AW: Die Magier von Montparnasse
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03.08.2010, 15:08
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Nachdem ich endlich die Zeit gefunden habe, diesen Roman selbst zu lesen, muss ich meinem Vorredner etwas widersprechen.
MagunRas Kritikpunkte, dass der Roman nicht immer flüssig zu lesen sei und dass der Autor die Chancen nicht nutze, die das Setting des Varietés im Jahr 1926 geboten hätte, sind vollkommen korrekt, soviel sei vorweg gesagt. Aber ich bewerte das vollkommen anders:
Man stelle sich vor: Ein Murmeltiertag, der mehrere Magier gefangen hält, gefangen in ständiger Wiederholung und gezwungen, den Grund dafür aufzuklären. Magier, die sich nicht besonders mögen und teilweise sogar bekämpfen. Magier, deren Selbstbezogenheit teils unglaublich ist und von denen es keiner wagt (wagen kann?), den anderen sein gesamtes Wissen zu offenbaren. Magier, die eine Gefahr spüren, die sie noch nicht benennen können. Und das unter "normalen" Menschen, die diese Wiederholung zwar nicht bewusst bemerken, denen sie aber trotzdem unbewusst aufs Gemüt schlägt. Wie überhaupt dieser eine Tag Paris immer tiefer zu ziehen scheint...
Das alles wird aus ständig wechselnden, sehr individuell geprägten Perspektiven und in einer teils hypnotischen Sprache erzählt. Eine Sprache, die dazu verleitet, schnell zu lesen und dann dazu zwingt, sich zu beherrschen, will man nicht den Überblick verlieren. Das ist nicht einfach, aber faszinierend.
Und ja, es ist wahr: Plaschkas Roman ist im wesentlichen auf seine Protagonisten gebaut und das sind sehr starke Protagonisten, die bis zum Schluss nie ganz das sind, was sie zu sein scheinen, geschweige denn das, was sie vorgeben zu sein. Und ja, unter dieser Schwerpunktsetzung leidet die Darstellung des Settings. Die Roaring Twenties sind eher Zufall, nicht Schwerpunkt. Das kann man kritisieren, mich persönlich hat es nicht im geringsten gestört. Eher im Gegenteil! Wo viele Fantasyromane unglaublich blasse und platte Charaktere durch eine reichhaltig ausgeschmückte, große Welt schicken, geht Plaschka hier einen anderen Weg: Seine Welt ist klein, beschränkt - sowohl zeitlich (immer wieder derselbe Sonntag) als auch örtlich (eine kleine Bar mit Pension in Paris) - dafür sind seine Charaktere umso größer, umso vielfältiger. Und das könnte auch nicht anders sein, denn sonst würde der Roman nicht funktionieren: Die Beschränkung des Settings spiegelt die Schranken wieder, die den Protagonisten auferlegt sind. Die Welt mag noch so groß sein, das Varieté noch so bunt - die Protagonisten sind gefangen, wie sollen sie dies genießen. Und wir die Welt durch die Augen dieser Gefangenen sehen, wie könnten wir sie als aufregend uns bunt empfinden? Das einzige, was sich verändert, sind die Magier selbst und ihre Beziehungen zueinander. Ihre Rivalität, aber auch ihr gegenseitiges Verständnis. Dies alles ist im Fokus des Romans und Plaschka bastelt daraus eine wahrlich fesselnde Geschichte.
In meinen Augen ist "Die Magier von Motparnasse" ein großartiger Roman.
__________________ Es ist ein weitaus schicklicheres Unterfangen ein Abenteuer zu lesen, als selbst eines zu erleben. |