Corwyn - 07 - Whitestone Council
Whitestone Council
Vorbereitungen
30.6.353
Der Flug über Estwilde und Solamnia war für mich wie ein Traum, und noch vor einem Jahr wäre es dies wohl auch gewesen. Tika saß hinter mir und wir beide flogen auf einem Silberdrachen durch die Lüfte. Solche Abenteuer findet man ansonsten nur in Geschichten aus Tagen alter Zeit. Vielleicht wird man solche Geschichten einst auch über uns erzählen?
Während des Fluges wanderten meine Gedanken zu den verschiedenen Stationen des Krieges. Gab es noch lose Enden die ich erneut aufnehmen musste? Solace, ja Solace sollten wir bald erneut besuchen. Schauen ob die Besetzer restlos vertrieben wurden, schauen ob die Leute aus unserem Heimatdorf weitere Hilfe benötigten. Darkenshield und der Tower of Ruin fielen mir noch ein, und ich hatte seit Moil noch zwei Leichen in meiner Chest of Holding, Verdigris Viriconium und Tar Suttner, die Beerdigt werden wollten. Ich würde mich baldigst darum kümmern.
Ich war mir relativ sicher, dass der Rest unseres Bundes, schnell aufhören würde weiter zu bestehen. Ashtari und Ered waren gefordert ihre Kulte neu zuordnen bzw. neu aufzubauen, und Emer würde sicher, nun da er der ranghöchste Knight war, sich um den Wiederaufbau des Reiches kümmern. Mein Brude... nun, mein Bruder würde sich wahrscheinlich ausgiebig seinen Studien widmen. Vielleicht würde es uns beiden gut tun, eine zeitlang getrennter Wege zu gehen.
Nun, offensichtlich hatte jeder meiner Gefährten eigene Pläne. Zum ersten Mal seit ewiger Zeit musste ich mir Gedanken machen was ich tun sollte. Überrascht stellte ich fest, dass es eigentlich auf der Hand lag. Während ich mit Tika in Starlights Sattel saß und Krynn von oben betrachtete, musste ich an die neue Grenze jenseit von Solamnia und Estwilde denken, eine Grenze die standhalten musste. Diese neuen Grenzen waren der Schlüssel zum Fortbestand, nur konnten die Knights alleine diese Grenzen sichern? Ein Plan reifte heran, bis wir schließlich Sancrist erreichten. Ich würde einiges an Vorbereitungen zu treffen haben.
Am Horizont konnten wir in der Morgensonne eine Insel erkennen, wir hatten Sancrist fast erreicht.
Die nächsten Tage verbrachte ich mit Tika, und endlich waren wir nahezu ungestört. Die Uth-Wistan-Familie hatte uns eingeladen auf ihrem Anwesen zu wohnen, sie bemerkten aber recht schnell, dass wir die Zeit für uns selbst benötigten. Zu lange waren wir getrennt gewesen.
Tika war begierig zu erfahren was mir und unseren Freunden seit unserer Trennung in Palanthas widerfahren war. Gerne erzählte ich ihr alles, war es doch eine Möglichkeit vor dem inneren Auge die Geschehnisse Revue passieren zu lassen.
Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte ich mich 'wohl'!
Ehrungen
6.7.353
Am ersten Tag des Councils erschien auch tatsächlich mein Bruder. Er überraschte alle damit, dass er seit langer Zeit wieder eine Weiße Robe trug. Durchaus eine Veränderung die ihm gut stand.
Der Council betrauerte an diesem Tag die zahlreichen Toten. Darunter waren zwei, die seitdem ich denken kann, Teil von mir waren. Tanis und Flint würde ich schmerzlich vermissen, aber auch die vielen anderen wie Gunthar, Elistan, Gilthana... die Liste war viel zu lang.
Wir, die überlebenden Helden des Krieges, wurden später in die Mitte des Councils gebeten. Man wollte uns die Ehre erweißen, und ein kaum enden wollender Applaus emfing uns. Es gab etliche Dankesreden und wir wurden so reich beschenkt, das ich mich durchaus unwohl zu fühlen begann.
Der Lord Mayor von Palanthas beschenkte alle mit einer Stadtvilla seiner Stadt (mit Personal), während Khelben Blackstaff von Calaman uns mit einem Stadtratsposten seiner Stadt (einschließlich dem obligatorischen Schlüssel zur Stadt) ehrte.
Die Zwerge, vertreten durch den Thain von Thorbadin und den Königen von Garnet und der Kalkist Mountains, versprachen uns Waffenhilfe bis an das Ende unserer Tage. Ein sich sichtlich unwohl fühlender Aarokra überbrachte den Gefährten Grüße von Silvara und überreichte jedem eine silberne Feder als Andenken. Ein wahrhaft edles Geschenk der Gefährtin Humas.
