zusammen, dann legt er dieses neben die Lampe und lässt sich wieder auf seinen Sitz sinken. „Es ist alles wahr.“ Sein Blick ist auf unsichtbare Bilder gerichtet. „Wir haben uns in Stolz und Hochmut verloren. Haben alle Reden und Taten verteufelt, die uns unsere Grenzen aufzeigen wollten. Haben auf andere Völker herabgesehen, uns in die Hoheit unserer Gebirge zurückgezogen und alles Fremde abgelehnt. Wir führten Kriege aufgrund eingebildeter Beleidigungen und verletztem Stolz. Als Moradin, unser Schöpfer, das sah und seine Warnungen von unseren Ohren abprallten, ließ er uns graben. So lange, bis wir so tief gegraben hatten, wie kein sterbliches Wesen je graben sollte.“
„Und da habt ihr eines der Portale gefunden.“ Linda will mehr hören.
Hrodger nickt. „Ja, aber nicht im Ganzen, es war zerstört. Wir gruben alle Stücke aus, schleppten sie auf den höchsten unserer Gipfel und setzten es dort als Zeichen unserer Überlegenheit zusammen. Welch Narren wir waren, wir haben den Krieg über diese Länder gebracht. Den absoluten Krieg.“

Ein verächtliches Grunzen lässt alle zu Mushina aufsehen. „Ihr Zwerge. Selbst in eurer Demut seid ihr noch hochmütig.“
„Was willst du damit sagen. Glaubst du ich lüge?“ Wieder zuckt rechtschaffener Zorn über Hrodgers Gesicht.
„Schwachsinn“, sie wirft ihren Kopf herum. „Hielte ich dich für einen Lügner, würde ich nicht für dich arbeiten. Aber ihr wart nicht die einzigen, die ein Portal errichtet hatten.“
Samuel, Gloriana und Lindas Onkel folgen der Unterhaltung ebenfalls gebannt, Hrodger schüttelt leicht ungläubig den Kopf. Linda fordert Mushina mit einer Handbewegung dazu auf, weiter zu sprechen.
„Auch die Orks haben Götter, und sie respektieren Stärke und Macht. Ein arkanes Artefakt aus der Urzeit? Ein besseres Werkzeug, um genau das zu erreichen gibt es wohl nicht. Viele Stämme haben sich gegenseitig die Köpfe eingeschlagen, um an alle Teile zu kommen. Irgendwann haben sich die letzten verbündet um das Portal zusammenzusetzen. Ende der Geschichte.“
Linda will eben noch nachbohren, Fragen zu Details und zeitlichen Angaben stellen, aber die Stimme ihres Onkels hält sie zurück.
„Es gibt ein Lied das von einer Legende in T’u Lung erzählt. Darin ist auch von einem Tor die Rede, welches in eine andere Welt führen soll.“
Linda blickt von ihrem Onkel zu Hrodger, zu Mushina und dann zu ihren Eltern. „Mama, Papa“, sagt sie nach kurzem Nachdenken, „ich muss in die Stadt. In die Bibliothek.“
 
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Dungeons & Dragons 5 - Dunkle Feder - Teil 6.1 "18 Meilen"

Es gibt nicht mehr viel zu sagen, diskutiert war in den letzten Wochen ausgiebig geworden und das Ergebnis stand eigentlich von Beginn an fest. Was bleibt, sind Blicke, Gesten und wohlmeinende wie sorgenvolle Wünsche.
„Schreib’ uns“, flüstert Gloriana ihrer Tochter bei der wohl hundertsten Umarmung zu.
„Als könnte ich meine Hand davon abhalten“, ist die lachende aber von Wehmut durchzogene Antwort Lindas.
Eine Hand auf Glorianas Schulter zu legen ist alles, was Samuel tut, um sich auch das Recht einer letzten Zärtlichkeit für eine Lange Zeit mit seinem kleinen Bock zu erbitten. Wortlos und mit feuchten Augen lässt sie von Linda ab und diese verschwindet nahezu in den bärengleichen Armen ihres Vaters. Ein Kuss an die übliche Stelle auf der Stirn sagt alles, was er mit Worten nicht auszudrücken vermag, dann hält er sie auf Armeslänge vor sich, blinzelt seine eigenen Tränen fort und lächelt stolz. Linda versteht wie so oft und lächelt zurück. Ihre Augen weinen zu sehen ist ein seltener Anblick und stets von neuem wundersam anzusehen, da es ihnen einen seltsamen Glanz verleihen.
Hrodger versucht das ganze zu ignorieren und beschäftigt sich mit der Optimierung der Gepäcksverteilung auf den Pferden. Mushina steht entspannt an einen Baum gelehnt in der Nähe und betrachtet die Szene mit undefinierbarem Ausdruck im Gesicht.
Das bringt ihr ein gegrummeltes Kommentar des Zwerges ein. „Willst du mir nicht helfen?“
„Wobei? Dinge zu überprüfen die bereits fünf Mal überprüft wurden?“ Ihr Blick wendet sich nicht von der kleinen Familie ab, auf Hrodgers mögliche Gründe für sein Verhalten geht sie nicht ein – ein leidiges Thema, das sie sicherlich nicht selbst anschneiden wird.
„Hmph“, ist die ganze Reaktion darauf.
Linda löst sich schließlich mit den Worten „Ich liebe euch“ von ihren Eltern und tritt zu den beiden Abenteurern. „Ich danke euch für eure Geduld, verehrte Reisekameraden, ich bin nun auch bereit für die Abreise.“
Die Kriegerin nickt knapp und geht zu ihrem Pferd. „Dann los.“
„Hmph“, ist alles, was Hrodger dazu sagt und dabei klettert er auf seinen Esel.
Gleich und Gleich gesellt sich gern, denkt Linda amüsiert bei sich, aber sie hütet sich davor das laut zu sagen. Hrodger ist stur und missmutig, aber auch begeisterungsfähig und fürsorglich, weshalb sie den Vergleich nicht negativ sieht. Dennoch, es wird selten wohlmeinend aufgenommen, wenn man jemanden mit einem Esel vergleicht.
Als alle aufgestiegen sind und Linda ihren Eltern noch ein letztes Mal zugewunken hat, brechen die, nun drei, Abenteurer auf. Ihr erstes Ziel ist die Stadt, Hrodger hat dort ein Treffen mit einem gnomischen Animateur vereinbart, der Geleitschutz benötigt und für einen Preisnachlass bereit ist, seine Beziehungen zugunsten Lindas Wissenssuche spielen zu lassen. Die Aussicht auf neue Erfahrungen und neues Wissen erregen sie im Zusammenspiel mit ihrer ersten Reise ohne Familie so sehr, dass sie nach kurzer Zeit ihre Laute zur Hand nimmt. Da ihr Tier entspannt dem Esel Hrodgers folgt, wickelt sie die Zügel locker um den Sattelknauf und macht es sich im Schneidersitz bequem. Nach ein paar Probeakkorden und leichten Justierungen an den Stimmwirbeln, beginnt sie mit der Melodie eines Wanderliedes und lässt die Melodie, begleitet von ihrer sanften Stimme, über die Landschaft gleiten. Es dauert nicht lange, da stimmt auch Mushina mit ein, ihr brüchiges Alt offensichtlich untrainiert aber nicht ungeübt, und zaubert damit ein fröhliches Lächeln auf Lindas Lippen.
 
