|
Alhana Starbreeze - Teil 3 (Palanthas)
Zu Astinus zu gelangen, war leichter als erwartet. Die ihm kürzlich verliehene Ehrenbürgerschaft und die Tatsache, dass fast jedes Kind in Palanthas inzwischen wusste wie die Helden aussahen, taten ihr Übriges. Die Aufsehen erregende Landung eines riesigen silbernen Drachen räumte jeden letzten Zweifel aus.
Ered wurde in Astinus’ Schreibstube geführt, wo ihm bald einer der Bibliothekare zum Schreiber der Welt führte.
„Danke, Ihr könnt Euch jetzt zurückziehen“, sagte Astinus ohne den Blick von seinem Buch zu nehmen und ohne mit dem Schreiben aufzuhören. Nur eine Augenbraue hob sich kurz als einziger Aufmerksamkeitsbeweis. Der Bibliothekar verließ leise den Raum und schloss die Tür hinter sich.
„Natürlich weiß ich, weshalb Ihr mich aufsucht, Ered Venteka.“ Astinus blickte für eine Sekunde auf. „Ich möchte Euch daher nur sagen, dass die Dinge oftmals viel einfacher sind, als sie zu sein scheinen.“
„Einfacher?“, fragte Ered.
Astinus unterbrach kurz die Schreibtätigkeit und legte die Schreibfeder zur Seite. Dann blätterte er einige Seiten zurück, nickte kurz, nahm die Schreibfeder wieder in die Hand und blätterte auf die nächste freie Seite, wo er sogleich weiter schrieb.
„Es tut mir leid, Bringer des Lichts. Aber ich fürchte, ich bin nicht der Schlüssel zu Eurem Rätsel.“
„Aber…“, protestierte Ered.
Astinus unterbrach ihn: „…aber ich bin auch nicht der einzige, der täglich in Bücher schreibt und die Seiten umblättert“, sagte er. „Seht Ihr. Seit den Wirren dieses Krieges denkt Ihr in viel zu komplizierten Bahnen. Manchmal sollte man einfach auf das vertrauen, was man selbst kennt und was man selbst tut.“
„Ihr sprecht in Rätseln, werter Astinus. Wegen eines Rätsels bin ich zu Euch gekommen und mit einem Rätsel schickt Ihr mich wieder fort?“, fragte Ered.
„Ich schicke Euch nicht fort. Nur habe ich zu tun.“ Er schrieb weiter in seiner fließenden Handschrift. „Und ich kann Euch nur sagen wie die Dinge waren. In die Zukunft schauen kann ich nicht und die Gegenwart ist in ständiger Bewegung. Den Überblick zu behalten und alles aufzuschreiben, das ist meine Aufgabe“, stellte Astinus klar.
Frustriert starrte Ered in die Leere in verzog das Gesicht.
„Ich danke Euch für Eure Zeit, Astinus“, sagte Ered und wandte sich zum Gehen.
„Jederzeit, Ered Venteka. Und denkt daran, Ihr wisst schon alles, was Ihr braucht.“
Ered hielt kurz inne und schaute zurück, als wolle er sich noch einmal umdrehen, verbeugte sich dann aber und verließ den Raum.
*
Silverstream, der in seiner menschlichen Form vor der Bibliothek wartete, fragte Ered nach dessen sehr kurzen Besuch bei Astinus.
„Mir scheint, als wäre Euer Besuch bei Astinus nicht so gelaufen, wie Ihr Euch das vorgestellt habt“, sagte Silverstream.
„Es scheint nichts so zu laufen, wie ich mir das vorstelle“, erwiderte Ered. „Nur weitere Rätsel…“, fügte er frustriert hinzu.
Sie gingen in das Villenviertel hinauf, wo das Haus lag, das Ered vom Lord Mayor geschenkt bekommen hatte.
„Ein so wundervoller Tag“, begann Silverstream, „ich hatte diese Perspektive ganz und gar vergessen, wisst Ihr?“
„Welche Perspektive?“, fragte Ered. „Ihr meint Eure menschliche Form? Entschuldigt, aber ich habe immer noch Probleme damit.“
Silverstream schien Ered nicht gehört zu haben, zu fasziniert schaute er sich um, die Hände hinter dem Rücken ineinander gelegt. Er lächelte freundlich. Dann kamen sie zu dem Haus, in dem Ered bereits mehrere Nächte verbracht hatte, was aber ansonsten noch leer stand. Es war sauber, immerhin, und es enthielt mehr Zimmer als Ered sich jemals vorgestellt hätte benötigen zu müssen. Sie betraten den Vorraum.
