Geschichten aus Aventurien: Aus dem Leben einer RONDRA-Geweihten
Jetzt ist er schon wieder eingeschlafen, womit habe ich DAS denn nur verdient. Oh Göttin gib mir Kraft und Langmut oder zeige mir wenigstens den Sinn dieser Prüfung. Jetzt beginnt es auch schon wieder zu schneien. Nicht das mir mein heimatliches Weiden nicht gefällt. Nein ganz und gar nicht. Aber hier in der südlichen Ecke zwischen Baliho und Wehrheim, in der Mitte des FIRUN auf der Jagd nach Vampiren durch einen finsteren Wald zu reiten, ist nicht gerade ein Höhepunkt meines Lebens im Dienst der Göttin. Und dann noch dieser schlafende Zwerg. Das würde ja selbst eine TSA-Geweihte zur Raserei treiben.
Wie oft habe ich ihm schon gesagt, dass er beim Reiten nicht schlafen sollte. Auch wenn er sich selbst oft nur als zusätzliche Packtasche auf meinem treuen Tralloper Riesen betrachtete. Wozu hatte ich mit ihm zusammen so oft geübt, dass er im Zeichen von Gefahr die Zügel übernahm, so dass ich mit beiden Armen ungehindert agieren konnte. Wobei seltsam war es schon: Reiten konnte der Wicht alleine kein Stück aber beim Üben mit meinem treuen Wargest, hatte man den Eindruck als könne er mit ihm reden. Na ja mit seinem Hund redet der komisch Kauz ja auch. Und nun stecken wir hier mitten im Wald und noch mindestens eine Stunde Wegs bis zur Burg.
Vielleicht ist es Zeit für eine Litanei des Schwertes, um die Sinne zu schärfen und sich den Sinn des Weges vor Augen zu führen. Wie viele Jahre mag es wohl her sein, dass ich diesen Weg eingeschlagen habe. Wenn ich ehrlich bin, mögen wohl fast 20 Jahre vergangen sein. Damals in dem kleinen Weiler in der Nähe von Donnerbach. Meine Freundinnen und ich waren zum Spielen draußen und sammelten Feldblumen um sie unserer PERAINE-Geweihten zum Schmuck ihres Schreins zu bringen. Als wir wieder einmal von Ulf Donnerstein und seiner Bande „überfallen“ wurden. Heute muss ich bei dem Gedanken grinsen, aber damals war mir absolut nicht zum Lachen zumute. Wie üblich machten Ulf, ein Bengel im Alter von 7 Jahren, und seine Freunde sich einen Spaß daraus, uns „doofe“ Mädchen mit Lehmbrocken durchs Dorf zu jagen, wobei unsere Feldblumen in alle Winde zerstreut wurden. Die Jagd fand erst ein Ende als ich den Kopf wand um nach meinem Verfolger zu sehen und plötzlich gegen etwas Grosses und Weiches prallte.
Ich blickte nach oben und schaute erschrocken auf die riesige Gestalt, die vor mir aufragte. Unter einem Helm mit Pferdebusch schauten ein paar belustigt scheinende Augen, die so gar nicht zu dem vernarbten und ernsten Gesicht passen wollten, auf mich herab. Ich bereitete mich schon auf ein fürchterliches Donnerwetter aus ihrem Munde vor, denn offensichtlich war es eine Kriegerin oder vielleicht gar noch schlimmer ein RONDRA-Geweihte und ich war mitten in Ihr Pferd gerannt.
„Na, wohin den so eilig in panischer Flucht?“ fragte Sie mich und schaute mich dabei ohne zu blinzeln an. „Bande, verfolgt, Blumen ...“; mehr brachte ich in meiner Atemnot nicht hervor.
„Warum gehst du denn Weg des Hasen, wenn du nicht willst?“ fragte sie mich. „Halte Stand, denn du musst wissen wer kämpft, kann verlieren. Aber wer nicht kämpft, hat schon verloren. Brülle Ihnen deinen Zorn entgegen! Leiste Widerstand!“ Mit diesen Worten tätschelte sie ihr Pferd und ritt davon.