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Dungeons & Dragons 5 - Dunkle Feder - Teil 6.2 "18 Meilen"

„Oh ihr Götter, können wir nicht einfach still reisen?“, ist daraufhin Hrodger genervt zu vernehmen, was Mushina gleich wieder verstummen lässt.
Linda spielt weiter, die Melodie nimmt allerdings einen schnippischen Ton an. „Musik zu machen hilft mir, meine Gedanken zu sortieren.“
„Dann spiel leise.“
Irgendwie vermag es der letzte Akkord der Laute, spöttisch zu klingen, aber die junge Bardin hängt sich das Instrument wieder auf den Rücken. Allerdings zieht sie dafür eine Flöte aus ihrer Tasche und setzt diese an die Lippen. Der Zwerg funkelt sie finster an und öffnet eben den Mund um etwas harsches zu sagen, doch als Linda mit wiegenden Schultern zu spielen beginnt, ist kein Ton zu hören. In der Annahme, dass sie ihn entweder verhöhnen will oder seiner Aufforderung gefolgt ist, schnaubt Hrodger nur verächtlich und dreht sich wieder nach vorne.
Mushina ist allerdings neugierig, lenkt ihr Tier näher an das der Musikerin heran und lehnt sich mit dem Ohr zu Linda hinüber. Es ist wirklich nichts zu hören, dabei ist klar zu sehen, dass sie wirklich spielt – Schultern, Bauch und Brustkorb arbeiten ganz deutlich und blasen Luft durch das Instrument, aber nicht einmal das leiseste Säuseln ertönt. Als sich die Halb-Ork wieder aufrichtet, streckt sie stumm die Hand aus und Linda legt ihr nach einem kurzen Augenblick die Flöte in dieselbe. Ein paar Augenblicke lag studiert Mushina das einfach gearbeitete Stück Holz, wendet es hin und her und dreht es mehrmals in ihren Fingern. Schließlich hebt sie es an ihre Lippen und probiert selbst ... nichts. Selbst als sie mit sichtbarer Kraft hinein pustet, Linda zuckt dabei kurz zusammen und kann ein überraschtes Kichern nicht unterdrücken, kommt kein Geräusch aus den Löchern. Irritiert dreht sich auch Hrodger wieder zu den beiden Frauen um und, als er den Ausdruck auf dem Gesicht seiner Begleiterin sieht, beobachtet diese interessiert.

