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Sci-Fi / Fantasy Die Schamanenbrücke. Nevare Bd. 1

Integra

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“Die Schamanenbrücke” ist der erste Teil von Robin Hobbs neuer Trilogie “Nevare” (“Sharman's Crossing, Book One of the Soldier Son Triology” im Original).
Sie stellt hier eine recht eigenwillige Fantasy-Welt vor, die spürbar an britische und französische Kolonialzeiten in Amerika angelegt ist. Wildwest-Feeling überkommt den Leser schon auf den ersten Seiten, wenn der Protagonist mit seinem Vater einen Aussenposten besucht, der doch ziemlich an ein Fort erinnert – und verstärkt sich bei den ausführlichen Landschaftsbeschreibungen der weiten Steppen und der offenkundigen Sympathie der Autorin für hübsche Pferde.

Der Held des Romans ist der junge Nevare, der als zweiter Sohn eines für seine Verdienste geadelten Kavallerieoffiziers im Reich Gernien geboren wird. Diese Tatsache – dass er der zweite Sohn ist und dass sein Vater quasi ein Emporkömmling ist – bestimmen, in der von althergebrachten Gesetzen und streng hierarchischen Strukturen geprägten Gesellschaft seinen gesammten Werdegang: Er kann nichts anderes werden, als ein Kavallerieoffizier. Denn nur die ersten Söhne werden zu Erben ihrer Väter. Als zweiter Sohn ist er verpflichtet, Soldat zu werden.

Wieder und wieder drehen sich diese Gedanken im Kopf des jugendlichen Ich-Erzählers, zusammen mit ständiger Sorge, nicht gegen die starren Regeln seiner Erziehung im Soldatenhaushalt seines Vaters zu verstoßen – auch wenn ihn manchmal das Gewissen zwickt und er gerne Ehre und Pflicht gegen Aufrichtigkeit und Gerechtigkeit tauschen würde.

Dass er es nicht (oder viel zu selten) tut, ist ein Problem des Charakters, der nicht als Held, sondern als konformistischer Mitläufer angelegt ist. Er weiss zwar tief in seinem Inneren, welche Entscheidungen moralisch richtig wären, handelt aber nicht nach ihnen, sondern geht lieber den Weg des geringsten Widerstandes. Vor allem an der Militärakademie, bevölkert von den Sprösslingen des “alten” Adels, macht er sich dadurch lange Zeit zum beliebten Mobbingopfer. Starker Wille und Ehrgefühl nützen ihm nichts, denn die Werte, die ihm eingebläut worden, sind vor allen Dingen Gehorsam und Pflichterfüllung. Die kollidieren immer wieder mit der Wirklichkeit aus Intrigen und politischen Ränken an der Akademie und später mit den rauen Sitten des gernischen Hinterlandes.

Dort nämlich prallen die Kultur der Gernier, die sich mit überlegener Technologie (Schusswaffen) und kolonialistischer Attitüde nach Osten ausbreiten, und die der magiebegabten Flachländer aufeinander, die nomadisierend die Steppen und Wälder bewohnen. Natürlich begegnet ihnen Nevare mit dem ganzen Kulturchauvinismus seiner Erziehung – und dennoch kommt er durch einen ehemaligen Krieger und Häuptling des bergbewohnenden Volkes der Fleck mit ihrer Traum- und Anderswelt in Berührung. Das hat nachhaltige Folgen für ihn und seine gernische Umwelt – denn von nun an trägt er einen Teil der gefährlichen und wilden Fleck-Magie in sich, die ihn verändert und ihm neue Sichtweisen offenbart.

Robin Hobbs Buch ist über weite Strecken ein typischer Entwicklungsroman, der mit der sehr ausführlichen Beschreibung der Akademiezeit Nevares oft an ähnliche Jugendbücher erinnert. Die Autorin widmet viel Zeit der Ausarbeitung ihrer zweifellos reizvollen Welt und ihrer Bewohner (v.a. ihrer Pferde...) und scheint bei den weitschweifigen Hymnen auf die Landschaft bisweilen zu vergessen, was Fantasyromane sonst noch lesenswert machen: Abenteuer und Spannung kommen viel zu kurz – das macht den knapp 700 Seiten dicken Wälzer zu einer echten Geduldsprobe.

Die Autorin:

Robin Hobb wurde als Margaret Astrid Lindholm Ogden 1952 in Berkeley, Kalifornien geboren und schreibt u.a. auch unter ihrem zweiten Pseudonym Megan Lindholm hauptsächlich Fantasy-Romane.

Hierzulande ist sie den Lesern vor allem durch die beiden Weitseher-Trilogien und den Windsänger-Zyklus bekannt.

Mein Dank geht an den Klett-Cotta Verlag, der die Rezension dieses Werks ermöglichte.
 
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