Es dauerte eine Weile, bis sie sich etwas zu Essen bereitet hatten. Ered war nicht sehr geübt darin.
„Ich bin mir sicher, man wird Euch hier in Palanthas auch eine Dienerschaft bereitstellen“, sagte Silverstream. „Es ist unwürdig, so zu hausen. Sobald Ihr etwas Ruhe gefunden habt, solltet Ihr das Anliegen dem Lord Mayor vortragen.“
„Ich bin es nicht gewohnt, dass man mich bedient“, sagte Ered. „Und, wolltet Ihr anderen Leute alles vor die Füße tragen?“
„Natürlich nicht“, antwortete Silverstream. „Aber ich möchte hinzufügen, dass so mancher sich so seinen Lebensunterhalt verdient. Der eine trägt die Lanze von Huma und andere Bürden, der andere das Essen aus der Küche auf den Tisch. So ist das nun mal.“
„Wahrscheinlich habt Ihr Recht. Es ist nur so schwer, mich daran zu gewöhnen.“
Ered schob das restliche Essen beiseite und packte seine Sachen aus dem magischen Beutel. Unter anderem auch das Buch von Gilean, in das er seit der Schlacht von Neraka jeden Abend schrieb.
Silverstream beobachtete ihn aufmerksam und wartete bis Ered fertig geschrieben hatte und das Buch zuklappte.
„Was hat Astinus eigentlich gesagt?“, fragte Silverstream.
„Was soll er schon gesagt haben? Er hat gesagt, dass er mir nicht helfen könne, da er nicht für das Lösen von Rätseln sondern für das Schreiben von Krynns Geschichte da wäre.“
„Und was noch?“, fragte Silverstream weiter.
„Das alles viel einfacher ist als es zu sein scheint, und das ich bereits alles wüsste, um selbst darauf zu kommen.“
„War das alles?“
„Ja, ich denke schon“, sagte Ered.
„Wirklich?“, insistierte Silverstream.
„Ach ja, und das er nicht der einzige wäre, der immer in Bücher schreibt.“
„So…“, machte Silverstream geheimnisvoll und lächelte geheimnisvoll.
„So?“, fragte Ered. „Das ist alles?“, fügte er hinzu.
„Na ja. Ihr habt doch auch gerade in Euer Buch geschrieben.“
„Ich?“, fragte Ered verblüfft. „Natürlich. Ich habe mir das inzwischen angewöhnt. Seit der Schlacht von Neraka und unserem kleinen Abenteuer bei der Befreiung von Tika. Ich hatte doch irgendwie Angst, das ich alles vergessen würde.“
„Habt Ihr mir nicht damals gesagt, dass dies ein besonderes Buch für Euch ist?“
Ered machte große Augen und zog die Stirn in Furchen.
„Natürlich!“ Er patschte mit der flachen Hand auf den Einband. Dann schlug er das Buch wieder an der Stelle auf, die er zuletzt beschrieben hatte.
Er blätterte einige Seite zurück, das gleiche, das Astinus gemacht hatte, als er ihn besuchte.
…Alhana, wie sie an ihres Vaters Grab trauerte... Cyan, wie er mit der Dunkelheit sprach, wütend über die Geschehnisse… Alhana, wie sie im Thronraum über ihre Zukunft sinnierte… Ariakas, wie er neue Pläne schmiedete… Alhana, an dem Tag ihrer Hochzeit mit Porthios, aber es war nicht Porthios… Ein Buch, dessen leere Seiten sich nach und nach füllten… Alhana und Porthios, die vor etwas fortzulaufen schienen, aber es war nicht Porthios… Chaos, dass sich über das wiedervereinigte Elfenreich legte… Alhana, wie sich ihm zuwandte, ihre Augen Hilfe suchend… Ein Drachenkopf, der über Silvanost schwebte… Alhana, deren Gesichtszüge grausam entstellt waren… Ein Drachenkopf, der über Qualinost schwebte… Alhana, deren Kopf langsam die Form eines Drachen annahm… Ein Drachenkopf, der wie Cyan aussah… Die gut aussehende Gestalt eines mächtigen Kriegers… Alhana, die zusammengebrochen war… Porthios, der über all das lachte…aber es war nicht Porthios...