„Wo habt ihr die her?“, fragt Mushina Linda und gibt die Flöte zurück. Stimmlage und Intonation lassen die geübten Ohren des Zwerges klingeln – hier gibt es ein verdeckte Informationen, und verdeckte Informationen sind das, worin er gut ist. Auch er lenkt sein Reittier näher heran und hört aufmerksam zu und beobachtet.
Linda nimmt die Flöte wieder an sich und betrachtet sie mit einem distanzierten Blick. „Ich habe sie von meinen Eltern,“ ihre Stimme nimmt eine eigentümliche Qualität an, „von meinen Geburtseltern. Sie war mit mir zusammen in das Tuch eingewickelt in dem mich meine Mutter getragen hatte als sie starb.“ Wider erwarten lächelt sie dann. „Irgendwie passend, dass sie keinen Ton macht, meint ihr nicht?“ Sie muss nicht hinsehen um zu wissen, dass Hrodger ihr eine Frage stellen will. „Natürlich habe ich Nachforschungen angestellt, aber nichts herausgefunden.“
Jetzt grinst dieser und richtet sich in seinem Sattel auf, Mushina verdreht ihre Augen. „Und schon geht’s los.“
„Was für eine glückliche Fügung, dass du mir begegnet bist, meine Liebe. Wenn es um fruchtlose Nachforschungen geht, hättest du es nicht besser treffen können. Ich bin ein Experte darin, Dinge herauszufinden die sich nicht herausfinden lassen wollen.“
„Ist das der Grund dafür, warum ihr ohne die Hilfe meines Onkels nicht mehr weiter gewusst habt und es mehrere Jahre gedauert hat ihn aufzuspüren?“, wirft ihm Linda grinsend hin.
Mushina schmunzelt, diese Art Wortgeplänlel hat sich zwischen den beiden im Laufe der letzten Monate eingestellt und irgendwie hat es tatsächlich dazu geführt, dass der Zwerg die junge Tiefling respektiert.
Die Geste, die er dieser gegenüber eben als Antwort zeigt, ist Beweis genug. „Willst du meine Hilfe oder nicht, du Niederhöllengezücht?“
„Wie könnte ich das Angebot eines Edelmannes ablehnen, der sogar die ausgewählten Blutlinien meiner Herkunft preist?“
„Bah“, ist die einzige Reaktion darauf bevor Hrodger seinen Esel wieder mehr antreibt.
Mushina lacht einfach nur. „Eine Reisegefährtin wie dich hätten wir schon viel früher gebraucht, Linda.“
 

Screw

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Dungeons & Dragons 5 - Dunkle Feder - Teil 6.3 "18 Meilen"

In Gesellschaft von Hrodger und Mushina macht Linda ganz neue Erfahrungen mit den ihnen begegnenden Menschen abseits der ihr vertrauten Dorfgemeinschaft. Die Gruppe von drei Nicht-Menschen – wobei man mit Ausnahme des Zwerges eigentlich von Halbmenschen sprechen müsste – wird zwar ebenso mit Argwohn betrachtet, allerdings deutlich weniger feindlich oder besorgt als wenn sie mit ihrer Familie unterwegs ist. Offensichtlich wird ungewöhnliches in Anwesenheit von ungewöhnlichem doch wieder gewöhnlich.
Mushina, ihren Blick richtig deutend, meint allerdings, dass sie sich daran nicht gewöhnen solle. „Manchmal reicht es auch schon, einfach nur ein Abenteurer oder fremd zu sein.“
„Oh ja, verdammt“, fällt sofort auch Hrodger ein, „kannst du dich noch an die Leute in Staublauf erinnern?“
„Kannst du? Schließlich hat es immer eine ganze Minute Stillstehen benötigt, bis du überhaupt etwas sehen konntest.“
„Halt’s Maul, du Dünnluftatmerin“, fährt der Zwerg die Halb-Orkin an, „aber ja, der Name ist treffend.“ fügt er dann aber jovial hinzu. „In jedem Fall hat es fünf Tage gedauert, bis irgend jemand bereit war mit uns zu reden, ganz abgesehen von denjenigen, die uns am liebsten ein Messer in den Rücken gejagt hätten.“
„Eine hat es auch probiert“, ergänzt die Kriegerin, „aber die Klinge ging nicht sehr tief und meine Antwort hat ihr noch weniger gefallen als unsere Anwesenheit. Ich frage mich, ob sie je wieder sprechen gelernt hat.“
Linda ist sich nicht sicher, was von dem Gesagten Scherz und was Wahrheit ist, aber das Bild, das die Geschichte zeichnet ist klar. Dass Leute nicht nur vor anderen Rassen, sondern schlicht und ergreifend auch vor Fremden so viel Angst haben können, erschüttert sie sichtlich. Wie isoliert muss man leben, um eine solche Ignoranz gegenüber andersartigem zu entwickeln? Die viel bessere Frage ist aber, wie kann man solche Personen aus dieser Grube sanft und umsichtig herausholen, wie sie erreichen und sie für das neue öffnen?

Das stumme Grübeln der jungen Tiefling geht auch an ihren Reisegefährten nicht vorüber. „Ich glaube, wir haben sie kaputt gemacht.“ Hrodgers Versuch eines Scherzes trifft nicht auf Gehör, was Mushina mit einem kurzen, missbiligenden Blick klarstellt. „Schon gut, schon gut, entschuldigung.“ Der Zwerg hebt abwehrend eine Hand.
Einige Zeit lang spricht niemand und Lindas Gesichtsausdruck scheint immer finsterer zu werden, bis sie sich mit zwei Fingern gegen die Nasenwurzel drückt und mit gefurchter Stirn aufstöhnt. „Ach, verflucht nochmal.“
Die Halb-Orkin blickt sofort auf und betrachtet ihre Mitreisende aufmerksam. Hrodger dreht sich in seinem Sattel zu dieser und fragt: „Was ist los, etwas vergessen?“
„Ach nein, nichts so unbedeutendes.“
Hrodger und Mushina wechseln einen Blick. „Was ist es dann?“, fragt er.
„Ich komme einfach auf keinen grünen Zweig. Alle Überlegungen enden früher oder später vor einer Wand.“ Die junge Frau wirkt erschöpft.
Wieder ein Blickwechsel zwischen den beiden anderen. Nach kurzem Zögern fragt der Zwerg weiter nach: „Was für eine Art von Wand?“
Ein tiefer Seufzer entfährt Linda bevor sie antwortet. „Die Wand der Unwissenheit.“
„Ohhh“, ist Hrodgers Reaktion darauf und auch Mushina macht einen verstehenden Gesichtsausdruck. „Eine Wand die man nicht so leicht einreißen kann ... nicht ohne beträchtlichen Schaden anzurichten.“ Mushina nickt nur stumm.
Lindas Blick zu den beiden ist mitfühlend. „Ja, ihr habt erzählt, dass ihr da durchaus eure eigenen Erfahrungen gemacht habt.“ Das wiederum irritert die beiden, schließlich haben sie aus ihrem eigenen Leben eigentlich so gut wie nichts erzählt.
„Was meinst du?“, fragt Mushina direkt nach.
„Oh, nicht wirklich erzählt, aber WAS ihr erzählt habt und vor allem WIE ... nun.“
„Respekt“, meint Hrodger erhlich anerkennend, „du bist schon deutlich gerissener als ich dir zugetraut habe.“
Mushina fügt hinzu: „Und dass er dir überhaupt was zugetraut hat, will schon was heißen.“
Hrodger möchte darauf wieder einmal grummelig reagieren, aber das Grinsen beider Frauen, lässt ihn nur kopfschüttelnd seufzen.
 