Nicht unerwähnt bleiben soll auch das Geschenk des Vertreters der Kender, welcher uns freudestrahlend eröffnete, dass sie ein Bier nach uns benannt hätten.
Die Elfen, vertreten durch Porthios, der neue Speaker of the Sun, und Alhana, welche den Titel des Speakers of the Moon nicht tragen durfte, versprachen uns, das sie Heilung des Landes betreiben würden. Sie versprachen uns auch gezielt, dass das Haus Gardener die Bäume von Solace wieder wachsen lassen würde. Zudem luden Sie uns zu ihrer Hochzeit ein. Ered, der eben noch leicht misstrauisch Porthios anstarrte zuckte merklich zusammen. Zudem schenkten uns die Beiden ein Samen des alten Sonnenbaums aus Silvanost. Der Sage nach...
Entsetzt war ich allerdings von dem Geschenk der Knight of Solamnia. Jeder von uns wurde zum Prinzen von Solamnia ernannt und sollte ein Lehen in Solamnia erhalten. Ashtari erhielt die Insel Shallsee, Ered das Land Gwyned. Die Knights beschenkten sogar Fibi, sie erhielt das Lehen Thisway, und mir erschien es kein Zufall des Thisway direkt an Kendermore genzt.
Tong erhielt eine Menge Geld, da man annahm, das er sich im Tower of High Sorcery seinen Studien widmen würde. Ruminahui, den man direkt fragte was er sich von den Knights erbitten würde, wünschte sich die Hilfe der Knights beim Befreien seiner Heimatwälder aus den Händen der Goblins.
Emer wird in den Stand des High Warriors erhoben und erhält Gaardlund, welches seine Heimat Vingaard Keep einschließt.
Und ich? Ich soll tatsächlich der neue Earl of Gwynttar werden!
Ich glaube im nachhinein, dass ich so sprachlos war, dass ich den High Justice und den High Clerist nur angestarrt habe! Jetzt, mit etwas Abstand von diesem Ereignis, habe ich beschlossen dass ich diese „Ehre“ nicht annehmen kann. Mir fehlen nur die Worte es irgendeinem der solamnischen Würdenträger beizubringen.
Das letzte Geschenk erhielten die Gefährten von Aurumnus. Er schenkte jedem ein goldenes Horn und versprach, dass er schnellstens kommen würde wenn es geblasen werden würde. Zudem versicherte er uns, wenn für einen von uns der Zeitpunkt des Todes gekommen sei, würde er denjenigen persönlich in das Jenseits geleiten. Dies war durchaus eine Ehrerbietung der besonderen Art, welche ich noch nicht einmal Ansatzweise begreifen konnte.
Corwyns Rede vor dem White Stone Council
Am Tage nach dem Whitestone Council wollte ich die Gelegenheit nutzen, um vor den versammelten Führern und Gesandten der Völker meine Rede halten. Man reagierte durchaus überrascht, hatte ich doch bisher keinerlei Anzeichen gezeigt, mich um Politik oder ähnliches zu kümmern. Ich war selbst überrascht, hätte ich doch meinen Platz gerne an jemand anderes abgetreten. Gerne hätte ich Elistan an meiner statt gesehen...
Zum Glück stellte es kein Problem dar vor das Council zu treten. Man machte einem Helden der Schlacht von Neraka bereitwillig Platz. Einen Augenblick drohte meine Nervosität mich zu überwältigen, als sich viele Augen auf mich richteten. Aber Branchala war mit mir und ich bekam mich in den Griff.
„Hiermit begrüße ich euch alle von Herzem, ich mache keinen Unterschied, ob ihr Hill- oder Mountain-Dwarves seit, es ist mir egal ob ihr Silvanesti oder Qualinesti, egal ob ihr Menschen aus Solamnia, Estwilde, Nordmaar oder sonstwoher seid, Kender, Gnome, Zentauren oder Minotauren. Egal ob ihr Kämpfer, Führer, Priester, Magier oder einfache Individuen seit, ich begrüße euch alle, den heute sind wir Vereint.
Ich habe vorab eine Bitte an Euch alle. In den schweren Tagen die vor uns liegen, und ihr mit euren Nachbarn oder einem anderen Volk in Streit liegt, erinnert euch an diese Tage, die Tage des gemeinsamen Triumphs über das Böse. Erinnert euch an Gemeinsamkeiten, nicht an Unterschiede.
Wir haben noch viel Arbeit vor uns, das Land muss von den letzten Resten unseres Feindes gesäubert werden, so dass wir uns innerhalb der neuen Grenzen sicher fühlen können. Ich weiß, das wir das vereint schaffen können und werden, aber was danach?