Ered musste es sich zweimal durchlesen, bevor er endlich verstanden hatte.
„Ich verdammter Narr! Jetzt wo ich die Zeilen lese, erinnere ich mich wieder an die Vision, die ich hatte. Irgendetwas hat dabei nicht gestimmt. Ich habe es nicht beachtet, weil alle Visionen, die ich bisher hatte, nie so ganz klar gewesen waren!“
„Und das heißt?“, fragte Silverstream.
„Das kann nur heißen, dass Porthios irgendwie nicht mehr Porthios ist.“
„Und wer ist er?“
„The man she’s about to take, is not who it seems, a fake. Das waren die Worte von Mendryl”, sprudelte es aus Ered heraus.
Ered war jetzt ganz aufgeregt. Er kramte in seinen Sachen und förderte die kleine Kugel zu Tage, die Tongwa ihm vor kurzem geschenkt hatte. Tongwa hatte gesagt, dass er ihn damit immer erreichen könnte. Er hielt die Kugel in den Händen und konzentrierte sich, genau so wie es Tongwa ihm beschrieben hatte und wie sie es einmal ausprobiert hatten.
„Tongwa. Hier ist Ered“, redete er die Kugel an. Silverstream sah ihn nur an und lächelte vergnügt.
Ered schaute in die Kugel und sah, wie jemand vom anderen Ende des Raumes, den die Kugel zeigte, darauf zu kam.
„Ered, mein Freund. Was ist los? Alles in Ordnung bei euch?“, waren die Worte von Tongwa, als ob er direkt neben ihm stehen würde.
„Ja, danke Tongwa. Ich habe eine Frage“, sprach Ered.
„Na dann los“, sagte Tongwa, „ich hoffe, dass ich helfen kann.“
„Das glaube ich sehr wohl, mein Freund. Sag, was gibt es für Möglichkeiten, die Gestalt von jemand anderem anzunehmen?“
„Ah, eine Frage zur Magie. Nun, es gibt da verschiedene Möglichkeiten. Illusionen und Verwandlungszauber zum Beispiel“, antwortete Tongwa.
„Kann man das feststellen? Ich meine, dazu ist doch Magie notwendig, die auf jeden Fall sichtbar wäre, oder?“, fragte Ered.
„Nicht unbedingt, Ered. Es gibt einen Zauber, der das so macht, dass man es nicht gleich feststellen kann“, sagte Tongwa. „Aber auch da gibt es natürlich Möglichkeiten“, fügte er nachdenklich hinzu. „Aber warum fragst du? Willst du so einen Zauber lernen?“
„Nein, hatte ich nicht vor“, sagte Ered. Er dachte kurz nach. Das kann es noch nicht gewesen sein. Alle Möglichkeiten würden irgendwie erkennbar sein.
„Gibt es noch andere Möglichkeiten? Vielleicht Dämonen, Geister, andere Wesen, was weiß ich?“
Tongwa dachte kurz nach. Dann fiel es ihm wieder ein.
„Ja, es gibt noch eine andere Möglichkeit. Doppelganger!“, sagte Tongwa.
„Doppelganger?“, fragte Ered.
„Das sind Wesen, die einen anderen Körper vollständig übernehmen können. Das kann man nicht wirklich feststellen, weil es streng genommen die gleiche Gestalt wäre. Das hätte allerdings fatale Folgen für den, der übernommen werden soll.“
„Was für Folgen?“
„Tod“, war das einzige Wort, das Tongwa sagte.
„Tod?“, fragte Ered. „Das passt! Ich danke dir Tongwa. Danke.“
„Was passt?“ fragte Tongwa.
„Das kann ich dir jetzt nicht sagen. Noch nicht“, sagte Ered. „Vertrau mir“, fügte Ered mit einem Augenzwinkern hinzu. „Ich melde mich wieder.“
„Na dann pass mal weiterhin schön auf dich auf, mein Freund. Wenn ich dir helfen kann, dann rufe mich, ich werde kommen.“
„Danke Tongwa, aber in diesem Fall muss ich da wohl selbst durch.“
„Wie du meinst, Ered. Du weißt, dass du immer auf mich zählen kannst.“
„Ja, danke, mein Freund. Ich melde mich wieder“, sagte Ered und die Kugel wurde wieder dunkel und zeigte nur noch den Schein der Kerzen…
Geändert von Ered (14.08.2006 um 22:42 Uhr).
|