Screw

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"Was die Steineiche sah" oder "der Versuch einer Teilnahme an einem längst vergangenem Geschichtenwettbewerb" - Teil 1

In alten Tagen, als noch Sagen und Legenden das Licht der Welt erblickten, ereilte einen Jungen ein trauriges Schicksal. Die Mutter starb noch im Kindbett und der Vater folgte ihr nach nur wenigen Jahren. Allerdings hatte dieser durch seine Arbeit bei der Stadtwache Freunde dort gehabt, die dem Jungen versprachen: "Wenn du ein Mann bist, dann komm zu uns, wir geben dir Arbeit." Doch bis dahin wollte sich keiner so recht um ihn kümmern, alle hatten eigene Sorgen und die Verwandten lebten in anderen Stadten weit weg.
So also wuchs der Junge in den Straßen auf und begann alsbald zu stehlen. Das konnte er auch ganz gut, denn er war geschickt und flink, oft hatte er aber auch Pech und lief der Stadtwache mit seiner Beute in Händen vor die Füße. Immer nahm man ihm alles mühsam ergatterte wieder ab, aber immer war auch einer dabei der sagte: "Ach lassen wir dem armen Waisen Hand und Freiheit, ich kannte seinen Vater gut." Einen Denkzettel in Gestalt einer Ohrfeige oder gar einer Tracht Prügel erhielt er dennoch meist, um sich daran zu erinnern, dass Stehlen falsch ist.
Mit der Zeit wurde ein alternder Dieb auf den Jungen aufmerksam und beobachtete seine Taten mit wachsendem Interesse. Eines Tages, nach einer besonders harten Abreibung durch die Stadtwache, trat der Alte an ihn heran. "Schöne Freunde sind das, die dein Vater da hatte, wollen dem Sohn eines verstorbenen Kameraden nicht einmal helfen." "Aber", stammelte der Junge da, "sie geben mir Arbeit wenn ich ein Mann bin und sie nehmen mich nie fest." "Hah! Wie sollst du denn je ein Mann werden, wenn sie dir nichts lassen um überleben zu können? Und schaffst du es dennoch, groß zu werden, bist du wahrscheinlich so schwächlich, dass sie keine Verwendung für dich finden und dir nur kümmerliche Hilfsdienste um einen Hungerlohn überlassen." Auf diesen Weg überzeugte er sen noch unreifen Geist und nahm ihn unter seine Fittiche. Ausgerüstet mit altbewährtem Wissen und neuen Tricks, gelang es dem Jungen nun immer öfter, den Stadtwachen auszuweichen und durch die Finger zu schlüpfen. Lediglich wenn er alleine und ohne Beute unterwegs war, fassten sie ihn manchmal, konnten ihn aber aufgrund dessen nie etwas nachweisen, was sie nicht daran hinderte, ihm vorbeugend dennoch ein paar hinter die Ohren zu geben.
Jetzt hatte er also einen festen Schlafplatz und regelmäßig etwas zu essen, aber reich wurde von der Dieberei nicht, da er sich nichts ansparen durfte. "Das ist dein Lehrgeld, Junge, schließlich arbeite ich hart an deinen Talenten", sagte der Alte ihm immer wieder und lebte recht gut von den Verdiensten seines Schützlings. Natürlich war das Leben dadurch besser geworden, aber andere Dinge verschlechterten sich auch. Die Stadtwachen, die ihn bisher zwar argwöhnisch aber immer noch gutmütig betrachtet hatten, misstrautem ihm zunehmend und immer mehr vergaßen die Vergangenheit seines Vaters. "Da siehst du es", sagte ihm der alte Dieb, "sie warten nur darauf, bis sie sich der Freundschaft deines Vaters nicht mehr verpflichtet fühlen. Du selbst interessierst sie nicht, also halte dich an mich, denn nur ich habe dein Wohl im Sinn." Genaugenommen hatte er sein eigenes Wohl und die Gewinne durch den Jungen im Sinn, aber das sagte der Alte natürlich nicht. Was er sich aber selbst nicht eingestand, war die Tatsache, dass der Junge ihm ans Herz zu wachsen begann.
 