Niemand von uns weiß, was die Überreste der Drachenarmeen planen, ob sie sich nur ruhig verhalten bis sie erneut erstarkt wieder angreifen? Oder planen sie sogar ärgeres? Es ist absolut imperativ, das wir die neu gezogene Grenzlinie überwachen und verteidigen, aber wer soll das tun? In alten Zeiten haben immer die Knights of Solamnia über die Grenzen gewacht, aber seit dem Cataclysm sind die Knights nicht wieder zur alten Stärke erwacht. Trotzdem haben die Knights of Solamnia ohne zu zögern die erste Reihe in dem vergangenen Krieg bezogen, und hierfür verneige ich mich vor Ihnen. Alle Völker haben in diesem Krieg einen schrecklichen Blutzoll zahlen müssen, aber niemanden hat es härter getroffen als die Knights von Solamnia. Ich weiß, und hierzu muss ich keinen Knight fragen, dass sie auch jetzt wieder die erste Reihe der neuen Grenze sichern werden, aber ich denke das sie dies nicht alleine vollbringen können.
Ihr Völker, hört mich an. Wir alle müssen zur Sicherung der Grenze beitragen, denn jedes Land, auch wenn es nicht direkt an der Grenze liegt, ist in Gefahr wenn Sie erneut bricht. Ich fordere deshalb Euch alle auf, an einer neuzuschaffenden Border Watch teilzunehmen. Die Watch wird Posten auf jedem bedeutsamen Punkt auf der neuen Grenze beziehen, den Gegner beobachten und gegebenenfalls die notwendigen Schritte unternehmen. Die Watch wird aufs engste mit den Knights zusammenarbeiten und Schritte koordinieren, sie wird Beziehungen zu allen Tempeln unterhalten und ebenfalls mit den Towern of Sorcery in Verbindung stehen.
Dies scheint mir der einzige Weg zu sein, einen dauerhaften Frieden zu sichern. Unser Gegenüber durch dauerhafte Präsenz abschrecken.
Ich habe hier in Rohform eine Border Treaty vorbereitet, die sicher noch bearbeitet und verbessert werden muss. Schließlich bin ich nur ein einfacher Krieger und kein Gelehrter, der jedesmal die richtigen Worte finden kann. Diskutiert offen meinen Vorschlag, gebt ihm eine Chance... ich werde mithelfen wo ich nur kann. Freiwillige die ebenfalls mithelfen wollen, können sich bei mir melden, diese Arbeit kann ein Mensch nicht alleine bewältigen. Ich danke Euch.“
Nach meiner Rede ließ ich einen wild diskutierenden Council zurück. Bevor ich mich zurückzog, konnte ich noch erkennen, dass sie sich relativ schnell in zwei Lager aufteilten. Die einen befürworteten den Vorschlag, durchaus weil sie meine Vision verstanden, vielleicht auch nur weil sie ihre eigene Sicherheit mit der ihrer Nachbarn steigen sahen. Die anderen, wie erwartet, legten vielmehr ihre persönliche Sicherheit in die Wagschale, und wollten nur ihre eigenen Grenzen sichern.
Diese Diskussion widerte mich an, es war gerade mal vier Wochen her...
Nachwehen und Aussichten
Die nächsten Tage verbrachte ich mit Tika und dem Rest meiner Freunde, und im großen und ganzen fühlte ich mich so entspannt, wie schon lange nicht mehr. Ered neckte mich, dass dies wohl nur daran liegen könnte, dass ich seit längerer Zeit mal keinen Panzer tragen musste, und dass das Metal nun endlich mal „auslüften“ könne. Witzbold. Tatsächlich war dies einer der wenigen hellen Momente von Ered, ansonsten trug er, bis zu seiner plötzlichen Abreise, ein Grabesgesicht mit sich herum. Ich wusste was ihn beschäftigte, nur war mir nicht klar wie man ihm helfen konnte.
Außerhalb der Reichweite meiner Hilfe befand sich meine Schwester Kitiara. Tong hatte „mit den Mitteln des Turms“ (wie er zu sagen pflegte) herausgefunden das Kit hinter dem Rückzug der Blue Dragonarmy steckte. Zusammen mit den Äußerungen und gestellten Bedingungen, die sie vor der Schlacht zu Ashtari und Tong machte, war klar dass sie nie mehr zurückkommen würde. Offensichtlich hielten ihre Streikräfte Neraka, Sanction und umliegende Gebiete.
Ich frage mich, inwieweit Soth ihr Handeln beeinflusste.
Sobald der Council offiziell beendet war, würde ich versuchen nach Sanction zu gehen um mit Kit zu reden. Tong würde sicher mitkommen.
Drei Tage nach dem Council erhielt ich überraschenden Besuch. Die Dinge sollten eine für mich unerwartete Wendung nehmen.