Ein Windstoss bringt mich in die Realität zurück. Bei allen Seelen in Borons Reich es wurde noch kälter. Der Windstoss hatte eine Strähne meines Haares losgeweht und ich sah, dass die Spitzen eis-überkrustet waren. Dann hörte ich das erste Heulen, der Wind trug es leise zu mir heran, aber ich wusste, wie sehr dies in solch einer Schneelandschaft täuschen könnte. „Hey, Turmalin,“ ich stupste denn Zwerg vor mir an. „Wacht auf oder Ihr könnt euch bald zum ewigen Schlafe legen.“ Da bewegt sich das Bündel aus Eis, Schnee und Kuttenstoff vor mir. „Sind wir da?“ grummelte es aus seinem Bart. „Nein, noch lange nicht, aber es sieht so aus als wollten uns paar Wölfe Gesellschaft leisten.“ Bei diesen Worten überfiel mich meine Erinnerung erneut. Es muss einige Monate nach der Begegnung mit der RONDRA-Geweihten gewesen sein. Der erste Schnee war gefallen und wir Kinder waren mit unseren Schlitten auf einen Hügel nah dem Dorf gezogen, um ein bisschen Spaß zu haben. Es wurde spät am Nachmittag und nach und nach gingen meine Freunde nach Hause. Ich konnte aber nicht von der lustigen Fahrerei lassen, vom Wind, der um mein Gesicht wehte und vom Schnee der unter denn Kufen knirschte. Eh ich mich versah, musste ich mich in der Dämmerung allein auf den Heimweg machen. und da hörte ich es ebenfalls, das grausame Heulen einer Meute auf der Jagd. Ich begann zu rennen, um das Dorf noch rechtzeitig zu erreichen, aber schon bald wurde ich der grauen Schatten auf dem Schnee neben mir gewahr und ich musste einsehen, dass ich das Rennen gegen diese Jäger nicht gewinnen konnte. Doch da vielen mir die Worte der Kriegerin wieder ein. Ich blieb stehen und schöpfte Atem. Den Schlitten hielt ich wie einen Schild vor mich. Und dann kamen Sie, es waren wohl nur ein halbes Dutzend, aber mehr als genug für so ein kleines Mädchen wie mich. Die Furcht erfasste mein Herz aber ich wollte nicht weiter fliehen und da erfasste mich heißer Zorn. Ich holte tief Luft und brüllte die Meute an … und das Wunder geschah. Es war nicht der zaghafte Schrei eines kaum 5 Jahre alten Mädchens sondern das Gebrüll einer Löwin. Die Wölfe waren so erschrocken, dass Sie mit eingekniffenen Schwänzen zurück in den Wald flohen. Unbeschadet überstand ich denn Rest des Heimwegs. Im Dorf schenkte niemand meiner Geschichte Glauben und ich wurde nur ausgeschimpft für meine späte Heimkehr. Doch dies war die Geburtstunde meines Wunsches Kriegerin, ja sogar RONDRA-Geweihte zu werden. Von diesem Tag an wich ich nicht mehr zurück. Auch wenn ich für diesen Stolz mehr als einmal mit einer anständigen Tracht Prügel bezahlte. Was allerdings nicht heißen sollte, dass meine Gegner damals ohne Blaue Flecken nach Hause kamen.
So zogen die Jahre ins Land und aus dem kleinen Mädchen wurde ein zwölfjähriger Wildfang. Zumindest traute sich jetzt keiner der Jungs mehr in meiner Anwesenheit über schwache Mädchen zu lästern. Meine Mutter hätte es wohl lieber gesehen, wenn ich mehr zu Hause und nicht soviel in der einzigen Strasse unseres Dorfes unterwegs gewesen wäre. Mein Vater sah es jedoch mit Stolz und im Alter von sieben Jahren durfte ich Ihm zum ersten Mal in der Schmiede helfen und denn Blasebalg bedienen. Später reichte ich ihm die Werkzeuge und zu meinem zehnten Geburtstag durfte ich mir mein erstes Messer schmieden. Dort war es auch, dass ich die Geweihte wieder traf. Ihr Pferd hatte ein Hufeisen verloren und sie war in die Schmiede meines Vaters gekommen, um es vor der Weiterreise neu beschlagen zu lassen. Mein Vater war sehr ehrfürchtig ob dieses hohen Besuchs in unserer einfachen Schmiede. Dies lies mir meinen Wunsch auf einmal unerreichbar erscheinen; solch eine hohe Person konnte ich doch niemals werden. Vater hieß mich das Pferd halten, während er das Hufeisen anpasste. Der Rappe scheute doch ich zeigte keine Furcht und hielt nur standhaft die Zügel fest. Es hätte mich zwar fast von denn Beinen gerissen, doch bald saß das Hufeisen und das Pferd wurde wieder ruhig. Die ganze Zeit über hatte mich die Geweihte nicht aus den Augen gelassen. „So,“ so sprach Sie dann, „du hast also meinen Ratschlag vor Jahren beherzigt. Erzähle, wie ist es Dir dabei ergangen?“. Das brachte meinen Vater auf den Plan, „So ihr wart das, wir konnten uns nicht erklären was vor vielen Jahren mit unserer Tochter geschah. Im Winter nach eurer Begegnung kam Sie eines Tages aus dem Wald mit einer wilden Geschichte von Wölfen und Löwengebrüll zurück. Von diesem Tag an gab es keine Prügelei und kein Kampfspiel mehr, an dem unsere Kleine nicht teilnehmen musste.„
Die Kriegerin versank in Nachdenken und Ihr Blick ruhte auf mir. Dann richtet Sie Ihre Rede an mich. „Wie heißt du?“, fragte sie mich. Ich blieb vor Schreck stumm, lies meinen Blick aber nicht sinken. „Glaubst du, du kannst noch viel mehr blaue Flecken ertragen, um vielleicht in Zukunft das Schwert der Löwin zu tragen?“ fragte Sie dann. Ich konnte noch immer nicht sprechen, nickte aber heftig mit Freudentränen in den Augen. „Also dann, sei es abgemacht. Ich muss noch nach Gareth um der dortigen Garnison Botschaft zu bringen, aber auf dem Rückweg nehme ich dich mit, damit du eine Novizin in Donnerbach werden kannst. Wenn du dich bewährst so will ich deine Lehrerin werden und du sollst dem Namen der Löwin alle Ehre machen. So wahr ich Tjaika Leuenherz heiße!“ Mit diesen Worten warf sie meinem Vater ein paar Münzen zu bestieg Ihr Pferd und ritt fort.
To be continued …
Mit freundlicher Genehmigung von Turmalin, einem Geoden aus den Amboßbergen
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