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"Was die Steineiche sah" oder "der Versuch einer Teilnahme an einem längst vergangenem Geschichtenwettbewerb" - Teil 2

Mit der Zeit überließ der Alte dem Jungen immer mehr Anteil an der Beute und dadurch ging es diesem auch immer besser. Mit zunehmendem Wohlstand kam auch zunehmend das Gefühl der Sicherheit, damit Überheblichkeit und auch Unachtsamkeit, bis er wieder einmal von den Stadtwachen erwischt wurde. Dieses Mal hatte er viel Beute dabei, und dieses Mal erinnerte sich keiner an seinen Vater. "Eine Hand und ein Jahr deiner Freiheit, das ist der Preis den du für dein schändliches Tun zahlen wirst, du Lump!", brüllten sie ihn an, während sie ihn abführten. Als der alte Dieb davon erfuhr, wollte er es erst mit einem traurigen Kopfschütteln abtun, doch ließ ihm das Geschehen keine Ruhe. Die Beute war in dem Fall nicht einmal vom Jungen gestohlen worden, sondern von ihm selbst, er sollte diese Strafe ausfassen. Lange Stunden rang er mit seinem Gewissen, einer Stimme die sich seit Jahren nicht mehr gemeldet hatte, und nach einer schlaflosen Nacht gab er sich geschlagen.
Bei Sonnenaufgang stand er vor dem Quartier der Wache um sich zu stellen, beschrieb genau, wie er an die Sachen gekommen war, einen Teil dem Jungen als milde Gabe untergejubelt hatte, um von seiner Spur abzulenken, in dem Wissen, dass keine Wache der Geschichte desselben Glauben schenken würde. Aufgrund der Details und der Gemeinsamkeiten mit den Angaben des Jungen, glaubten sie ihm und nahmen ihn fest, außerdem hatte der Alte den anderen Teil der Beute mitgebracht und so auch Beweise vorgelegt. Dem Alten entfuhr ein Seufzer der Erleichterung, als er erfuhr, dass dem Jungen die Hand noch nicht abgeschlagen worden war und bat darum, vor dessen Entlassung noch einmal mit ihm reden zu dürfen. Die Worte waren voller Reue und Abschied, er sei zu alt um den Verlust einer Hand in Haft überleben zu können, aber die Worte waren zweitrangig, wichtig waren die Hände des alten, denn sie sprachen von ganz anderen Dingen. In der geheimen Zeichensprache der Diebe wies er den Jungen an, wo er alle Reserven finden könne und dass er damit die Stadt verlassen solle. "Fange ein neues Leben ohne Diebstahl an, riskiere nicht mein Schicksal", waren die abschließenden Anweisungen. Der Junge wollte sich dagegen wehren, aber der Alte beharrte darauf und nahm ihm schließlich das Versprechen ab.
Nach seiner Entlassung eilte der Junge, so schnell ihn seine Beine tragen konnten, zu dem angegebenen Versteck. Er blieb nicht stehen und dachte nicht weiter darüber nach, um seinen Gefühlen keine Gelegenheit zu geben, sich in sein Bewusstsein zu drängen. Beim Versteck angekommen, musste er aber mit ansehen, wie einige Männer dieses gerade plünderten. Zuerst verstand er nicht wie das geschehen konnte, aber dann erkannte er eines der Gesichter, es war eine der Stadtwachen. Offensichtlich kannte eine der Wachen die Fingerzeichen ebenfalls und hatte die Zeit, die der Junge mit betteln und flehen an den Alten verbracht hatte, genutzt, um mit einigen Freunden die Beute an sich zu bringen. "Was ist, wenn der Junge hier auftaucht?", fragte einer der Männer. "Dann sorgen wir dafür, dass er nichts erzählen kann, frag nicht so dumm." Der Junge aber beobachtete ohnmächtig, wie all seine Hoffnungen von fremden Händen zerrissen wurden. Er blieb in seinem Versteck bis die Männer wieder gingen und noch viele Stunden länger. Tiefe Verzweiflung hatte ihm jeden Tatendrang genommen.
 

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"Was die Steineiche sah" oder "der Versuch einer Teilnahme an einem längst vergangenem Geschichtenwettbewerb" - Teil 3