Drei Vertreter des Rates, in Person der High Justice, Khelben Blackstaff aus Kalaman und der Lord Mayor von Palanthas. Man hatte sich nach zähem Ringen entschlossen, die Border Watch umzusetzen. Ich war fassunglos, hatte ich damit doch wirklich kaum noch gerechnet. Über zwei Drittel der an den Whitestone Forces beteiligten Nationen und Stadtstaaten würden gemäß ihrer Größe Truppen, Logistik und Materialien bereitstellen. Ein Aufruf an Freiwillige, Truppen und Offiziere, die später den festen Kern der Border Watch bilden sollten, würde noch am selben Tag erfolgen.
Blackstaff schaute mich mit durchdringendem Blick an. „Das Problem ist, das wir eine vollkommen neue Befehlskette aus dem Boden stampfen müssen. Das ist kein Auftrag, den jemand nebenbei erledigen kann.“
Ahnungslos tappte ich in die Falle „An wenn habt ihr dabei Gedacht?“
Der Lord Mayor, wie immer griesgrämig, da er an die bevorstehenden Ausgaben dachte, führte fort. „Wir brauchen jemanden, der bei möglichst vielen der Staaten Einfluss nehmen kann. Jemanden der einen ausreichenden Status erlangt hat und...“
Blackstaff unterbrach ihn. „Corwyn Hartwood, wir wollen das Ihr den Job übernehmt!“
Ich war entsetzt „Unmöglich. Ich habe weder ausreichend Einfluss noch eine militärische Ausbildung...“
Der High Justice unterbrach mich. „Keinen Einfluss? Ihr seit Prinz von Solamnia, Kriegsherr von Thorbadin und der Flint’s Alliance, Mitglied des Rates von Kalaman wodurch ihr Einfluss in ganz Estwilde besitzt...“
„und Ehrenbürger von Palanthas...“ lächelte der Lord Mayor gütig in die Runde.
„... und zudem besitzt Ihr ein gewisses Maß an Einfluß bei Aurumnus.“ vervollständigte der High Justice. „Natürlich ist es ein Problem das ihr keinen militärischen Rang bekleidet, aber dem kann ich abhelfen.“
Der High Justice rief nach seinen beiden Adjudanten, auf das sie seine Taten bezeugen konnten. „Corwyn Hardwood, Prinz von Solamnia und Herzog von Gwynttar, aufgrund Eurer Verdienste in der Schlacht um Neraka ernenne ich euch zum General der solamnischen Miliz. Dieser Rang ermöglicht es Euch, an allen Kriegsräten des Reiches teilzunehmen und jeder Angehörige der solamnischen Streikräfte wird euch mit Respekt behandeln. Schwört ihr, diesen Rang nach besten Wissen und Gewissen auszuüben?“
Ich war völlig überrumpelt und zweifelte an meinen Fähigkeiten ein solches Unternehmen zu leiten, aber was hätte ich sagen sollen? Das es mir egal ist was er will und das er sich den Herzogtitel am besten vergessen soll?
Das überschnelle Vorgehen des High Justice war mir zuerst ein Rätsel, aber Khelben Blackstaff erklärte mir später, das viele der kleineren Reiche und vor allem die Flint's Alliance ihr Teilhaben an dem Unternehmen explizit an der Teilnahme einer Person der Gefährten festgemacht hatten; und außer mir war einfach niemand verfügbar (vielleicht von Fibi und Dyrfinna mal abgesehen). Angesichts dieser Auswahl, und das ich den Vorschlag leichtsinnigerweise selbst vorgetragen hatte, blieb dem Ritter keine größere Wahl. Nun, zumindest war Blackstaff ein Freund klarer und deutlicher Worte. Er sagte mir, dass er mich nicht als erste Wahl für diesen Posten gesehen hätte, er sich aber gerne vom Gegenteil überzeugen lassen würde. Gleichzeitig versprach er mir volle und bedingungslose Unterstützung aus Kalaman.
Am Tage darauf gab es im Kreise der anwesenden Solamnier noch eine offizielle Zeremonie (mit viel pompösen Prunk und einer Menge Schnurrbärte). Ich fühlte mich unwohl als man mir die Ehrenzeichen an meinen frisch aufpolierten Panzer heftete. Den ganzen Tag musste ich viele Hände schütteln, und auch Emer und Ashtari waren da um mir zu gratulieren. Innerlich fragte ich mich, warum man mir überhaupt gratulierte? Vermutlich waren alle froh, dass sie einen Verrückten gefunden hatten, der ihnen die Arbeit abnahm.
... und nein, ich werde mir keinen Schnurrbart wachsen lassen.
__________________
- Corwyn, Master of Blades -
Geändert von Corwyn (24.11.2006 um 22:58 Uhr).
|