Ziellos und leer wanderte er durch die Straßen, die Nacht brach herein, er wanderte weiter, und erst als der nächste Morgen graute, nahm er seine Umgebung wieder wahr. Seine Füße hatten ihn zum alten Tempel im Herzen der fast aufgegebenen Altstadt geführt, ein verwahrlostes Gebäude, gebaut um den ältesten Baum der Gegend, einer massiven Eiche. Man erzählte sich, der Baum sei schon alt gewesen, als der erste Weiler hier entstanden war.
Als die Ansiedlung wuchs, so gingen die Geschichten weiter, wuchsen auch die Ansprüche an deren Gebäude und schon bald wollte man Häuser mit Kellern, doch dies gestaltete sich schwierig, da besagte Eiche ein weites Gebiet mit ihren Wurzeln durchwachsen hatte und sich diese angeblich nicht einmal mit dem schärfsten Beil verletzen ließen. Man hatte es auch mit Feuer versucht, jedoch vergeblich, und so wurde anderswo gebaut, nicht weit entfernt, aber dennoch rückte das Zentrum der Stadt von seinem Ursprungsort ab. Viele sahen die Eiche als Zeichen - manche als böses, manche als gutes - und so wurde ein Tempel um diese herum gebaut, ganz ohne Fundament, und siehe da, keine einzige Mauer wies auch nur einen Riss auf, als trügen die Wurzeln selbst das Gebäude. All die anderen Dinge, die man dem Baum zuschrieb - Langlebigkeit für die Bewohner rundherum, Unverletzlichkeit und Beständigkeit aller Unternehmungen in seinem Schatten - die bewahrheiteten sich nicht, und so schwand der Glaube und die Besucher des Tempels zunehmend. Zuletzt blieb nur eine Erinnerung daran in Form von Kindermärchen und romantischen Geschichten. "Es ist bloß ein wirklich hartnäckiger, alter Baum", sagten viele, kehrten diesem Ort den Rücken und haderten darüber, dass im Gegenteil die große Stadt mit all ihrem Dreck und Lärm die Leute krank und schwach mache.
Das Gebiet um den Tempel gehörte nun den Ausgestoßenen, den Schatten und all jenen, die noch auf alte Wunder hofften. Als Schatten fühlte sich auch der Junge, also trat er in den Tempel ein, hockte sich an den Fuß der Eiche und lehnte sich gegen dessen Stamm. "Ach alte Eiche, warum bist du kein Wunderbaum, ich würde zu dir beten und hätte so wenigstens noch Hoffnung." Da fiel ihm ein, dass er tatsächlich in seinem Leben noch kein Gebet gesprochen hatte, also rappelte er sich auf, wandte sich dem Baum zu und sah in dessen mächtige Äste hinauf. Als er begann, bat er um Anleitung was er tun solle, um Voraussicht sein Schicksal rechzeitig erkennen zu können, er bat um Reichtum mit dem er von hier fort könne, und um immer andere Dinge, die ihm helfen sollten - jedoch der Baum zeigte keine Reaktion.
Der Junge wusste nicht, was er erwartet hatte, aber plötzlich packte ihn wieder die Verzweiflung. Diese wandelte sich schließlich zu Wut, Wut auf den Baum, der ihm so indifferent gegenüberstand und den all sein Leid nicht rührte. Er brüllte den Baum an, beschimpfte ihn, trat ihn, spuckte auf seine Rinde. Zuletzt überkam ihn Resignation und er sank vor der Eiche zusammen, kauerte sich zwischen die dicken Wurzeln und brachte schluchzend eine letzte Bitte hervor. "Verleihe doch wenigstens dem alten Dieb deine Stärke, Wiederstandskraft und Langlebigkeit. Er hat seine Taten bereut, er soll nicht sterben müssen."
"Das war der erste ehrlich selbstlose Wunsch seit hier Menschen leben", antwortete ihm die Eiche.
 
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"Was die Steineiche sah" oder "der Versuch einer Teilnahme an einem längst vergangenem Geschichtenwettbewerb" - Teil 4

Erschrocken fuhr der Junge hoch und blickte sich um, woher die Stimme gekommen war - bis er feststellte, dass er gar nichts gehört hatte. Die Worte waren einfach in seinem Kopf aufgetaucht, wie Blüten, die sich in der Morgensonne öffnen, und nun ertötnte ein abgehacktes Knarren wie von alten Ästen, die sich bogen. Aus einem Impuls heraus wollte er gerade den Mund öffnen und fragen, wer da mit ihm gesprochen hatte, aber bevor es dazu kam, pasierte es erneut. "Der, auf dessen Wurzeln du sitzt. Ich werde dir helfen." Aus Reflex sprang er auf und sah zu Boden, folgte dann den Wurzeln bis zum Stamm und trat schließlich ein paar Schritte zurück, um abermals an der Eiche emporzublicken, deren uralter Stamm mehrere Meter durchmaß. Wiederum ertönte dieses Knarren und ein weiteres Mal formte sich ein einzelnes Fragewort im Geist des Jungen, und ebenso wie vorhin musste er es nicht aussprechen. "Meinst du, wie ich mit dir sprechen, oder wie ich dir helfen kann?" Es fühlte sich an, als formten sich die Worte aus knarrendem Gehölz in seinem Bewusstsein, was auch den letzten Zweifel ausräumte, dass es wirklich der Baum war, der hier zu ihm sprach. "Gut. Das vereinfacht die Sache. Es ist nicht immer leicht, musst du wissen. Manche wehren sich gegen ungewohnte Tatsachen."
Mittlerweile bemühte der Junge sich nicht mehr, Worte formulieren zu wollen, sondern definierte nur noch seine Bedürfnisse und Gedanken für die Eiche. "Dann werde ich dir helfen, dem Wunsch des alten Mannes nachzukommen, denn den deinen kann ich dir leider nicht erfüllen." Auf die Verwunderung woher der Baum die Worte des alten Diebes kannte, ging dieser auch sogleich ein und erklärte, dass seine Wurzeln das gesamte Stadtgebiet durchwuchsen und über dieses Netzwerk, konnte die Eiche alles beobachten, was in der Stadt geschah. "Wo immer du eine meiner Wurzeln berührst, und du wirst sie erkennen, lasse ich dich über sie sehen und hören, was auch immer sich in deren Nähe zuträgt." Welchen Vorteil ihm das bringen würde, war dem Jungen natürlich sofort klar, allerdings nicht, warum er diese Hilfe erhielt. Ein Geräusch wie ein Windstoß ging durch die Blätter und Äste, wenn das Knarren von vorhin etwas wie Lachen war, dann war dies ein tiefes Seufzen. "Es ist lange her, seit Menschen zu mir beteten, und noch länger, dass ein nicht rein eigennütziger Wunsch geäußert wurde. Solche Seltenheiten müssen genutzt werden."
In den folgenden Tagen lernte der Junge, wie er die Gabe des Baumes nutzen konnte und welche Stellen in der Stadt besser, schlechter oder manchmal auch gar nicht von den Wurzeln abgedeckt wurden. Wie auch unter dem Dieb, lernte der Junge schnell und stellte sich sehr geschickt an, so dauerte es nur einige Wochen, bis der Baum ihn nur noch selten anleiten musste. "Nun kennst du das Bild der Bilder und den Klang der Klänge, die ich wahrnehme. Du kannst nicht wirklich meine Sinne nutzen, nur deren Abbilder und Widerhall stehen dir zur Verfügung - interpretiere sie also mit Bedacht." Zum ersten Mal seit dem Gebet an jenem schicksalhaften Tag, richtete der Junge wieder gesprochene Worte an die Eiche. "Ich danke dir, alter Baum. Fast dauert es mich, dass ich dich am Ende verlassen muss." "Keine Sorge, junges Menschenkind, ich habe mehr Abschiede erlebt als Menschen auf meinen Wurzeln laufen. Außerdem war es der Wunsch deines Mentors." So kehrte der Junge also wieder in das Leben der Stadt zurück und stellte fest, dass diese ihn in den drei Monaten, die er im alten Tempel geblieben war, vergessen hatte.
 

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278
SIE

Scheinbar ziellos irrt er über das Feld, das einmal grün gewesen war. Jetzt ist Rotbraun die vorherrschende Farbe, zumindest dort, wo zwischen toten Soldaten, Pferden und Hunden noch Boden zu sehen ist, zerstampft und getränkt mit halb geronnenem Blut. Seine unregelmäßigen, schleppenden Bewegungen sind aber alles andere als ziellos, denn er sucht SIE.
Er braucht SIE.
Sie alle brauchen SIE.
Ohne SIE sind sie verloren.
Ohne SIE hat nichts mehr Sinn.
Ohne SIE ... ist es aus.
Er muss SIE finden, SIE beschützen, mit allem was er hat - mit allem was er ist. So wie jener andere SIE beschützt hat, bis dieser gefallen war, und SIE mit ihm. Er hatte es gesehen und der Anblick hatte ihn mit Panik erfüllt. Auch andere hatten es gesehen, manche waren geflohen, andere hatten versucht, zu IHR zu gelangen und den Tod dabei gefunden. Auch er hatte sein Heil in der Flucht gesucht. >Ich bin zu weit weg<, hatte er sich gesagt, >Ich kann nichts tun<. Feige war er gewesen, hatte sich mit anderen zusammen versteckt und um sein Leben gebangt. Niemand hatte sie verfolgt, und wozu auch? Ohne SIE sind sie keine Gefahr mehr, keine Bedrohung ... ein Nichts.
Er muss SIE finden.

Ein Geräusch durchdringt seine fieberhafte Besessenheit und er erstarrt. Was ist das? Da - da ist es wieder. Hatte der Feind seinen Fehler doch noch erkannt, dass SIE noch hier ist, noch hier liegt, irgendwo? Sucht der Feind auch nach IHR? Er muss sich beeilen, der Feind darf SIE nicht in die Hände bekommen, er darf nicht versagen, nicht jetzt. Gehetzt sieht er sich um, tastet die Umgebung mit seinen Blicken ab, in der Dunkelheit sieht alles anders aus, unwirklich, falsch - als sei alles nur ein abstraktes Szenenbild auf einer endlosen Bühne.
Das Geräusch kommt näher, langsam, schleppend. Es klingt wie Schleifen auf Stein, dann Metall, dann wie Schlurfen und Schmatzen - und ein seufzendes Stöhnen. Alte und längst vergessen geglaubte Ängste aus grauer Vorzeit schleichen sich in sein Bewusstsein, die dunkelsten und dämonischsten Wesen scheinen Realität zu werden. Aus dem Augenwinkel registriert er eine Reflektion von Mondlicht, sein Kopf fährt herum, die Waffe ruckt hoch, bereit zu töten. Sein Atem geht schnell und wieder greift Panik nach seinem Herz, droht, sein Herz zu zerquetschen - nichts.
Seine Augen bemühen sich, das Zwielicht zu durchdringen, irgend etwas zu erkennen - da. Eine Bewegung am Boden, etwa hundert Schritt von ihm entfernt. Jemand - oder etwas? - kriecht dort über den Boden, durch blutgetränkten Schlamm, über Körper und Unrat. Langsam und vorsichtig bewegt er sich darauf zu, nähert sich, die Waffe kalt in seinen schwitzenden Händen. Nur noch wenige Schritte. Es scheint ihn nicht zu bemerken, und dann - Erkennen. Es ist der andere, die Kleidung zerrissen, die Rüstung aufgerissen, der Körper mit Wunden übersäht - und in seiner linken, fest an die Brust gedrückt, SIE. Blutig, mitgenommen, aber in Sicherheit.

Mit wenigen Sätzen ist er bei dem anderen, der sich unter Schmerzen voranschleppt. Als er diesen bei der Schulter fasst und auf den Rücken dreht, keucht dieser erschrocken auf, Angst und Verzweiflung stehen in seinem Gesicht. Angst vor dem finalen Verlust, Verzweiflung darüber, dass alle Mühen und Qualen vergebens seien. Mit beiden Händen presst er SIE an sich, ein letztes Aufbäumen gegen das Unvermeidbare. Nur langsam begreift der andere, wer über ihm steht. Dann ergreift Erleichterung seinen ganzen Körper und Stolz erfüllt seine Haltung. Triumph.
Mit zitternden Händen hebt der andere SIE ihm entgegen und er nimmt SIE, vorsichtig, behutsam, immer noch ungläubig. Ein prüfender Blick vertreibt aber den letzten Zweifel, SIE ist es tatsächlich. Als er wieder zu dem anderen hinuntersieht, sind dessen Glieder erschlafft, alles Leben aus der sterblichen Hülle gewichen, aber auf den Lippen ein Lächeln und in den toten Augen Frieden.

>Danke<, denkt er bei sich an den anderen gerichtet. Schließlich wendet er sich ab, mit IHR in seinen Händen, mit neuer Hoffnung, mit einer neuen Aufgabe.

Jetzt ist er der Träger der FLAGGE.
 
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Screw

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"Was die Steineiche sah" oder "der Versuch einer Teilnahme an einem längst vergangenem Geschichtenwettbewerb" - Teil 5

Die vergangenen Erlebnisse hatten den Jungen durchaus etwas gelehrt, und so nutzte er diesen Umstand und konzentrierte sich darauf zu beobachten, was mit seinen neu erlernten Fähigkeiten auch ungleich einfacher war. Nach mehreren Wochen hatte er die ersten Hinweise darauf, wer den Hort seines Mentors geplündert hatte, doch sein altes Gefühl der Rache verpuffte schnell, als er feststellte, dass diese ebenfalls nur arme und verzweifelte Menschen waren. Ja, einer davon arbeitete bei der Stadtwache, aber der Verdienst eines einfachen Gardisten reichte nur, um sich selbst über Wasser zu halten, eine Familie konnte damit keines Falles versorgt werden. Auch erfuhr er, dass es den meisten Leuten, die er bisher als reich und habgierig angesehen hatte, mit dem Geld nicht viel besser ging. Sogar jene, die mehr besaßen, taten dies meist, um von anderen akzeptiert zu werden mit denen sie Geschäfte abwickeln wollten - anderenfalls gäbe es kein Geschäft. So stahl er nur noch dann, wenn das Fehlen der betreffenden Dinge nicht ins Gewicht fiel und um nicht selbst zu verhungern.
Mit Aufmerksamkeit und Geduld fand er aber doch zwei Arten von Menschen, die es verdient hatten, bestohlen zu werden - Scharlatane und Blutadel, wobei die Grenze zwischen diesen beiden nicht selten fließend war. Diese beiden Gruppen hatten sich zum Ziel gesetzt, oder kannten es nicht anders, mit möglichst wenig Aufwand möglichst viel anzuhäufen und zu behalten, und das meist auf Kosten anderer. Selbstverständlich hätte der Junge am Liebsten gleich die Reichsten unter diesen um ihr Hab und Gut erleichtert, aber so dumm war er schließlich nicht mehr. So begann er ganz unten, wie kriechender Schimmel, nie zu viel aber stets genug, damit die Betroffenen es spürten. Erwischt oder auch nur verdächtigt wurde er dabei nie, obschon es oft genug recht knapp war, und so verfeinerte er seine Kunst mit unterstützung der Eiche. Die Scharlatane begannen schließlichd damit, einander zu verdächtigen und zu beschuldigen, bis es zu den ersten Handgreiflichkeiten kam, die schließlich weiter in Duelle, Überfälle und schlussendlich Meuchelmorde eskalierten.
Davon bekam der Junge allerdings nicht wirklich viel mit, denn er hatte sich in den Rängen schon nach oben gearbeitet und befand sich in einer Art Rausch der Rechtschaffenheit. Er sah sich als Rächer der Betrogenen und wollte seinen verborgenen Einfluss nun auf die Unterdrückten ausweiten, also wandte er sich endlich dem Blutadel zu. Zwar vergaß er nie den letzten Wunsch seines Mentors, aber er empfand es als heilige Mission, nicht vor dem obersten Missetäter halt zu machen und hatte dafür auch schon ein beachtliches Maß an Mitteln zusammen. Zuerst musste er sich mit diesen Leuten vertraut machen, ihren Umgang studieren, ihre Gepflogenheiten erlernen, wofür ihm die Wurzeln des Baumes durchaus hilfreich waren, und sich schließlich in ihre Gesellschaft einschleichen. Zu diesem Zweck wandte er einen großen Teil seiner angehäuften Beute für ein kleines aber wohlhabendes Anwesen auf und lud die betuchte Gesellschaft zu einer Vorstellungsfeier ein. Natürlich ließ sich der Blutadel nicht einfach so dazu herab, einen dahergelaufenen, neureichen Bengel mit ihrer Anwesenheit zu beehren, aber zumindest anderer Geldadel und wohlhabende Bürger nahmen diese Gelegenheit wahr, was auch einzelne Blutadelige mit finanziellen Nöten dazu veranlasste, zumindest einen Vertreter zu schicken - potenitelle Geldgeber im Austausch gegen Titel und Sozialkontakte sollten nicht gleichgültig von der Hand gewiesen werden.
 
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